Dreh von "Apocalypse Now" Am Ende waren alle verrückt

Drogen, Naturkatastrophen, rituelle Tierschlachtungen: Der Dreh zu "Apocalypse Now" war so anarchisch, dass der Film kaum fertig wurde. Heute gilt das Werk als Meilenstein der Kinogeschichte - gerade wegen der Exzesse am Set.

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Arthaus/Studiocanal

Die Hauptfigur Captain Willard liegt betrunken auf einem Hotelbett in Saigon und raucht, der Deckenventilator kreist wie ein Helikopterrotor. Dann beginnt Willard, schwankend durchs Zimmer zu tanzen, posiert in Unterhose vor dem Spiegel, zerschlägt das Glas und zerschneidet sich die Hand. Er weint und sinkt in sich zusammen. Francis Ford Coppolas Vietnam-Epos "Apocalypse Now" beginnt mit einem Zusammenbruch - der nicht gespielt war.

Die Szene wurde am Geburtstag des Schauspielers Martin Sheen gedreht, und der ließ es ordentlich krachen. "Ich war so betrunken, dass ich nicht mehr aufstehen konnte", erinnert sich Sheen. Der Dreh lief vollkommen aus dem Ruder. "Ich wartete, dass Francis herauskam", schreibt Eleanor Coppola, die Frau des Regisseurs, in ihrem Tagebuch. "Schließlich ging ich hinein. Francis und Marty (Sheen - d. Red.) waren allein. Marty lag auf dem Bett und redete von Liebe und Gott. Er sang 'Amazing Grace', versuchte Francis und mich zum Mitsingen zu bewegen, hielt unsere Hände fest und weinte."

"Apocalypse Now" zeigte 1979 den Vietnam-Krieg als beklemmendes und psychedelisches Spektakel und hat seine Wirkung bis heute nicht verloren. Das mag damit zusammenhängen, dass die Dreharbeiten selbst ins Irrsinnige kippten - wie die Dokumentation "Reise ins Herz der Finsternis" 1991 auf erschütternde Weise belegte.

Freiwillig auf die Minenfelder

Francis Ford Coppola, Drehbuchautor John Milius und George Lucas planten bereits Ende der Sechzigerjahre einen Kriegsfilm, der an Joseph Conrads Roman "Heart of Darkness" angelehnt sein sollte, verlegt nach Vietnam: Mit einer kleinen Mannschaft soll Captain Willard den Fluss hinauf bis nach Kambodscha fahren und den wahnsinnig gewordenen Colonel Kurtz, der im Dschungel eine Art religiösen Opferkult errichtet hat, töten. Milius hätte gern direkt vor Ort in Vietnam gefilmt - 1969 wohlgemerkt, kurz nach der Tet-Offensive: "All meine Kommilitonen von der Filmschule, die nach Kanada auswanderten oder heirateten, um dem Krieg zu entkommen, wollten mit einem Mal Scheinwerfer und Tonausrüstung über die Minenfelder tragen." Trotzdem scheiterte der erste Anlauf: 1970 musste Coppolas Produktionsfirma Zoetrope Konkurs anmelden.

Erst nachdem er vier Jahre später mit den ersten beiden "Der Pate"-Filmen nicht nur zu einem der populärsten Regisseure Hollywoods, sondern auch zum Millionär geworden war, beschloss Coppola, einen zweiten Versuch zu starten - finanziert mit seinem eigenen Vermögen. Geplant waren Produktionskosten von 13 Millionen Dollar; ein Betrag, der sich bis zur Premiere des Films fast verdreifachen sollte.

Mit dem inzwischen auf mehrere Hundert Seiten angewachsenen Drehbuch, dem Filmteam, seiner Frau, seinen drei Kindern und einem eigenen Filmvorführer reiste Coppola im Februar 1976 auf die Philippinen. Das Projekt ließ sich gut an: Marlon Brando hatte zugestimmt, Colonel Kurtz zu spielen, Harvey Keitel übernahm die Rolle des Captain Willard. Auch die Frage, wie man schweres Kriegsgerät beschaffen sollte, ließ sich anfangs leicht klären. Da die U.S. Army die Kooperation verweigerte, mietete man Helikopter der philippinischen Armee. Größere Probleme gab es keine.

Der Geruch von Napalm am Morgen

Aber das änderte sich bald: Coppola begann, Milius' Script umzuschreiben. Nach zwei Wochen bemerkte er, dass sein Hauptdarsteller nicht seinen Vorstellungen entsprach, und entließ Harvey Keitel. Große Teile des entstandenen Materials mussten neu gedreht werden. Auf Keitel folgte Martin Sheen. Marlon Brando wiederum drohte nach der Verzögerung, er würde nun doch nicht auf die Philippinen kommen, dafür aber die Million Dollar Vorschuss behalten.

In der fünften Woche wurde die berühmte Sequenz gedreht, in der eine Truppe Soldaten um den Surf-Enthusiasten Lt. Col. Kilgore ("Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen") ein Küstendorf bombardiert, um Zugang zum Strand zu bekommen. Die Proben ließen sich kaum organisieren, die Helikopterpiloten wurden immer wieder kurzfristig zur Bekämpfung von Rebellentruppen in den Süden des Landes abberufen.

Es kam aber noch schlimmer: Im Mai 1976 fegte ein Taifun über das Land, der etwa 200 Philippiner das Leben kostete. Fast alle Sets wurden zerstört, die Produktion musste erneut pausieren, diesmal für sechs Wochen. Jeder Tag Verzögerung kostete zwischen 30.000 und 50.000 Dollar und brachte den Regisseur näher an die Privatinsolvenz. Dabei waren die Sets noch vergleichsweise kostengünstig: Die zahlreichen philippinischen Arbeiter, die die opulenten Kulissen für "Apocalypse Now" bauten, bekamen einen Lohn von 14 Dollar die Woche - während Marlon Brando im gleichen Zeitraum eine Million Dollar kostete.

Seitensprünge und Herzinfarkte

Nachdem die Arbeit im Juli wieder aufgenommen wurde, wurde das Treiben auf dem Set immer ausschweifender: Coppola ließ teure Weine, Steaks und Klimaanlagen aus den USA einfliegen und begann eine Affäre mit einer Assistentin. Die Pasta für den Kameramann und sein Team wurde aus Italien eingeflogen. "Am Swimming Pool des Hotels, in dem die Crew untergebracht war, waren Hunderte Bierflaschen aufgereiht", erinnert sich der Produktionsassistent Doug Claybourne. "Die Leute sprangen von den Dächern in den Pool." Martin Sheen, der inzwischen drei Schachteln Zigaretten am Tag rauchte, erlitt beim Joggen einen Herzinfarkt und fiel für sechs Wochen aus.

Als der Schauspieler Mitte April 1977 wieder auf die Philippinen zurückkehrte, war die Drehzeit bereits dreimal so lang wie geplant. Coppola schrieb immer neue Szenen und ließ die Schauspieler improvisieren. Inzwischen war sein Anspruch ins Riesenhafte gewachsen: "Apocalypse Now" sollte nicht weniger als das Wesen des Menschen ergründen. Die Realität wirkte im Vergleich profan: Viele Crewmitglieder waren dauerbekifft, LSD und Speed kursierten auf dem Set.

John Milius wurde zu Coppola geschickt, um ihn zur Vernunft zu bringen. "Ich sollte ihm sagen, dass er verrückt geworden ist", erinnerte sich Milius. "Ich war wie Gerd von Rundstedt, der Hitler 1944 die Nachricht überbringen musste, dass der Krieg verloren und das Benzin an der Ostfront alle ist. Nach anderthalb Stunden kam ich wieder raus, und Francis hatte mich überzeugt, dass 'Apocalypse Now' der erste Film sein würde, der den Nobelpreis bekommt. Also ging ich zurück zur Crew und rief: 'Wir können gewinnen! Wir brauchen kein Benzin!' Er hatte mich komplett umgestimmt. Ich hätte alles getan."

Glückselig im Chaos

Im September 1976 traf schließlich Marlon Brando ein, das Finale im Tempel von Colonel Kurtz und seinen Anhängern sollte gedreht werden. Brando allerdings hatte Joseph Conrads "Herz der Finsternis" nie gelesen und seit "Der Pate II" ziemlich zugelegt, obwohl das Drehbuch eine ausgezehrte Figur vorsah.

Während Coppola und sein Star sich tagelang zurückzogen, um die Rolle neu zu konzipieren, machte sich auf dem Set ausgelassene Stimmung breit. Es wurde getanzt und gesungen, auch Darsteller Dennis Hopper war inzwischen auf den Philippinen eingetroffen und rutschte vergnügt - wenn auch kaum in der Lage, sich seinen Text zu merken - durch die Kulissen, die mehr und mehr im Matsch versanken. "Noch nie in meinem Leben", erinnert sich ein Produktionsassistent, "habe ich so viele Menschen gesehen, die sich so sehr über ihre Arbeitslosigkeit freuen." Coppola kollabierte in der Hitze und berichtete später von einer Nahtoderfahrung. Ein paar Statisten veranstalteten rituelle Tierschlachtungen.

Erst im Mai 1977 verließ die Crew die Philippinen wieder. Abzüglich der erzwungenen Pausen hatte der Dreh 238 Tage gedauert. "Apocalypse Now" spielte weltweit etwa 150 Millionen Dollar ein und gewann drei Golden Globes, zwei Oscars und die Goldene Palme.

Nach der umjubelten Premiere in Cannes fasste Coppola die Extremerfahrung des Drehs zusammen: "Wir waren im Dschungel, wir waren zu viele, wir hatten zu viel Geld und zu viele Geräte, und nach und nach wurden wir alle verrückt." Er formulierte damit eine ziemlich genaue Beschreibung des Vietnamkriegs selbst - und vermutlich den entscheidenden Grund, wie aus einem Jahr unfassbarem Chaos in den Philippinen eines der größten Meisterwerke der Filmgeschichte hervorgehen konnte.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Stefan Noack, 28.01.2015
1. DER film
Den Film hatte ich zuerst in der gekürzten Fassung gesehen - erst später habe ich mir dann den Director´s Cut gekauft. Das hat sich gelohnrt, dieser Film ist wirklich sehenswert. Verrückt, durchgeknallt, beeindruckend, stimmungsvoll, wunderschön, exzessiv ... schwer zu beschreiben. Auch interessant - Laurence Fishburn, der später mit seiner Rolle als Morpheus in Matrix weltberühmt wurde, spielt hier einen kindlich naiven Soldaten der Schiffsbesatzung von Captain Willard.
Lars Becker, 28.01.2015
2. Noch eine Info
Obwohl über die Dreharbeiten berichtet wird sollte erwähnt werden das letztendlich zwei Filme rausgekommen sind, Apocalypse now und die Redux version. Die Versionen sind in meine Augen so unterschiedlich das von zwei Filme gesprochen werden kann. Die Redux Version ist, meiner Meinung nach, auch deutlich besser.
Max Super-Powers, 28.01.2015
3.
Schöner Artikel, die Tet-Offensive war allerdings im Januar 1968 und nicht 1969 wie im Artikel.
Tom Freyer, 28.01.2015
4. Meisterwerk
Es ist ein Meisterwerk und fuehrt die Absurditaet des Krieges vor. Leider fehlen solche Werke heutzutage und es werden nur noch Filme gedreht, die heroisch sind und die Amerikaner als die Helden. Kriegsverbrecher oder kritische Betrachtungenw erden ja gkleich zensiert oder sei es nur, dass es der Schere im Kopf zum Opfer faellt.
Ralf Maul, 28.01.2015
5. Schade..
..dass bei diesem ansonsten guten Artikel Michael Herr vergessen wird, der sowohl beratend und auch mit seinem Buch "Dispatches" sehr viel zu diesem grandiosen Film beigetragen hat.
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