Verschwörungstheorien zur Mondlandung Alles Lüge!

Für die einen war es ein großer Sprung für die Menschheit, für Bill Kaysing nur ein Riesenschwindel: Im Mondflug 1969 fand der US-Autor den perfekten Verschwörungsstoff. Er hat bis heute treue Anhänger.

DPA

Von Dirk Liesemer


In diesen Tagen läuft der Kinofilm "First Man" mit Ryan Gosling in der Rolle von Neil Armstrong, und in den Internetforen melden sich die üblichen Zweifler und behaupten hartnäckig, kein Mensch sei auf dem Mond gewesen. Nie, nie, nie. Zum Beweis kramen sie kurze Videosequenzen hervor: Einstige Astronauten laufen eilig vor kritischen Fragen davon, schwingen aggressiv ihre Fäuste, weigern sich vor allem standhaft, auf die Bibel zu schwören, jemals wirklich dort oben gewesen zu sein.

Was auch immer man einwendet, die Zweifler werden sich bestätigt fühlen und an ihr Vorbild erinnern - den amerikanischen Autor Bill Kaysing. Der entlarvte bereits 1976 den Mondflug als das, was er aus Sicht der Verschwörungstheoretiker seither ist: eine gigantische, völlig überdrehte Inszenierung, gefilmt in streng geheimen Fernsehstudios. Eine Show, so größenwahnsinnig und unmöglich zu realisieren, dass doch alle Welt die Wahrheit, Kaysings Wahrheit, sofort einsehen müsste.

Früh erkannte Bill Kaysing im Mondflug die "mitreißendste Nachrichtenstory des gesamten 20. Jahrhunderts und vielleicht aller Zeiten". Und zugleich die größte Fälschung, die je eine Regierung inszenierte. Seine Thesen publizierte er 1976 im Selbstverlag und begründete damit das so subversive wie lukrative Genre der Mondlandungsverschwörungen.

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Die große Verschwörung: Und sie flogen doch - Fragen und Antworten zur Mondlandung

In seiner Schrift "We Never Went to the Moon: Americas Thirty Billion Dollar Swindle" (Wir waren nie auf dem Mond: Amerikas 30-Milliarden-Dollar-Betrug) legte er detailliert dar, warum die Landung unmöglich gewesen sei. Noch in den späten Fünfzigerjahren habe sie etwa einer Machbarkeitsstudie zufolge als völlig hoffnungsloses Unterfangen gegolten. Erfolgschance: 0,0017 Prozent.

Und nur zehn Jahre später soll plötzlich alles wie am Schnürchen geklappt haben - ohne jeden Zwischenfall? Schon rein statistisch betrachtet sei das doch ausgesprochen seltsam.

Und wer hat's inszeniert? Stanley Kubrick

Kaysing nannte durchaus konkret Ross und Reiter: Gedreht habe man im Auftrag des damaligen Präsidenten Richard Nixon, auch bekannt unter dem Beinamen "Tricky Dick", und zwar auf der Norton Air Force Base in San Bernardino. Inszeniert habe die gigantische Fälschung niemand anderer als Starregisseur Stanley Kubrick, dessen Science-Fiction-Film "2001 - Odyssee im Weltraum" 1968 erschienen war.

Bill Kaysing
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Bill Kaysing

Seinen Fans gilt Bill Kaysing als kenntnisreicher Insider. Immerhin arbeitete er einige Jahre lang in leitender Position für einen Zulieferbetrieb des Apollo-Programms: 1956 heuerte er beim Rocketdyne Research Department an und verantwortete - ohne Ingenieur zu sein - die Abteilung für technische Publikationen.

Kaysing, den seine Tochter einmal als "Vagabund" bezeichnete, kündigte 1963 seine Arbeit und erfand sich radikal neu. Er verkaufte sein Haus, streifte fortan mit einem Wohnmobil von Ort zu Ort, suchte als freier Reporter nach spektakulären Storys und pries sich selbst als "schnellsten Stift des Westens".

Bald fiel Bill Kaysing mit unterhaltsamen Selbsthilfebüchern auf, die ein Hauch von amerikanischem Existentialismus umwehte. Er schrieb darüber, wie man mit wenig Geld ein Stück Land erwirbt, sich von einem Dollar am Tag ernähren kann oder auf einem Hausboot einrichtet. Einmal brachte er eine programmatische Zeitung heraus: "The Better World News". Darin feierte er das Leben als großes Abenteuer und warnte vor materialistischen Verlockungen, die eine neue Form gesellschaftlicher Knechtschaft bedeuteten.

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Während sein Heimatland im Vietnamkrieg versank, erkannte Kaysing im Staat einen gefährlichen Gegner. Niemand solle, so forderte er, in amtlichen Stellungnahmen eine heilige Schrift sehen. Er selbst misstraute längst jeglichen offiziellen Erfolgsmeldungen. Für Kaysing war klar: In jedem Krieg - auch in einem Kalten - stirbt zuerst die Wahrheit.

Mitte Juli 1969 sahen eine halbe Milliarde Menschen live im Fernsehen, wie die Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Erdtrabanten herumsprangen, während Michael Collins als dritter Mann in der Kapsel blieb. Nahezu niemand zweifelte an der Botschaft der krisseligen Schwarzweißbilder: Amerika hat es bis zum Mond geschafft! Nicht einmal aus der Sowjetunion waren skeptische Nachfragen zu hören.

Kurs Antarktis statt Mond

Anfangs wurde Bill Kaysings Buch über die Mondverschwörung ignoriert, belächelt oder gleich verspottet. Und doch fand es begeisterte Leser und gewann rasch an Kultstatus. Denn anders noch als Ende der Sechzigerjahre sahen mittlerweile viele Amerikaner skeptisch, was ihnen ihre Regierung erzählte. Skandale hatten die Öffentlichkeit erschüttert, allen voran die Watergate-Affäre. Statt als Visionäre wurden Politiker im Kino nun als korrupt, inkompetent, machthungrig charakterisiert: als Schurken, denen es um alles geht, nur nicht um das Wohl der Nation.

Bill Kaysing und seine Fans zogen fortan konsequent alles in Zweifel, was als Beweis für die Mondlandung gilt. Warum sehen die Fotos so aus, als wären sie von Profis erstellt worden? Wie kommt es, dass es auf den allermeisten Bildern keine Sterne gibt? Und warum flatterte die US-Flagge, obwohl es dort oben doch keine Atmosphäre gibt? Die Antworten finden Sie in der Fotostrecke.

Im Kino: Das Raumfahrt-Abenteuer "Aufbruch zum Mond"

Universal Pictures

Auf jedes Argument hatte Kaysing eigenwillige Erklärungen. Vor Ort hatten Hunderttausende Menschen den Start beobachtet. Na und? Kaum war Apollo 11 außer Sichtweite, so erklärte der Autor seinem Publikum, hätten die Astronauten heimlich den Kurs geändert. Während alle Welt dachte, die Raumfähre sei auf dem Weg zum Mond, flog sie in Kaysings Version Richtung Antarktis. Folgt man seinen "alternativen Fakten", verbrachten die Astronauten dort einige Tage, ehe sie von einem Militärflugzeug im Pazifik abgeworfen wurden, wo man sie wenig später vor laufenden Kameras an Bord eines Flugzeugträgers hievte.

Einem Reporter des US-Magazins "Wired" erzählte Kaysing noch Mitte der Neunzigerjahre von einem Piloten, der ganz genau gesehen habe, wie das Kommandomodul der Apollo-15-Mission aus einem unidentifizierten Frachtflugzeug geglitten sei. Dummerweise habe er den Namen des Zeugen nicht mehr parat. Auch der Name der Fluggesellschaft: leider entfallen.

Antwort à la Astronaut: Ansatzlose rechte Gerade

Die realen Astronauten reagierten zornig auf die Unterstellungen, nur als Schauspieler im größten Schwindel der Geschichte agiert zu haben. So erhielt Bill Kaysing 1996 einen Brief des Astronauten Jim Lovell, Kommandant der beinah tragisch gescheiterten Mission Apollo 13: "Hinterlasse ein Vermächtnis, auf das du stolz sein kannst, nicht irgendeinen Müll, bei dem die Leser an deiner Vernunft zweifeln müssen."

In Lovell muss es gebrodelt haben. Der Zeitung "Metro" sagte er, Kaysing sei wohl gehirngewaschen, programmiert, jedenfalls "wacky" (verrückt). Daraufhin warf ihm Kaysing Verleumdung vor und wollte Geld von Lovell, der seine Glaubwürdigkeit beschädigt habe, verlor aber 1997 vor Gericht.

Legendär ist die Begegnung von Edwin "Buzz" Aldrin mit einem Kamerateam: Im September 2002 verfolgte Reporter Bart Sibrel den zweiten Mann auf dem Mond; hielt ihm eine Bibel hin und verlangte, darauf zu schwören, dass er wirklich dort war; beleidigte ihn mit "Feigling" und "Lügner". Was dann geschah (hier im Video): Aldrin, 73, konterte mit einer ansatzlos geschlagenen rechten Geraden ins Gesicht des 35 Jahre jüngeren Sibrel.

Kaysing hielt eisern fest an seinen wilden Theorien. Nur wenige wussten, dass dieser Wirrkopf auch Verantwortung übernehmen konnte: Er sorgte sich um Obdachlose, unterstützte die Gründung einer Kirche, betrieb zuletzt eine Zuflucht für verwahrloste Katzen. Gut drei Jahrzehnte lang konnte ihn nichts abbringen von seinen Mondlandungs-Thesen - Bill Kaysing nahm sie mit ins Grab, als er am 21. April 2005 im Alter von 82 Jahren starb.

Im Video: Wettlauf im Weltraum - Als die Welt den Atem anhielt

SPIEGEL TV

Mitarbeit: Jochen Leffers und Christoph Gunkel



insgesamt 55 Beiträge
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Ebeck Art, 14.11.2018
1. Wie geht der Schatten
Persönlich habe ich die Landung auf dem TV mitverfolgt und bin überzeugt dass sie auch stattgefunden hat. Dann muss ich mir allerdings das Foto Nr 2 anschauen und sehe den Schatten der Fahne nach links und des Astronauten nach rechts. Mag sein dass das auf dem Mond möglich ist. Und dann habe ich auch den australischen Film 'The Dish' gesehen und das war sehr überzeugend.
Heinz Müller, 14.11.2018
2. Aus der Mottenkiste
Der Lunar Reconaissance Orbiter hat erst vor ein paar Jahren die alten Landestellen fotografiert. Damit sollte die Diskussion eigentlich vorbei sein, aber wahrscheinlich haben die Amis das ganze Zeug nachträglich raufgeschaft...
Stefan Reuther, 14.11.2018
3. Tja...
.... solche Wirrköpfe gab es also schon vor dem Internet. Kaum zu glauben! Das schlimme ist, dass selbst die Gegenargumente von Wissenschaftlern (Physiker, Astronomen etc.) welche nicht beteiligt waren, also unabhängig sind, absolut nichts helfen. Diese Leute bleiben bei ihrer Meinung. Dieses Phänomen kann sicher als Grundlage für psychologische Dissertationen herhalten (oder hat es schon getan).
Stefan XX, 14.11.2018
4. @ Nummer 1: Schatten
Was genau meinen Sie mit "Wie geht der Schatten"? Je nach Beschaffenheit der Oberfläche und der Perspektive der Kamera, können die Schatten trotz nur einer Lichtquelle verschiedene Längen und Richtungen haben. Und das ist kein Phänomen das mit dem Mond zu tun hat, so etwas gibt es auch der Erde auch, weil sie schreiben "Mag sein dass das auf dem Mond möglich ist". Und interessant ist es ja dann immer zu fragen was die alternative Erklärung sei. Dann kommt meistens die Antwort es gäbe mehrere Lichtquellen, was letztlich nur von grenzenlosem physikalischen Unverständnis zeugt (wie alle andere Antworten der Verschwörungstheoretiker halt auch), denn bei zwei Lichtquellen gäbe es auch zwei Schatten am selben Objekt.
Dr. Marc Koch, 14.11.2018
5. @ Nr. 1 Ebeck Art & Nr. 4 Stefan XX
Die Erklärung ist viel einfacher: Die Sonne steht, wie aus den Längen und Verläufen der Schatten klar ersichtlich, links und sehr tief, fast horizontal zur Mondoberfläche (vgl. zum Beispiel die Länge des Schattens der Beine, "der Schritt" des Astronauten befindet sich rechts außerhalb des Fotos). Genau so verhält es sich mit dem Schatten der Fahne: der Schattenwurf der Fahnenstange ist bei genauerem Hinsehen etwa einen Fingerbreit oberhalb des Schattens des rechten Beines des Astronauten knapp unterhalb des hellen Flecks am rechten Bildrand zu erkennen. Wenn Sie mit einem Lineal den Schatten des linken unteren Zipfels der Fahne auf dem Fahnenmast verlängern, sieht man, dass der Schatten der eigentlichen Fahne rechts weit außerhalb des Bildbereiches zu sehen wäre.
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