Rückkehr von Wolf, Luchs und Biber Deutschland wird wilder

Luchs, Biber und Wolf kehren nach Deutschland zurück. Großangelegte Schutzprogramme ermöglichen das Comeback der Wildtiere. Oft reagieren Menschen mit Skepsis oder gar Angst, und über die Auswirkungen auf die Ökosysteme ist nur wenig bekannt.

Markus Becker

Die kräftigen Hirsche scheinen sich für den Wolf kaum zu interessieren. Einmal den Rücken durchstrecken, das Geweih senken, und der Räuber weiß, hier sind alle gesund. Es sind ohnehin eher die kranken und schwachen Tiere, auf die es der Wolf abgesehen hat. "Das Wild und die Wölfe gewöhnen sich aneinander. Am Anfang gab es noch stärkere Fluchtbewegungen, heute bieten gerade die großen Hirsche den Wölfen die Stirn", sagt Arne Riedel vom Niedersächsischen Forstamt Unterlüß.

Durch sein Gebiet in Niedersachsen ziehen regelmäßig Rudel auf ihren Streifzügen. Knapp 25 Tiere gibt es schätzungsweise in der Umgebung. Rissfunde im Wald machen die Jäger inzwischen öfter, gravierende Veränderungen im Ökosystem sieht der Förster aber nicht. Das Wild weicht den durchziehenden Wölfen meistens aus. In Unterlüß spüren das etwa die Jäger: So manche Treibjagd lief ins Leere, weil schlichtweg kein Wild in der Nähe war.

Rehe stehen auf dem wölfischen Speiseplan weit oben: Sie sind in ganz Deutschland anzutreffen und relativ leichte Beute. Auch Rotwild und Wildschweine werden gerissen. Die Populationen sind aber nicht bedroht. Ganz im Gegenteil: Nie gab es in Deutschland mehr Rotwild und Rehe als heute. In manchen Regionen sind die Tiere gar eine Plage, weil sie die Knospen von Bäumen und Sträuchern fressen und so das Wachstum hemmen. Ein Problem, das man auch im Yellowstone-Nationalpark in den USA lange kannte - bis zur Wiederansiedlung des Wolfes in den neunziger Jahren.

Seit die Zahl der Räuber steigt, hat sich der Wald erholt. Für William Ripple von der Oregon State University ist der Zusammenhang klar. Die Wölfe halten die Wapitis im Schach, teils durch Verdrängung und teils durch Dezimierung. Die Vegetation erholt sich wieder. Von solchen Effekten ist Deutschland allerdings noch weit entfernt. Doch inzwischen gibt es hier wieder mindestens 20 Wolfsrudel, und ihre Zahl steigt Jahr für Jahr an.

Überschaubare Effekte

Raubtiere gelten als wichtig für Ökosysteme - doch in Deutschland sind die Auswirkungen derzeit überschaubar. "Der Rehbestand ist immer noch auf Rekordhöhe", sagt Riedel. "Wir schießen in Niedersachsen 125.000 Rehe pro Jahr und haben trotzdem Probleme, die Wälder zu verjüngen." Ob große Räuber die Wildbestände überhaupt regulieren können, ist ohnehin umstritten. "Wölfe tragen vor allem zur Gesundheit der Wildpopulation bei, indem sie kranke und schwache Tiere erlegen", erklärt Carsten Nowak vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt. Und selbst diese Funktion können sie bisher nur in geringem Umfang erfüllen.

Ein Räuber ähnlichen Kalibers ist der Luchs. Vor 150 Jahren fast ausgerottet, leben heute im Bayerischen Wald und im Harz knapp 40 Tiere. Die Katze ist Einzelgängerin, mit einem ähnlichen Speiseplan wie der Wolf. Knapp 50 Rehe reißt ein Tier im Jahr. "Das Sozialverhalten der Rehe wird beeinflusst", sagt Marco Heurich von der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald. "Aber der Bestand wird nicht reguliert."

Sichtbar ist dagegen der Einfluss der Biber. Die geschätzten 15.000 Tiere sind besonders in Süddeutschland und entlang der Elbe verbreitet. "Der Biber sorgt für die Renaturierung unserer Gewässer", sagt Senckenberg-Experte Nowak. "Seine Dämme verlangsamen beispielsweise die Fließgeschwindigkeit und sorgen für überflutete Wiesen mit großer Artenvielfalt." In den neu entstandenen Feuchtgebieten siedeln sich Amphibien und Vogelarten wie die Uferschwalbe an. "Biber gehören zu den Schlüsselarten in unserem Ökosystem", sagt Nowak.

Die Rückkehr des Nagers bringt nicht nur der Natur, sondern auch dem Steuerzahler Gewinn. Für die Renaturierungsauflagen der EU müssen in den nächsten Jahren einige Milliarden Euro investiert werden, mit Bibers Hilfe könnte diese Summe auf natürliche Weise schrumpfen. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen. Immer wieder klagen Landwirte über geflutete Felder, am Oderbruch wurden sogar Deiche von Bibern beschädigt. Die Schäden werden inzwischen über Biber-Fonds reguliert.

Skepsis ist normal

Die Wiedereinführung von Wildtieren, insbesondere des Wolfs, weckt vielerorts Skepsis oder gar blanke Angst. Jäger fürchten um ihre Rehe, Schäfer um ihre Schafe und Spaziergänger um ihre Sicherheit, in den meisten Fällen aber völlig unbegründet. Auf der anderen Seite brauchen Wildtiere große und verkehrsarme Regionen als Lebensraum, die es in Deutschland kaum noch gibt. Für Nowak gibt es auf dem Weg zum "wilderen Deutschland" trotzdem keine Alternativen: "Wir haben die Verpflichtung, der Biodiversität eine neue Chance zu geben. Wir sind schließlich dafür verantwortlich, dass die Arten einst aus unserem Ökosystem verschwunden sind."

Eine solche Chance bekam auch das Wisent vor einigen Jahren. Mit einem Gewicht von rund 500 Kilo und einer Schulterhöhe von 1,80 Metern ist es der größte Rückkehrer. Fast ein Jahrhundert lang waren die Tiere in Westeuropa ausgestorben. Seit April streift eine neunköpfige Herde durch ein 4400 Hektar großes Gelände im Kreis Siegen-Wittgenstein. Drei Jahre lang hatte man die ehemaligen Wildparktiere ausgewildert. "Wir begleiten die Herde und füttern sie auch im Winter", sagt Coralie Herbst vom Verein Wisent-Welt-Wittgenstein. Die Zahl der Tiere wollen die Biologen kleinhalten, vor allem weil es an ausreichender Fläche und genetischer Vielfalt mangelt.

Auswirkungen auf das Ökosystem kann man bei der kleinen Herde trotzdem beobachten. "So schwere Tiere beeinflussen ihre Umgebung. Sie sorgen für Schneisen im Wald und halten so Grünflächen frei", sagt Herbst. Ein paar Förster der Region klagten bereits über Schälschäden an den Bäumen der Region. Allerdings ist der Schaden überschaubar im Vergleich zu dem, was etwa Rehe anrichten. Die Wisente gleichen ihn sogar wieder aus: Ihre voluminösen Hinterlassenschaften sind äußerst fruchtbar. Mit ihrem Kot verbreiten sie Pflanzensamen und liefern neue Nahrungsquellen für Vögel.

Konkurrenz für andere Tiere sind die Rinder nicht, wie Beobachtungen aus Polen zeigen: Hier grasen Wisent, Reh und Muffelwild inzwischen einträchtig nebeneinander.

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Seite 1
ziegenzuechter 12.01.2014
1. die rueckkehr dieser tiere ist nicht gut
die gruende hierfuer sind unterschiedlich, beim wolf erschliessen sie sich jedoch leicht jedem. er ist ein gefaehrliches raubtier, dass sobald es die moeglichkeit bekommt, einen menschen ohne zu zoegern toetet. besonders geignet sind hierfuer die schwachen und kranken. somit ist, wenn sich der wolf weiter ausbreitet schon bald mit blutigen angriffen auf rentner beim waldspaziergang oder grundschulkinder beim schulausflug in den wald zu rechnen. es kann nicht sein, dass wir dutzende unschuldige tote in kauf nehmen nur weil eineige naturtraeumer gerne wieder den wolf in deutschland haben wollen. die menschen frueher wussten warum sie ihn ausrotteten, eben weil er eine moerderische bestie ist!!! auch der luchs stellt eine gefahr fuer kleine kinder da. hinzu kommt, dass er grossen schaden bei schafszuechtern und ziegenzuechtern verursachen wird...dies ist inakzeptabel. wir lassen uns unsere existenz nicht von diesen killertieren kaputt machen!!!! der biber wiederum ist verantwortlich fuer millionenschaeden durch baumfrass und gewaesserbeschaedigungen, er muss deshalb aus unserem industriell und hochtechnisierten lebensraum verbannt werden.
lennoneales 12.01.2014
2.
"Jäger fürchten um ihre Rehe" Soso, die Jäger sehen Wildtiere also als ihren Besitz an. Die sollten vielleicht mal das Jagdrecht genau durchlesen.
chuckal 12.01.2014
3. Das wird schön
Wenn dann der erste "Problemwolf" den Rauhhaardackel eines Spaziergängerehepaars gerissen und mehrere Mülltonnen geplündert hat und dann das große Halali ausbricht. Schön ist, dass unter dem Artikel dann WOLF OF WALL STREET assoziiert ist. Die dürften in der Tat das größere Problem sein...
henning.sittel 12.01.2014
4. Billige Gerüchte ohne Hand und Fuß
Zitat von ziegenzuechterdie gruende hierfuer sind unterschiedlich, beim wolf erschliessen sie sich jedoch leicht jedem. er ist ein gefaehrliches raubtier, dass sobald es die moeglichkeit bekommt, einen menschen ohne zu zoegern toetet. besonders geignet sind hierfuer die schwachen und kranken. somit ist, wenn sich der wolf weiter ausbreitet schon bald mit blutigen angriffen auf rentner beim waldspaziergang oder grundschulkinder beim schulausflug in den wald zu rechnen. es kann nicht sein, dass wir dutzende unschuldige tote in kauf nehmen nur weil eineige naturtraeumer gerne wieder den wolf in deutschland haben wollen. die menschen frueher wussten warum sie ihn ausrotteten, eben weil er eine moerderische bestie ist!!! auch der luchs stellt eine gefahr fuer kleine kinder da. hinzu kommt, dass er grossen schaden bei schafszuechtern und ziegenzuechtern verursachen wird...dies ist inakzeptabel. wir lassen uns unsere existenz nicht von diesen killertieren kaputt machen!!!! der biber wiederum ist verantwortlich fuer millionenschaeden durch baumfrass und gewaesserbeschaedigungen, er muss deshalb aus unserem industriell und hochtechnisierten lebensraum verbannt werden.
Was dieser Artikel besagt, ist schlicht, daß der Autor gar keine Ahnung hat. Dieses plakative Schüren alter Ängste aus dem Mittelalter zeigt nur, daß man sich mit Fakten und Grundlagen nicht beschäftigt hat und auf billige Jahrmarkt. Effekthascherei hereinfällt.
henning.sittel 12.01.2014
5. Jäger ohne Zukunft?
Zitat von lennoneales"Jäger fürchten um ihre Rehe" Soso, die Jäger sehen Wildtiere also als ihren Besitz an. Die sollten vielleicht mal das Jagdrecht genau durchlesen.
Die Jäger haben nur ANgst, ihre Pfründe und ein fragwürdiges Alleinstellungsmerkmal einzubüßen.
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