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Eine deutsche Industrie-Ikone stirbt Der Niedergang von Thyssenkrupp

Der Stahlgigant ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Wie Hybris und Gier Thyssenkrupp ruinierten.
aus DER SPIEGEL 3/2020
Ruhrbaron Alfried Krupp 1955 mit Direktoren in der Villa Hügel

Ruhrbaron Alfried Krupp 1955 mit Direktoren in der Villa Hügel

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ERICH LESSING / AKG

Am Vormittag des 21. November sitzt Martina Merz in Essen inmitten einer Reihe dunkel gekleideter Herren auf der Bühne. Sie trägt ein knallrotes Kostüm, sie spricht mit schwäbischem Tonfall. Sie wirkt wie ein Fremdkörper in dieser Umgebung. Und das ist sie auch.

Wenige Wochen zuvor war die ehemalige Bosch-Managerin zur Chefin des Traditionskonzerns Thyssenkrupp ernannt worden. Es hatte sich kein erfahrener Unternehmenslenker gefunden, der sich den Job hätte antun wollen: die Sanierung des Krisenkonzerns.

Merz beschönigt nichts. Was sie vorgefunden habe, sagt sie, habe sie ernüchtert. Viele Bereiche lägen weit hinter den Vorgaben, der finanzielle Spielraum sei eingeschränkt, "die Konjunktur läuft gegen uns".

Das alles hört sich gefährlich an, ja hoffnungslos, und Merz scheint das zu merken. In den letzten Minuten der Pressekonferenz versucht sie, die Stimmung herumzureißen. Thyssenkrupp besitze trotz allem "Potenzial", sagt sie. Der Konzern spiele in vielen Bereichen in der Spitze.

Zu spät, die Beteuerungen verfangen nicht mehr. Der Aktienkurs stürzt nach Merz' Auftritt um fast 14 Prozent ab. Rund 1,1 Milliarden Börsenwert sind durch ihren Auftritt verpufft. Fast scheint es, als habe der Kapitalmarkt erst durch ihre Worte begriffen, wie ernst die Lage ist.

Thyssenkrupp – der Name steht wie kein zweiter für den industriellen Kern Deutschlands. Schon die Vorstellung, dass es mit dem Konzern, der unverwüstlich schien, einmal zu Ende gehen könnte, grenzt an eine Ungeheuerlichkeit.

Doch um nichts weniger geht es. Die Zahlen lassen für Nostalgie keinen Raum mehr. Die Finanzschulden haben sich auf 6,5 Milliarden Euro summiert. Rund 8,9 Milliarden Euro Pensionsverpflichtungen nehmen dem Konzern jede Luft zum Atmen. Das Eigenkapital ist auf einem historischen Tief. Aus dem Dax wurde Thyssenkrupp schon im September verbannt. Mit jedem Tag, an dem nichts geschieht, verbrennt der Konzern weiter Cash. Es droht ein Tod auf Raten. Selbst eine Pleite halten Beobachter nicht mehr für völlig ausgeschlossen.

Das Schicksal liegt nun in der Hand zweier Frauen: Martina Merz, der neuen Chefin, und Ursula Gather, der Vertreterin des größten Aktionärs, der Krupp-Stiftung. In den kommenden zwei Wochen müssen sie entscheiden, wie Thyssenkrupp es schaffen will, den Niedergang zu stoppen. Die einzige Chance, so viel ist klar, besteht darin, ausgerechnet das ertragreichste Geschäft zu Geld zu machen, das dem Konzern geblieben ist – die Aufzugsparte.

Aber ganz oder nur teilweise? Oder soll es doch ein Börsengang werden? Und vor allem: Was soll mit dem Geld geschehen? Sollen damit die anderen kränkelnden Sparten aufgepäppelt werden – mit dem Risiko, dass das Geld dort bloß versickert? Oder sollen besser Schulden abgebaut und Pensionsverpflichtungen abgesichert werden, um das Schlimmste abzuwenden?

Noch eine falsche Entscheidung kann sich Thyssenkrupp nicht mehr leisten, es gab schon zu viele davon.

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