Lebensmittelproduktion 75 Forschungsinstitute fordern neues Gentechnikgesetz
Mähdrescher auf einem Weizenfeld
Foto: Lino Mirgeler/ dpaDie Gesetze hätten negative Konsequenzen für die Landwirtschaft, die Gesellschaft und die Wirtschaft. Dieser Vorwurf steht in der Überschrift eines Positionspapiers von 75 Forschungseinrichtungen aus Europa, das dem SPIEGEL vorab vorlag und nun auch online einsehbar ist .
Darin fordern die Institute das europäische Gentechnikrecht zu überarbeiten und bestimmte gentechnisch veränderte Pflanzen vom Gentechnikrecht der Europäischen Union (EU) auszunehmen.
Die Produkte könnten dann wie herkömmliches Getreide, Obst und Gemüse im Supermarkt verkauft werden. Bislang ist das nicht möglich. Gentechnisch veränderte Pflanzen müssen in Europa strenge Sicherheitsprüfungen durchlaufen und gekennzeichnet werden.
Die Regelung entspreche einem "de-facto-Verbot", heißt es in einer Pressemitteilung zu dem Papier der Forschungsorganisationen. Dabei böten die neuen Methoden die Möglichkeit, in der Pflanzenzüchtung schnell auf eine sich verändernde und rauere Umwelt zu reagieren.
In diesem Zusammenhang nennen die Forscher auch die Trockenheit in Europa in diesem Jahr, die zu deutlichen Ernteausfällen geführt hat. Die Kosten für finanzielle Hilfen für die Landwirte trägt auch der Steuerzahler.
Bereits im August hatten sich Regierungsberater für eine Änderung des Gentechnikrechts ausgesprochen. Deutschland verpasse sonst eine "biologische Revolution", hieß es damals.
Züchtung gegen die Dürre
Hintergrund der Debatte ist eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem Juli 2018. Er hatte geurteilt, dass gentechnisch veränderte Pflanzen auch dann streng reguliert werden müssen, wenn man sie nicht von Züchtungen unterscheiden kann.
Sogenannte Genscheren (Crispr) verursachen dabei Brüche im Erbgut, die beispielsweise auch in der Zucht genutzt werden. Derartige Veränderungen lassen sich jedoch auch mit radioaktiver Strahlung und Chemikalien erzeugen - eine seit Langem gängige Praxis von Züchtern. Auf diese Weise gezüchtete Sorten sind vom Gentechnikrecht jedoch ausgenommen. Forscher hatten gehofft, dass das auch für entsprechende Anwendungen der Genscheren gelten würde. Das Urteil fiel dann jedoch anders aus.
Das Wichtigste zum Crispr-Gentechnik-Urteil
Wettbewerbsnachteil durch aktuelle Regelung
Eine der neusten Durchbrüche im Bereich der Pflanzenzüchtung sei die auf Genscheren basierende Präzisionszüchtung, schreiben die Forscher nun in ihrer Stellungnahme. Sie könne dabei helfen, Pflanzen exakt an die Bedingungen in den Regionen anzupassen, in denen diese später wachsen sollen. Zudem ließen sich Pflanzen mit besserem Nährstoffgehalt, geringerem Allergierisiko und Düngebedarf herstellen.
Erst im Oktober hatten Forscher die Züchtung der modernen Tomate aus Wildtomaten innerhalb kürzester Zeit nachgestellt. In der Gen-Scheren-Züchtung gelang es, gesunde Inhaltsstoffe und Geschmackskomponenten zu erhalten, die bei der klassischen Züchtung verloren gegangen sind.
"Die führenden Institutionen im Bereich der Pflanzenforschung sind engagiert, nachhaltige Lösungen für die Landwirtschaft zu erarbeiten", sagt der Molekularbiologe Dirk Inzé von der Universität Ghent in Belgien. Die Vorhaben würden allerdings durch die Gesetzgebung erschwert. Pflanzenzüchter in Europa hätten durch die aktuelle Regelung einen Wettbewerbsnachteil.
In einigen Regionen der Welt werden gentechnisch veränderte Pflanzen seit Jahrzehnten angebaut und haben sich grundsätzlich als sicher erwiesen.
Mit der Stellungnahme erhoffe man sich, den Gesetzgeber in der EU zum Handeln auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu ermutigen, so die Wissenschaftler. Das sei wichtig "für uns alle". Die Implikationen für Gesellschaft und Wirtschaft seien enorm.
Bereits zuvor hatten zahlreiche Forscher dafür plädiert, Pflanzen nicht mehr auf Basis der Technik zu bewerten, mit der sie hergestellt wurden, sondern auf Grundlage ihrer konkreten Eigenschaften.
Unter den Unterzeichnern der Stellungnahme sind auch elf Institutionen aus Deutschland. Darunter Direktoren von drei Max-Planck-Instituten, der Präsident der Deutschen Botanischen Gesellschaft, Vertreter des Institutes für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen der Universität Münster und der Direktor des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung.