Mercedes EQC Endlich elektrisch
Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche
Foto: SOREN ANDERSSON/ AFPEs ist etwa zwei Jahre her, als Daimler-Chef Dieter Zetsche auf dem Pariser Autosalon die elektrische Revolution für Mercedes ankündigte: "Wir legen den Schalter um", sagte er damals. Dann passierte erst einmal nicht viel bei dem Autohersteller aus Stuttgart, zumindest nichts Sichtbares.
Dass die Entwicklungsingenieure schon damals alle Hände voll zu tun hatten, offenbart nun der EQC - das erste für die Großserie entwickelte Akku-Auto von Mercedes. In Stockholm wurde der Wagen nun enthüllt.
"Er ist Teil einer wachsenden Familie von rein elektrisch angetriebenen Fahrzeugen bei Mercedes-Benz", sagte Entwicklungsvorstand Olla Källenius im Rahmen der Präsentation und kündigte mehr als 50 elektrifizierte Fahrzeuge an. Mercedes investiert für die EQ-Modelle über zehn Milliarden Euro, noch mal eine Milliarde Euro steckt der Hersteller nach eigenen Angaben in die Batterieproduktion.
Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 180 km/h
Das aktuelle Modell bringen zwei E-Motoren in Fahrt, die an beiden Achsen montiert sind und zusammen 408 PS leisten. Ihr maximales Drehmoment liegt bei 765 Nm, das ermöglicht einen Start, der selbst die Tuningfraktion von AMG neidisch machen dürfte: Nur 5,1 Sekunden braucht der fast 4,80 Meter lange und 2,5 Tonnen schwere Koloss, bis er auf Tempo 100 ist. Danach lässt es der EQC langsamer angehen. Mit Rücksicht auf die Reichweite hat Mercedes das Tempo auf 180 km/h limitiert.
Mercedes EQC: SUV für die Steckdose
So soll der immerhin 80 kWh große Akku für eine Reichweite von mehr als 450 Kilometer sorgen. Mercedes tut viel dafür, dass man diesem Wert in der Praxis möglichst nahe kommt. So verfügt das SUV über verschiedene Fahrprofile mit unterschiedlicher Dynamik, eine in mehreren Stufen einstellbare Rekuperation, bei der die Energie im Generator zurückgewonnen wird, statt an den Bremsscheiben in Wärme zu verrauchen. Zusätzlich sorgen eine intelligente Navigation und ein vorausschauender Tempomat für ein kluges Energiemanagement. So berücksichtigt der Tempomat außer dem Abstand zum Vordermann auch die Topografie und die Wegpunkte der Strecke, beispielsweise lässt er den Wagen kurz vor einer Kurve nicht mehr beschleunigen.
Wenn der Akku trotz allem irgendwann leer ist, muss der EQC an die Steckdose - und dort angesichts der hohen Batteriekapazität relativ lange parken. Wem dafür die Zeit fehlt, der bestellt eine eigene Lademöglichkeit für Zuhause, die sogenannte Wallbox, oder sucht sich eine passende Säule für den serienmäßigen Gleichstromlader. Abhängig vom Ladestand lädt der EQC dann nach Auskunft von Daimler mit einer maximalen Leistung von bis zu 110 kW und kann seine Akkus in etwa 40 Minuten von zehn auf 80 Prozent füllen.
"Vorreiter einer avantgardistischen Elektro-Ästhetik"
Dass das E-Auto von Mercedes ein SUV ist, liegt an der großen Nachfrage nach den Geländewagen. In Form und Format erinnert es stark an den GLC. Zu den Konkurrenten zählen der Jaguar i-Pace, der Audi e-tron und vor allem das Tesla Model X. Anders als Jaguar und Tesla hat Mercedes ähnlich wie Audi ein vergleichsweise konventionelles Design gewählt. Schließlich wollen die Schwaben ihre alte, nicht unbedingt experimentierfreudige Kundschaft mit in die neue Zeit nehmen. Chefdesigner Gorden Wagener sieht in dem EQC den "Vorreiter einer avantgardistischen Elektro-Ästhetik".
Innenraum des Mercedes EQC
Foto: DaimlerDafür hat er den Grill schwarz und vollflächig gestaltet wie das Display eines Smartphones, hat blaue Lichtfackeln in die LED-Scheinwerfer gesetzt und blaue Linien wie Kabelstränge in die Felgen gezeichnet. Außerdem bekommt das SUV über dem rund 500 Liter großen Kofferraum ein Coupé-Heck. Wer einen GLC schön findet, der wird auch den EQC mögen - und das kann Daimler nur recht sein, schließlich ist der GLC aktuell das weltweit erfolgreichste SUV des Konzerns.
Innen ist der EQC eine Kombination aus den Modellen GLC und A-Klasse: Das Layout des Cockpits kennt man aus dem Geländewagen, die Technik stammt aus dem Kompakten - nur das Design wurde mit reichlich Kupfer auf den Konsolen angereichert und soll für eine Elektro-Ästhetik sorgen, heißt es. Es gibt ein riesiges Cockpit in Breitbildoptik und endlich einen Touchscreen. In neuen Untermenüs lässt sich der Ladevorgang planen oder die Klimatisierung des Wagens im Stand. Vor allem gibt es die faszinierende Sprachsteuerung, die Dialoge ermöglicht, wie man sie von Apples Siri oder Amazons Alexa kennt. Wer sich also nicht ganz durchwühlen will durch die endlos vielen Unterpunkte im Menü, der sagt einfach, was er will und hofft darauf, dass der Wagen ihn versteht.
Für Mercedes ist der EQC mehr als ein Auto
Die Nähe zum GLC hat aber auch Nachteile: So gibt es vorn zwischen den Sitzen eine endlos breite Mittelkonsole, in der sonst das Getriebe steckt. Im Fond durchquert der ungenutzte Kardantunnel des Allradantriebs den Fußraum. Außerdem verschenkt Mercedes Stauraum unter der Haube, der durch den Wegfall des Verbrennungsmotors eigentlich zur Verfügung stünde, aber aus Gründen der Produktion anders genutzt wird.
Die Weiterentwicklung der bestehenden Plattform ist intern ein großer Gewinn: "So können wir den EQC erst in Bremen und später auch in Peking völlig flexibel auf einem Band mit GLC und C-Klasse bauen und entsprechend leicht auf die Entwicklung der Nachfrage reagieren", freut sich Projektleiter Michael Kelz. Wer allerdings hofft, dass sich dieser Vorteil für Flexibilität und Automatisierung auch in einem attraktiveren Preis niederschlägt, den wird Mercedes womöglich enttäuschen. Der Preis wird voraussichtlich um die 70.000 Euro liegen.
Für Mercedes ist der EQC mehr als ein Auto. Er ist der Kern einer neuen Marke: So wie AMG für die Raser und Maybach für die Reichen soll EQ mit "Electric Intelligence" zur Technologiemarke für Elektromobilität im Daimler-Konzern werden und über das Produkt hinaus ganzheitliche Lösungen fürs Reisen und fürs Laden bieten, sagt Vertriebschefin Britta Seeger.
Der Mercedes wird erst ab Frühjahr ausgeliefert
Das ganze Brimborium in Stockholm sollte zeigen, wie ernst es Mercedes mit der Elektrifizierung meint. Doch es kann über ein Problem nur schwer hinwegtäuschen: Mercedes war zwar mit Autos wie dem elektrischen Smart und der umgerüsteten B-Klasse früh dabei, ist jetzt aber spät dran mit dem ersten elektrischen Großserienmodell. So können E-Auto-Kunden beispielsweise den Jaguar i-Pace bereits kaufen, und der Audi e-tron soll zum Jahresende kommen. Der Mercedes wird dagegen erst ab dem späten Frühjahr ausgeliefert.