Friedlicher G20-Protest "Hass ist krass, Liebe ist krasser"

Es geht auch anders: Am Tag nach den Krawallen im Schanzenviertel haben in Hamburg Zehntausende Menschen gegen den G20-Gipfel demonstriert - größtenteils friedlich und bemerkenswert kreativ.

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Am Nachmittag steigt nahe dem Millerntorstadion Rauch auf. Einzelne Demonstranten schauen sich misstrauisch um, als hätten sie Angst - vor brennenden Autos und Barrikaden, gefolgt von erneuten Zusammenstößen mit der Polizei, fliegenden Flaschen und Steinen. Doch die Sache klärt sich schnell: Die Schwaden stammen von einem Grill, auf dem Spieße für die Anti-G20-Demonstranten brutzeln.

Es ist der Tag nach den heftigen Krawallen im Hamburger Schanzenviertel - jener Tag, an dem die Debatte über den Gewaltexzess der vorherigen Nacht alles andere überlagert. Jener Tag, an dem die Gipfelgegner in Hamburg zeigen, dass der Protest gegen das Treffen der Staats- und Regierungschefs vielfältiger ist, kreativer - und vor allem: friedlicher.

Zwar kommt es bereits tagsüber zu einzelnen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten - aber der Protestzug von laut Polizei etwa 50.000 Menschen verläuft weitgehend ruhig. Was am Abend noch passiert, bleibt abzuwarten, doch schon jetzt ist klar: Hamburg kann auch anders.

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Kreativer G20-Protest: Liebe statt Hiebe

Angemeldet hatte die Großdemonstration des Bündnisses "G20 not welcome: Grenzenlose Solidarität statt G20" der Linken-Politiker Jan van Aken. Zahlreiche soziale, antikapitalistische und autonome Gruppen kündigten an, daran teilzunehmen.

Am Vormittag strömen vor allem Alte und Junge, Familien und Freundesgruppen zum Ausgangspunkt der Demonstration nahe den Deichtorhallen. Auf den Plakaten und Bannern stehen Sprüche wie "Nicht hauen, ich habe Hoffnung im Rucksack", "Seid lieb zueinander" - oder: "Hass ist krass, Liebe ist krasser". Fast scheint es so, als würde sich die große Mehrzahl der Demonstranten angesichts der Vorkommnisse der Nacht besonders bemühen, freundlich zu wirken.

Lisa Munz und ihr Ehemann sind aus Ingolstadt angereist. Sie haben die ganze Nacht im Zug gesessen, demonstrieren tagsüber und wollen nachts wieder zurückfahren. Die Krawallbilder aus der Nacht zum Freitag haben sie gesehen, doch die haben sie eher noch darin bestärkt, loszufahren. "Wenn alle friedlichen Demonstranten zu Hause blieben", sagt Munz, "dann wären hier nur noch Chaoten." Ihr gehe es vor allem um Tier- und Klimaschutz: "Wir haben keine zweite Welt."

Ehepaar Munz aus Ingolstadt
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Ehepaar Munz aus Ingolstadt

Erst spät setzt sich der Zug zäh in Bewegung. Auch ein zahlenmäßig kleiner schwarzer Block geht vorne mit, vermummt sind allerdings nur wenige. Gegen diese Minderheit geht die Polizei nach eigenen Angaben später vor, sie hatte zuvor eine Null-Toleranz-Linie angekündigt.

Manche Aktionen der Demonstranten muten bizarr an - so wie die Performance eines kleinen Künstlerkollektivs: Während die Polizei mit einem Wasserwerfer die Straße abriegelt, tanzen Menschen mit wallenden rosa-orangen Umhängen auf der Straße. Ihre Bewegungen sind roboterhaft, ihre Gesichter statisch, Störgeräusche dröhnen aus tragbaren Boxen, die Aktion soll unter anderem die Seelenlosigkeit der Konsumgesellschaft symbolisieren.

Vermutlich ist es auch schlichtweg die Uhrzeit, die über das Konfliktpotenzial der Protestaktionen entscheidet. Als sich am Freitag die ersten Demonstranten gegen 8 Uhr auf der Elbinsel Veddel versammeln, erinnert ihre Kundgebung an einen Sonntagsspaziergang. "Shut down the Logistics of Capital" lautet das Motto, die Sicherheitsbehörden hatten im Vorfeld Ausschreitungen befürchtet - unter anderem, weil das "Social Strike"-Bündnis angekündigt hatte, den Hafen lahmzulegen. Was genau das bedeuten könnte, bleibt unklar: Die Polizei muss jedenfalls nicht eingreifen.

Stattdessen erreichen die Demonstranten ein anderes Ziel: Langsam zieht der stetig wachsende Tross durch den Hamburger Hafen bis zur Kohlbrandbrücke, die den südlich gelegenen Stadtteil Wilhelmsburg mit der Autobahn 7 verbindet. Die G20-Gegner blockieren einen Teil der Zufahrt zur Brücke, aus den Lautsprechern eines Begleitwagens dröhnen Rihanna-Songs. Einige Aktivisten tanzen, andere verteilen Wasser und Butterbrote. Über die Brücke dürfen die Demonstranten dann zwar nicht mehr, wenig später erreichen sie auf einer anderen Route trotzdem den Endpunkt der Demo, den Stübenplatz in Wilhelmsburg. Ganz in Ruhe.

Ruhig bleibt es auch einige Kilometer weiter nordwestlich, im Camp vor der Johanniskirche im Stadtteil Altona. Etwa 300 G20-Gegner wohnen dort in Zelten, die Kirchengemeinde toleriert das Lager eine Viertelstunde Fußweg vom Schanzenviertel entfernt. "Im Camp ist alles vollkommen friedlich und ruhig, unsere Gäste sind sehr freundlich", sagt Pastor Michael Schirmer.

Die Camper werfen ihren Müll brav in Säcke und machen wenig Lärm - soviel Rücksicht kommt auch bei den Anwohnern gut an: Einige bringen Essen, Kaffee und Klopapier vorbei, andere stellen den Campern ihre Duschen oder Toiletten zur Verfügung. Und die Aktivisten bereiten inzwischen die Aufräumarbeiten für ihre Abreise vor; sie wollen die Grünanlage so sauber wie möglich hinterlassen.

Am Nachmittag wummert auf der Reeperbahn der Bass. Mit Trillerpfeifen und tanzend ziehen unzählige Menschen über die Amüsiermeile der Hansestadt. Es ist eine bunte Truppe: die Piratenpartei, ausländische Aktivisten, die Linke, Attac, Jugendverbände. Ein kleiner Trupp Jugendlicher zieht an der Davidwache vorbei und skandiert: "Die ganze Welt hasst die Polizei." Einige Passanten schütteln den Kopf, die Polizisten am Straßenrand wirken entspannt. Als sich der Zug schließlich auflöst, wird es für kurze Zeit hektisch, Hundertschaften und Wasserwerfer ziehen auf, einzelne Straßen werden blockiert - dann kehrt wieder Ruhe ein.

Das ganze Demonstrieren kostet Kraft, das bekommt auch Alieren zu spüren. Der junge Mann, schwarze Haare, schwarze Lederjacke, schwarze Hose, sitzt auf einem Platz an der Reeperbahn, umgeben von anderen jungen Leuten. Stundenlang sind sie durch die Innenstadt gezogen, jetzt hocken sie zwei Polizeiketten und zwei Wasserwerfern gegenüber. "Leute, lasst das Arbeiten sein und reiht euch in die Demo ein", skandieren sie. Die Polizisten haben ihre Helme abgesetzt, es ist sonnig. Sie lachen, Alieren lacht auch.

Der 20-Jährige studiert Soziologie und Philosphie, sieht sich als "marxistischen Soziologen". Generell gegen den Gipfel sei er nicht, allerdings gegen den globalen Kapitalismus in seiner derzeitigen Form. "Die Staaten verhalten sich, als herrsche international Anarchie", sagt er. Er trete für ein friedliches Miteinander der Völker ein, auch an der Seite von Autonomen. Vermummt habe er sich bei all den Aktionen nicht, auch nichts geworfen, sagt Alieren. Schuldgefühle habe er trotzdem. "Wenn ich sie begleite, heißt das ja, dass ich in gewisser Weise unterstütze, was die Autonomen tun."

Mehr als eine Stunde sitzen sie da, dann, ganz plötzlich, ziehen sich die zwei Wasserwerfer zurück. Alieren und die anderen Demonstranten jubeln, klatschen, räumen noch schnell ihren Plastikmüll von der Straße. "Danke, liebe Polizisten, dass ihr so nett wart", sagt eine junge Frau. Ein Polizist antwortet: "Sehr schön, danke für's Aufräumen, super!"



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