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DDR Rosa Front

Zum erstenmal beantragte ein Homosexueller die Familienzusammenführung mit seinem Partner aus der DDR. *
• aus DER SPIEGEL 22/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die vier Männer der Staatssicherheit beschlagnahmten ein brisantes Beweisstück westlichen Ursprungs: eine Tüte Dr.-Oetker-Backpulver. Zudem konfiszierten sie, nachdem sie achteinhalb Stunden lang die winzige Einzimmerwohnung im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg durchsucht hatten, 17 Kilogramm Material: Packpapier, Briefe, Photos, Manuskripte.

Der Eigentümer, der arbeitslose Andreas Huwe, mußte sich derweil im Raum 624 des Volkspolizeipräsidiums an der Keibelstraße wegen subversiver Handlungen und Verbreitung illegaler Druck-Erzeugnisse rechtfertigen. Obendrein habe er, so der Vorwurf, faschistische Symbole verherrlicht: Auf Huwes Wohnungstür pappte ein rosa Winkel.

Mit dem Zeichen, Kainsmal der Homosexuellen in Nazi-Konzentrationslagern, wollte Huwe, selber schwul, gegen »staatlich programmierte Intoleranz« protestieren. Die hat er reichlich zu spüren bekommen.

Zwar sind in der DDR, ähnlich wie in der Bundesrepublik, nur noch homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen von Strafe bedroht. Zwar mahnt hin und wieder selbst die SED-gelenkte Presse, etwa das Zentralorgan der »Freien Deutschen Jugend« (FDJ), es gebe »keinerlei Grundlage dafür, Homosexuelle zu benachteiligen«.

Die »Junge Welt« 1982: »Unsere Gesetze gewähren Homosexuellen eine völlige Gleichstellung.«

Die Wirklichkeit aber sieht anders aus. Die rund 500 000 Homosexuellen in der DDR müssen sich tarnen, haben Probleme im Betrieb. So trug ein Arbeitskollektiv in Dresden Bedenken gegen die Beförderung einer »geschätzten Kollegin« vor. Begründung: Sie sei lesbisch. Der Kollektivleiter: »Falls die Homosexualität der Kollegin keine charakterliche Verfehlung, sondern eine krankhafte Abartigkeit ist, sollte sie sich wenigstens einer Behandlung unterziehen.«

Der Staat zeigt wenig Interesse, die Minderheit der angeblich gleichberechtigten Homosexuellen gegen solche Diskriminierung zu schützen. Aber er macht mit den Schwulen gute Geschäfte.

Bis morgens um vier trifft sich zum Beispiel die Ost-Berliner Homo-Szene in der »Schoppenstube«, einer Kneipe der staatlichen Handelsorganisation (HO). Auch das »Cafe Ecke Schönhauser« und das Bierlokal »Burgfrieden« sind bekannte Treffpunkte. Das »Cafe Prenzlau« lädt mittwochs zur Schwulendisko, selbst das renommierte »Operncafe« öffnet seine Pforten einmal in der Woche für Homos.

Die müssen dafür teuer bezahlen. »Die Schwulenkneipen«, hat Huwe beobachtet, »werden mit Delikatweinen vollgepumpt, die billigste Flasche kostet 20 Mark.« In den Lokalen sind die Sitten streng: Die Schwulen müssen so tun, als seien sie keine. Auffällige Klamotten sind verpönt, Zärtlichkeiten von Gleichgeschlechtlichen in der Öffentlichkeit verboten. Huwe: »Beim Kuß fliegst du sofort raus.«

Vor der kleinbürgerlichen Doppelmoral, besonders aber vor den Behörden flüchten die Homosexuellen am liebsten in private Gettos: Die einschlägigen Lokale, auch von West-Besuchern frequentiert, werden überwacht. Die Staatssicherheit, deren Kommando Ende 1982 Huwes Wohnung durchwühlt hatte, überraschte den damals 19jährigen mit detaillierten Angaben über sämtliche Besuche seines West-Berliner Freundes. Huwe: »Die zeigten auch tolle Photos von uns.«

Huwe, der eigentlich Schauspieler werden wollte, hatte sich schon früher unbeliebt gemacht. Als Sprecher des Lehrlingskollektivs und FDJ-Sekretär im VEB-Fleischkombinat Berlin prangerte er öffentlich an, daß »die Abteilungsleiter tonnenweise Fleisch klauen«. Die Folge: Er mußte die Lehre abbrechen und wurde aus der FDJ geworfen. Inzwischen hatte er mit Gleichgesinnten die »Boden-Bühne Berlin« gegründet.

Seine erste Inszenierung, das pazifistische Stück »Picknick im Felde« von Fernando Arrabal, wurde verboten. Den Titel seines zweiten Versuchs, ein westliches Schauspiel über die Schwulenproblematik, kündigte er beim zuständigen Pankower Kulturkabinett an: »Anderes Ufer oder Die, die anders sind«.

Die Kulturkontrolleure genehmigten zunächst die Aufführung - weil sie das Thema nicht verstanden hatten: Sie dachten, es gehe um Körperbehinderte. Als die Zensoren allerdings die Proben besuchten, kam es zum Eklat. Huwe wurde belehrt, Homosexualität sei kein zentrales Thema der DDR-Gesellschaft, die Jugend müsse vielmehr auf den Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee vorbereitet werden. Dann wiesen ihn die Funktionäre lautstark zurecht: »Wir decken keine Verbrecher. Unsere Jugendlichen haben solche Probleme nicht.«

Die »Boden-Bühne« wurde verboten. Doch Huwe bereitete unverdrossen sein nächstes Projekt vor, die Herausgabe einer Homo-Zeitung. Titel: »Rosa Front«. Und beim Rat des Stadtbezirkes Prenzlauer Berg stellte er im Januar 1983 seinen ersten Ausreiseantrag: Er habe »das starke Bedürfnis«, mit den »Problemen der Homosexualität an die Öffentlichkeit zu treten«, werde aber durch die »starke Zensur« gehindert. Seinem West-Berliner Freund schrieb er: »Wenn die Oberen von persönlicher Freiheit reden, weiß das gemeine Volk, daß es Gesellschaftsterror gibt.«

So war es denn auch. Die Post wurde von der Stasi abgefangen, Huwe wegen öffentlicher Herabwürdigung staatlicher Organe zu vier Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, mit Bewährung. Doch zu Wohlverhalten hatte Homo Huwe keine Lust mehr.

Er tauchte in der Punker-Szene unter und traktierte die Behörden mit Ausreiseanträgen. An den »Staatsratsvorsitzenden Genossen Erich Honecker« schrieb Huwe, er sei homosexuell und liebe einen West-Bürger: Ein Leben als Homosexueller in der DDR sei »hoffnungslos«.

Ähnlich argumentierte er bei fünf Besuchen in Bonns Ost-Berliner Vertretung. Den Beamten war der Fall schon bekannt: aus den Akten des Innerdeutschen Ministeriums. In dessen West-Berliner Abteilung hatte Huwes Freund, im März 1983, einen Fragebogen ausgefüllt - »zur Familienzusammenführung«. Zu Punkt »I.9, Gründe der Ausreisewilligen für die Übersiedlungsbemühungen«, notierte er unter anderem lapidar: »Beziehung zu mir.«

Vom ersten Fall einer deutsch-deutschen Familienzusammenführung zweier Homosexueller machte die Behörde kein Aufhebens. Sie wies »auf die besonderen Schwierigkeiten« hin und riet, »viel Geduld aufzubringen«.

Die allerdings verging dem schwulen Paar schnell. Im August vorigen Jahres wurde Huwe, der inzwischen neun Ausreiseanträge eingereicht hatte, verhaftet: Er habe sich prostituiert, der Arbeitspflicht entzogen und asozial verhalten.

In Einzelhaft wartete er auf den Prozeß. An seiner Zellentür sammelten sich fünf mal fünf Zentimeter große Blechmarken: eine schwarze, die ihn als politischen Gefangenen, eine gelbe, die ihn als Fall für die Sitte auswies. Als er einem Wärter, der ihm mit dem Schlagstock anzüglich zwischen den Beinen herumfummelte, die Bohnensuppe über die Uniform kippte, kam auch noch das rote Schild für gefährliche Täter hinzu. Huwe: »Da hatte ich plötzlich schwarzrot-gold an der Tür.«

Als die Staatssicherheit weitere sechs Male Huwes Wohnung durchsuchte,

wollte der Partner im Westen nicht länger warten. Er bat den Innerdeutschen Minister Heinrich Windelen um Beistand. Windelen versprach, er werde alles unternehmen, was in seiner Macht stehe. Huwes Freund: »Der hat sich äußerst anständig verhalten.«

Windelen freilich konnte nur noch eines tun: Er ließ Huwe auf die Liste der DDR-Gefangenen setzen, die von Bonn freigekauft werden. Huwe nämlich war im November vorigen Jahres vom Stadtbezirksgericht Prenzlauer Berg zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden - wegen öffentlicher Herabwürdigung und asozialen Verhaltens, der Vorwurf der Prostitution wurde nicht aufrechterhalten.

Zuerst mußte er ins Arbeitslager Rüdersdorf »zu Pennern und Dieben« (Huwe), dann in die Gefängnisse von Naumburg und Karl-Marx-Stadt. Am Aschermittwoch 1984 war er raus und durfte nach West-Berlin.

Die Familie allerdings, die da zusammengeführt wurde, ist inzwischen zerbrochen: Huwe und sein Partner haben sich getrennt.

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