Interaktive Karte Angst vor der Atomwolke

Zehntausende wollen am Sonntag gegen marode AKW hinter der deutschen Grenze demonstrieren. Wie groß ist das Risiko, dass im Ernstfall eine nukleare Wolke über Ihren Wohnort zieht? Unsere interaktive Karte gibt eine Einordnung.

GAU-Simulation für das AKW Tihange
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GAU-Simulation für das AKW Tihange

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Es soll ein großes Spektakel werden. Bürger aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden wollen sich am Sonntag über eine Distanz von 90 Kilometern an den Händen fassen und von der Stadt Aachen bis zum belgischen Atomkraftwerk Tihange eine Menschenkette bilden.

Die Atomgegner fordern, dass das Uralt-AKW möglichst rasch ausgeknipst wird. Im Reaktorbehälter von Tihange waren 2015 Tausende kleine Risse entdeckt worden - was besonders den Aachenern Angst macht. Der Meiler liegt nur 65 Kilometer Luftlinie von der deutschen Stadt entfernt.

So groß ist die Angst, dass die Aachener Behörden Ende 2015 gar eine Notfallübung gegen eine drohende atomare Verseuchung durchführen ließen. Ende August oder Anfang September sollen die Bewohner der Stadt zudem dazu aufgerufen werden, sich mit Jodtabletten einzudecken. Sie soll so einer Erkrankung durch Schilddrüsenkrebs vorbeugen, falls die Region eines Tages atomar verstrahlt werden sollte.

Die Aktionen sind Ausdruck eines größeren Trends. Die Deutschen erkaufen sich zwar gerade für viele Milliarden Euro den nationalen Ausstieg aus der Kernkraft; doch nun merken sie immer deutlicher, dass auch dieser sie nicht umfassend vor dem Risiko eines GAUs schützt.

       Proteste vor dem Kraftwerk Fessenheim nahe der deutsch-französischen        Grenze (2014)
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Proteste vor dem Kraftwerk Fessenheim nahe der deutsch-französischen Grenze (2014)

In Ländern wie Belgien, Frankreich oder Tschechien, teils nur einige Dutzend Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, stehen mehrere uralte AKW. Die Sicherheitsauflagen dort sind nach Einschätzung des Bundesumweltministeriums oft deutlich niedriger als in Deutschland. Entsprechend groß ist die Furcht, trotz Energiewende Opfer eines nuklearen Ernstfalls zu werden.

Wie begründet ist diese Sorge wirklich?

Zunächst gilt, was für die Atomkraft schon immer galt: Die Gefahr eines katastrophalen Unfalls der Größenordnung Tschernobyl oder Fukushima ist verschwindend gering. Käme es aber doch dazu, können die Auswirkungen gravierend sein - und Millionen Menschen in ganz Europa betreffen.

Was im Falle eines GAUs in Europa droht, haben Wissenschaftler der Wiener Universität für Bodenkultur und des Österreichischen Ökologie Instituts in minutiöser Kleinarbeit zusammengetragen. Wir haben die Forschungsergebnisse der Klimawissenschaftler nun erstmals auf eine interaktive Karte gebracht, die Ihnen eine Einordnung gibt, wie groß das Risiko einer gefährlichen Strahlenbelastung bei einem Atomunfall ist. Die Karten zeigen die Regionen, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit betroffen wären. Im Fall eines Unfalls wird dieses Risiko natürlich stark von der Schwere des Zwischenfalls und der dann herrschenden Wetterlage beeinflusst. Die Karten sind daher nicht als Vorhersagen zu verstehen, sondern sollen die Diskussion um eine wissenschaftlich begründete Einordnung bereichern.

Woher stammen die Daten?

Kernreaktoren können gefährlich sein - das ist bekannt. Trotzdem lässt sich kaum voraussagen, welche Gebiete bei einer nuklearen Katastrophe tatsächlich verstrahlt werden. Je nach Wetterlage kann das für den Menschen besonders gefährliche Caesium-137 in einem engen Korridor weit Richtung Russland getragen werden - oder aber auch große Teile Deutschlands verseuchen (siehe dazu die folgende Fotostrecke).

Um das Gefahrenpotenzial trotzdem berechnen zu können, griffen österreichische Forscher auf Wetterdaten der Jahre 2000 bis 2009 zurück. Für jeden europäischen Reaktor definierten sie das plausibelste Freisetzungsszenario und gaben es zusammen mit den Wetterdaten in einen Großrechner ein.

Drei Wochen lang berechnete der Supercomputer für jedes Kraftwerk Tausende Wettermodelle. 500.000 Simulationen und 2,5 Terabyte Daten später lagen die kombinierten Wahrscheinlichkeiten vor. Für jeden Punkt in Europa können die Forscher nun voraussagen, wie wahrscheinlich der Ort im Falle einer Nuklearkatastrophe betroffen sein wird.

Fotostrecke

6  Bilder
GAU-Simulation: Wie das Wetter die Strahlungsausbreitung beeinflussen würde

Unsere interaktive Karte zeigt die Auswirkungen für alle zum Erscheinungszeitpunk noch aktiven Kernkraftwerke. Bestehen die Kraftwerke aus mehreren Reaktorblöcken, so wurde jeweils der potenziell gefährlichste Block ausgewählt. Dargestellt werden zwei Risikokategorien: die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ort für Jahrzehnte unbewohnbar werden würde sowie die Wahrscheinlichkeit, dass Ernten vernichtet werden müssen.

Es zeigt sich: Kommt es zu einem Atomunfall in einem Nachbarland, so besteht ein erhebliches Risiko, dass die Strahlung auch Gegenden in Deutschland erfasst. Potenziell besonders groß ist die Bedrohung des Ruhrgebiets durch Reaktoren in Belgien und Nordfrankreich. Auch Südwestdeutschland ist durch mehrere Kraftwerke in der Schweiz sowie das umstrittene und mittlerweile kurz vor der Abschaltung stehende Kraftwerk Fessenheim einem erhöhten Risiko ausgesetzt.

Insgesamt zeigt sich: Deutschland ist durch den Atomausstieg zwar sicherer geworden, muss jedoch weiterhin mit den Risiken durch Atomkraftwerke in den umliegenden Ländern leben.



insgesamt 90 Beiträge
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Seite 1
Schlachtkreuzer 24.06.2017
1. Nichts geht über das schüren von Angst.
Nichts geht über das schüren von Angst. Sicher gibt es netteres als Kernkraft. Viele Alternativen aber auch nicht. Aber die Diskussion darüber ist so müßig, wie die Erläuterung, warum die Energiewende in Deutschland auch in 100 Jahren noch nicht vollzogen sein wird, so wie sie passiert. Dann protestiert mal schön.
Newspeak 24.06.2017
2. ...
"Zunächst gilt, was für die Atomkraft schon immer galt: Die Gefahr eines katastrophalen Unfalls der Größenordnung Tschernobyl oder Fukushima ist verschwindend gering. Zunächst gilt, was für die Atomkraft schon immer galt: Die Gefahr eines katastrophalen Unfalls der Größenordnung Tschernobyl oder Fukushima ist verschwindend gering." Und weil die Gefahr "verschwindend gering" ist, gab es in meiner Lebenszeit zusammen mit Harrisburg schon >3 Kernschmelzen, solche Sachen wie Windscale und andere Atomunfaelle gar nicht mitgerechnet.
M. Michaelis 24.06.2017
3.
Zitat von Newspeak"Zunächst gilt, was für die Atomkraft schon immer galt: Die Gefahr eines katastrophalen Unfalls der Größenordnung Tschernobyl oder Fukushima ist verschwindend gering. Zunächst gilt, was für die Atomkraft schon immer galt: Die Gefahr eines katastrophalen Unfalls der Größenordnung Tschernobyl oder Fukushima ist verschwindend gering." Und weil die Gefahr "verschwindend gering" ist, gab es in meiner Lebenszeit zusammen mit Harrisburg schon >3 Kernschmelzen, solche Sachen wie Windscale und andere Atomunfaelle gar nicht mitgerechnet.
Tatsächlich ist die Zahl von schweren Havarien gering. Betrachte man dann noch die spezifischen Ursachen ist das Risiko noch geringer. Nimmt man die nachweisbaren Opferzahlen so ist die Steinkohle mit riesigem Abstand der gefährlichste Energieträger.
horstu 24.06.2017
4. Spiel mit den Ängsten
Politik, Ökolobby und Medien "spielen in unerträglicher Weise mit den Ängsten der Menschen", um mal eine beliebte aktuelle Phrase zu bemühen. Doch wenn es gegen Atomkraft geht, darf der Populismus der Mitte offenbar salonfähig werden. Im Aachener Dreiländereck werden mittlerweile schon "Abschalthebel" installiert, mit denen jeder mal symbolisch Tihange abschalten darf. Wenn sich die Zivilgesellschaft jedoch auf anderen Politikfeldern regt und eine zukunftsfähige Politik anmahnt, ist die Wut der Politiker hierüber groß.
dislozierter 24.06.2017
5. Definieren sie mal bitte "verschwindend gering"
Wenn man bei 80.000.000 Menschen 10 Terroropfer zu beklagen hat, kann man vielleicht von einem verschwindend geringen Risiko sprechen Opfer eines Terroranschlags zu werden. Aber setzen sie mal die Anzahl der Kernkraftwerke weltweit gegen die Liste von deren Unfällen. Das Risiko würde ich nicht als verschwindend gering bewerten.
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