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Helene Fischer: Doch nur ein Mensch?

Foto: WDR/ DPA

Weihnachtsshow mit Helene Fischer Ohohooo-uuuuh, Himmel hoo-ach!

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Haare labradorig golden, das Gesicht gebronzt, im durchsichtigen, häkelerotischen Klöppelkleid, in der Hand ein glänzendes Mikro: So steht Helene Fischer in der Wiener Hofburg und singt Weihnachtslieder. Sehr viele Weihnachtslieder.

Vielleicht wird man in den nächsten Jahren ab Oktober nicht mehr ritualisiert beklagen, dass die Lebkuchen schon wieder so früh im Ladenregal liegen. Möglicherweise wird man bald darüber brummeln, dass das Helene-Fischer-Weihnachtskonzert immer früher zu frisch gebügelter Besinnlichkeit mahnt. Bisschen früh fühlt es sich an, erst knapp in den Dezember reingerutscht, schon heißt es "Stille Nacht" und "Jingle Bells", doch was soll da erst das Wiener Publikum sagen, das bei der Aufzeichnung des Konzerts mit dem Londoner Royal Philharmonic Orchestra schon im Oktober, quasi noch kurzhosig, in Jahresend-Hach-Stimmung kommen sollte.

Doch länger konnte die ARD keinesfalls warten mit der Ausstrahlung von "Weihnachten - Live aus der Hofburg Wien". Am ersten Weihnachtsfeiertag gibt es ja bereits die nächste Fischer-Fernseherscheinung: die große, hoffentlich wie im Vorjahr hundertstündige Helene-Fischer-Show im ZDF.

Schwamm drüber

Festlich singt sie sich also durch Traditionelles wie "O du fröhliche" und Überraschendes wie "Halleluja" von Leonard Cohen. Da zuckt man als Freund des Originals schon kurz zusammen, doch immerhin haben sich in der Vergangenheit bereits Wir sind Helden und Bon Jovi über das schöne Lied hergemacht, also Schwamm drüber, und dann halt auch noch "The Power of Love" von Frankie goes to Hollywood in einer Überheiztes-Wohnzimmer-Version.

Mitunter ergeben sich im Liederset merkwürdige Stimmungsbrüche, auf "Adeste fideles" folgt "Have Yourself a Merry Little Christmas", doch das klingt nur theoretisch nach einem harten Hoppel-Übergang, weil alles doch sehr ähnlich klingt: getragen und langsam oder nach mildem Kaufhaus-Swing. Das kann man, wie immer bei Helene Fischer, besinnlich und gefühlvoll oder gleichmacherisch schleppend und musicalhaft finden.

Fliegengitter-Duett mit Ricky Martin

Sonderbar aus dem getragenen Hofburg-Rahmen kippen diverse Duette, die Fischer und ihren Gesangspartner nicht live, sondern in Einspielern zeigen, bei denen sie in einer Kulisse stehen und sich ansingen. Mit Ricky Martin präsentiert sie in einem Kleid aus Fliegengitter eine schmachtende Soft-Petting-Version von "Last Christmas", der leider völlig die trotzig-unverdrossene Bimmeligkeit des Originals abgeht - schließlich ist das, man darf es nicht vergessen, immer noch die Klage eines im Schatten des Truthahns Verschmähten, kein weihnachtlicher Schmalzgesang.

Mit Xavier Naidoo verphrasiert Fischer in einem Kerzenmeer sitzend, "Vom Himmel hoch, da komm ich her" - sie: "Ohohooo-uuuuh, Himmel hoo-ach!", er: " Da-ah kooomm ich heah" (oder umgekehrt), dann geht es noch schnell mit Plácido Domingo in die Kirche. Bing Crosby und Frank Sinatra dürfen ihre Gesangsparts umständehalber von der Videowand leisten.

Aua, Plattitüde, aua

Zwischen den Liedern stapft Helene Fischer mit eiserner 1:1-Haftigkeit durch jede jahreszeitliche Plattitüden-Wehe. "Weihnachten an sich ist ja ein Fest der Tradition." - "Tannenbäume sind ja wahrscheinlich in jeder Familie ein wichtiger Aspekt." - "Ich backe auch heute noch sehr gerne." - "Ein verschneiter Wald ist so friedlich."

Bei "Little Drummer Boy" kommt, natürlich!, ein kleiner blechtrommelesker Perkussionsknabe auf die Bühne. Ein kleiner Kippler in der durchchoreografierten Glattheit: Als Fischer bei einem Überleitungsversuch ihre etwa achtjährigen Mitsinger bei "In der Weihnachtsbäckerei" fragt, ob sie eigentlich noch Wham! kennen?

Und dann ein Moment, ein jäher Verdacht: Ist Helene Fischer trotz aller Perfektion doch nur ein Mensch, mit menschlichen Regungen? "Ich muss jetzt mal", setzt die Goldene, Spitzenumschmiegte an, und vollendet dann nach aber einer kurzen Pause den Satz doch nur mit: "meinem Orchester danken." Wir warten weiter.

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.