08.06.1960

Der Bildungslückenfüller

Ein Teppich mit bizarrem Muster Bilder prallbusiger Weiber mit doppeltem Kopf, blinkender Sputniks, einsam dahinsegelnder Augäpfel, grellfarbener Zwitter aus Wurmtieren und Schraubenschlüsseln, menschenähnlicher Leiber mit metallenen Krallenfüßen - ist der Dekor, den die Bühnenbildner auf dem Fußboden der Halle III in den Hamburger Realfilm-Ateliers ausgelegt haben. Der seltsame Flurschmuck ist die Kulisse für eine klassische Bühnenszene, die in diesen Tagen verfilmt wird: die "Walpurgisnacht" aus Goethes "Faust".
Denn Ende vergangenen Monats hat die Divina-Produktion des Münchner Gloria-Filmverleihs begonnen, eine farbige Filmfassung der erfolgreichen "Faust-I"-Inszenierung von Gustaf Gründgens herzustellen. Schauspiel-Professor Gründgens, 60, der nach 20jähriger Drehpause im Frühjahr erstmals wieder vor der Filmkamera standin Helmut Käutners "Das Glas Wasser" nach dem gleichnamigen Scribe -Stück -, zählt wiederum zu den Akteuren. Er übernahm im "Faust"-Film die Rolle, die er- auf der Bühne schon mehr als 600mal verkörpert hat - Mephisto.
Neben ihm, aber unter seiner ",künstlerischen Oberleitung" - Regie führt Peter Gorski - spielt das gesamte "Faust"-Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, darunter Will Quadflieg (Faust), Ella Büchi (Gretchen), Elisabeth Flickenschildt (Marthe Schwerdtlein).
Was den Gloria-Verleih bewogen hat, rund eine Million Mark in das "Faust" -Projekt zu investieren - allein die Walpurgisnacht-Szene kostet fast 70 000 Mark - begründet Divina-Produktionsleiter Eberhard Meichsner: "Das Publikum hat ja Freude an der Qualität. Und wenn man bedenkt, daß 'Faust' das deutsche Thema schlechthin ist und auch sehr attraktiv fürs Ausland ..."
Solche Hoffnungen scheinen gerechtfertigt angesichts des überschwenglichen Lobes, das seit Jahren auf die Hamburger "Faust"-Inszenierung herabrieselt. Des Intendanten Absicht, das Goethe-Stück zu entmystifizieren, wurde sowohl vom Theater-Publikum als auch, zuweilen mit Einschränkungen, von den Kritikern honoriert: GG präsentierte "Faust I" - eher als handfestes Theater denn als Grübel-Opus -und schreckte nicht davor zurück, einerseits die Darsteller in Dürerkostümen auf die Bühne zu schicken, andererseits die Walpurgisnacht-Szene als Rock 'n' Roll-Orgie vorzuführen.
Nach der Premiere der Gründgens -Inszenierung (1957) sah sich die "Welt" veranlaßt, dieses Ereignis in den sonst politischen Geschehnissen vorbehaltenen Leitartikelspalten zu würdigen. "Wer heutzutage in der Nacht oder am Morgen am Hamburger Schauspielhaus vorbeikommt", schrieb Star-Kritiker Willy Haas damals, "wird oft eine lange Kette von Menschen sehen, junge und alte, die - wie einst in den bösen Jahren um ein Pfund Margarine oder einen Brotlaib - um ein Billett zur ,Faust'-Inszenierung von Gustaf Gründgens anstehen, mit Feldstühlen, Dekken und Thermosflaschen bewaffnet."
Das Publikumsinteresse an der "Faust" -Darbietung hat sich seitdem keineswegs vermindert. Längst ist die "Faust"-Aufführung auf Langspielplatten (SPIEGEL 31/1959) erhältlich; noch immer ist es schwierig, eine Karte für einen "Faust" -Abend im Deutschen Schauspielhaus zu ergattern. Da Gründgens mit seinem Ensemble inzwischen auch eine erfolgreiche Rußland-Tournee absolvierte und jüngst gar nach Amerika eingeladen wurde, um dort den "Faust" zu präsentieren, war es nicht verwunderlich, daß "Faust"-Filmregisseur, Peter Gorski den optimistischenProduzenten beipflichtete. Gorski witterte in der "Faust"-Verfilmung einen "Exportschlager".
Allein: Schon einmal haben sich die Hoffnungen als trügerisch erwiesen, die deutsche Filmproduzenten an ein "Faust"-Opus knüpften. Der vieldiskutierte Stummfilm "Faust", den der unter dem Namen Friedrich Wilhelm Murnau berühmt gewordene Berliner Regisseur F. W. Plumpe im Jahre 1926 drehte, spielte bei weitem nicht die zwei Millionen Reichsmark ein, die der Ufa-Konzern für das ehrgeizige Filmvorhaben aufgewandt hatte. Deutsche Filmhistoriker notierten allerdings, daß das Kinostück - Hauptdarsteller: Emil Jannings (Mephisto), Gösta Ekman (Faust), Camilla Horn (Gretchen) - dem deutschen Film gerade im Ausland beträchtlichen Prestigegewinn eingebracht habe.
Doch die künstlerische Qualität des Murnau-Films war umstritten. Wohl hatte es der Regisseur verstanden, die Faustischen Wanderungen mit raffinierten Bildeffekten zu verdeutlichen. Geradezu revolutionär wirkten damals Aufnahmen, die mit bewegter Kamera gemacht worden waren. "Aber weder der Kamerawagen", vermerkte der angesehene Filmdeuter Siegfried Kracauer, "noch Gerhart Hauptmanns Zwischentitel vermochten die Nichtigkeit eines Films aufzuwiegen, der alle wesentlichen Motive der Faust'-Sage falsch darstellte ..."
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen sich die Filmleute wieder des "Faust"-Themas an. Frankreichs Regie-Veteran Rene Clair verfertigte eine gänzlich unproblematische "Faust" -Version ("La Beauté du Diable"), die sogar ein Happy-End vertrug: Faust übertölpelt den Teufel und gewinnt sein Zigeuner-Gretchen.
1955 versuchte dann der französische Regisseur Autant-Lara das "Faust" -Thema in Reißer-Manier zu bewältigen ("Marguerite de la Nuit"). Er entwarf eine moderne Dreiecks-Geschichte zwischen einem Bardamen-Gretchen (Michele Morgan), einem mephistophelischen Rauschgifthändler und einem tatterigen Faust, der als Nachfahre des Doktor Johann Faust aus dem 16. Jahrhundert ausgewiesen wurde.
Nun rüsteten sich auch deutsche Filmproduzenten, den "Faust"-Stoff aufzuarbeiten. Der Chef der Berliner CCC -Filmproduktion, Artur Brauner, kündigte eine "Faust"-Verfilmung mit O. W. Fischer in der Titelrolle an. Abwechselnd war für die Rolle des Gretchen von Romy Schneider und Maria Schell, für die Rolle des Mephisto von Otto Eduard Hasse, Curd Jürgens und Gustaf Gründgens die Rede.
Noch vor einem Jahr ließ Brauner auf einem Bierabend mit Berliner Journalisten verlauten, daß er sich von seinem "Faust"-Projekt nicht abbringen lassen werde. Brauner: "An Faust' glaube ich. Die Leute geben nämlich heutzutage nicht mehr drei Tage dran, um den Faust zu lesen. Aber für 1,50 im Kino mit O. W. - das ist bequem, das füllt die Bildungslücke. Das wollen sie gesehen haben..."
Indes, die Neuzubereitung alter Kinoerfolge ("Herrin der Welt" und "Menschen im Hotel") sowie die Produktion von Schlagerfilmen hinderten ihn immer wieder, die "Faust"-Pläne zu verwirklichen. Als schließlich das Gründgens-Projekt bekannt wurde, stellte er sein Unterfangen "vorerst selbstverständlich weit zurück".
"Nun kann aus seinem (Brauners) Superkultur-Beitrag nichts mehr werden", notierte hämisch der Film-Informationsdienst "Star-Press", "die Schau gehört Gustaf Gründgens." Tatsächlich aber hatte der Münchner Gloria-Filmverleih dem Berliner Produzenten die Schau gestohlen. Auf einer der routinemäßigen Produktionssitzungen, die zumeist unter Vorsitz der Firmenchefin Ilse Kubaschewski stattfinden, regte der frisch bestallte Produktionsleiter Dr. Manfred Barthel - bis dahin Chefdramaturg des Berliner Filmproduzenten Kurt Ulrich - ein "Faust"-Projekt an.
Sitzungsteilnehmer Meichsner: "Dabei erinnerte man sich, wie bei den Faust' -Inszenierungen von Gründgens die Leute mit Matratzen vor den Kassenschaltern lagen, um eine Karte zu bekommen. Und da sagten wir uns: Warum eigentlich eine freie Bearbeitung eines Faust'-Sujets? Warum nicht genau das, was der Gründgens gemacht hat?"
Gloria-Chefin Kubaschewski, die einstige "Königin-Mutter des deutschen Heimatfilms", stimmte dem Plan, den Bühnen-"Faust" zu verfilmen, sofort zu. Ihre Beauftragten bemühten sich unverzüglich, Gründgens für das Vorhaben zu interessieren. Erläuterte Meichsner: "Wir haben Gründgens über seine Mitarbeiter eingekreist und ihm das Projekt immer wieder vortragen lassen."
Doch der Intendant des Deutschen Schauspielhauses zu Hamburg mochte von dem Plan vorerst nichts wissen. Gründgens: "Ich sagte nein, nein, nein. Ich sagte: Ich halte nichts vom abgefilmten Theater. Um mein Nein zu begründen, baute ich geradezu Schwierigkeiten auf. Aber die Gloria ließ sich dadurch nicht entmutigen. Schließlich wurden ihre Angebote konkreter und die Bereitschaft meinerseits größer."
Deutlich zeichnete sich dann eine Einigung ab, als der Schauspiel-Professor zu Anfang dieses Jahres erholungshalber auf Madeira weilte. Die Kubaschewski kabelte an Gründgens: "Bin überzeugt, daß es uns in persönlicher Aussprache gelingt, eine Basis für angenehme und befriedigende Zusammenarbeit beider Teile zu schaffen." Gründgens kabelte zurück: "Prinzipiell bereit, aber nur ein Termin frei nach 15. Mai. Drehort Hamburg. Rechtzeitig mit Quadflieg verhandeln ..."
Das vertragliche Arrangement, das schließlich getroffen wurde, räumte Gründgens die Vollmacht ein, den Film nach seiner Fasson zu drehen. Sein Konzept war eindeutig. "Aufgabe dieser Verfilmung muß es sein", dekretierte er, "die genaue Mitte zu finden zwischen gefilmtem Theater und reinem Film. Das Resultat einer 30jährigen Bemühung um Goethes Faust darf weder abphotographiert noch durch filmische Interessanz aufgeweicht werden." Der Sinn der Inszenierung - Abkehr von jeder Art Mystizismus und Verschwommenheit - müsse erhalten bleiben und dürfe nicht auf Kosten "schöner Bilder" verfälscht werden.
Um diesen "schmalen Grat zwischen Nicht-mehr-Theater und Noch-nicht -Film" zu erklimmen, standen Gründgens nur die technischen Mittel des Films - Kameraführung, Schnitt-Technik und Farbe - zur Verfügung. Er nutzte sie konsequent: Szenisch soll sich der Film kaum von der Bühnenfassung unterscheiden, aber die Kamera bewegt sich wie in einem normalen Spielfilm. Sie photographiert die Bühne nicht vom Zuschauerraum aus - wie beim "abphotographierten Theater" -, sondern ist am Rand oder auf der Bühne selbst postiert.
Die turbulente Walpurgisnacht beispielsweise soll zentral von oben wie auch von allen Seiten gefilmt und dann so geschnitten werden, daß die Leinwand mit zuckenden Gestalten ausgefüllt erscheint. Vorsorglich hat die Divina die Zahl der Komparsen - 40 in der Bühnenversion - auf 200 erhöht. Gründgens: "Der Faust' ist ein unerhört filmisches Stück."

DER SPIEGEL 24/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/1960
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Bildungslückenfüller

Video 01:35

Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"

  • Video "Brexit: Die wählen, die Briten" Video 05:26
    Brexit: Die wählen, die Briten
  • Video "Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis" Video 04:55
    Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis
  • Video "Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus" Video 03:54
    Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus
  • Video "Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wir dulden keinen Antisemitismus" Video 03:14
    Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: "Wir dulden keinen Antisemitismus"
  • Video "SPD-Parteitag: Ja, aber" Video 03:15
    SPD-Parteitag: Ja, aber
  • Video "SPD-Parteitag: Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden" Video 01:35
    SPD-Parteitag: "Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden"
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"
  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: Dann muss die schwarze Null eben weg" Video 01:01
    Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: "Dann muss die schwarze Null eben weg"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten" Video 01:35
    Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"