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Großbritannien Mutter wegen Entführung ihrer Tochter verurteilt

Der Staatsanwalt nennt es eine "grausame Farce": Die Britin Karen Matthews hat die Entführung ihrer eigenen Tochter inszeniert und in der Öffentlichkeit die verzweifelte Mutter gespielt. Jetzt erwartet die 33-Jährige eine lange Haftstrafe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Leeds - Auf der Suche nach der neunjährigen Shannon hatte die Polizei von West Yorkshire im vergangenen Februar die größte Fahndung seit 30 Jahren durchgeführt, Kommissare von Mordfällen abgezogen und Hunderte von Bürgern eingebunden. Karen Matthews, die Mutter des vermissten Mädchens, hatte mehrfach im Fernsehen unter Tränen an die vermeintlichen Entführer appelliert, "ihr Herzenskind" zurückzubringen.

"Eine grausame Farce", urteilte Staatsanwalt Julian Goose nun im Prozess gegen die Mutter. Denn während der 24-tägigen Fahndung hatte Shannon unter dem Bett in der Wohnung eines Verwandten gelegen - mit Drogen ruhiggestellt und gefesselt.

Ihre Mutter, Karen Matthews, wurde nun von einem Gericht in Leeds wegen Entführung, Freiheitsberaubung und Behinderung der Justiz schuldig gesprochen. Ein mitangeklagter Verwandter der Frau wurde wegen derselben Taten verurteilt.

Aus Sicht des Gerichts wollten die beiden die Belohnung von 50.000 Pfund kassieren, die eine Zeitung für denjenigen ausgeschrieben hatte, der das Kind zurückbringt. Das Strafmaß für die Verurteilten wird erst nach Weihnachten festgesetzt - der Richter ließ aber durchblicken, dass beiden eine lange Haft droht.

"Wir teilen das Geld"

Shannon war Mitte Februar dieses Jahres nicht von der Schule nach Hause gekommen. Wochenlang blieb die Suche ohne Erfolg, obwohl Polizisten und Nachbarn Häuser, Gärten, Teiche und sogar Mülltonnen durchsuchten. Die Kosten für die Fahndung belaufen sich nach einem Bericht des "Guardian" auf 3,2 Millionen Pfund.

Der Tipp eines Nachbarn brachte schließlich den Durchbruch: Polizisten fanden das vermisste Mädchen in der Wohnung von Michael Donovan, dem Onkel von Shannons Stiefvater. "Wir hatten einen Plan, wir teilen das Geld", hatte der Entführer der Polizei nach der Festnahme erzählt und Karen Matthews als Haupttäterin beschuldigt. Diese hingegen behauptete, von dem Verwandten zu der Tat angestiftet worden zu sein.

"Zum Himmel schreiende Lügen" wurden Karen Matthews während der Verhandlung vorgeworfen, sie hätte wochenlang "Krokodilstränen geweint". Der leitende Ermittler, Andy Brennan, äußerte sich schockiert über den Fall: "Karen Matthews ist das pure Böse. Welche Mutter würde denn die eigene Tochter in ein so grausames Verbrechen verwickeln?"

Nach Berichten der "Daily Mail" soll die 33-Jährige ihre Tochter bereits Jahre vor der vorgetäuschten Entführung mit Drogen ruhiggestellt, geschlagen und ihr Essen verweigert haben. Eine Untersuchung der zuständigen Behörde soll nun feststellen, warum angebliche Hinweise auf Kindesmisshandlung vom Jugendamt nicht ernst genommen wurden.

Mutter bat Eltern von Madeleine McCann um Hilfe

Während Shannon Matthews sich in der Obhut des Jugendamts befindet, spekulieren britische Medien über den Auslöser für den perfiden Entführungsplan. Hoch im Kurs steht die Vermutung, die großangelegte Suche nach Madeleine McCann im vergangenen Jahr hätte die Täter auf die Idee gebracht. Als das britische Mädchen im Mai 2007 in Portugal verschwand, erhielten ihre Eltern Gerry und Kate McCann Spenden für die Suche in Höhe von einer Million Pfund.

Offenbar hatte Karen Matthews versucht, mit Hilfe der McCanns über die Belohnungssumme hinaus aus dem Verschwinden ihrer Tochter Kapital zu schlagen. Wie das Boulevardblatt "The Sun" berichtet, hatte sie Maddies Eltern um finanzielle Hilfe angefleht. Sie soll 25.000 Pfund gefordert haben.

Eine andere Theorie der britischen Zeitungen, was die Entführung angeregt haben könnte, dreht sich um die beliebte Fernsehserie "Shameless": Einen Monat vor dem Verschwinden Shannons war in einer Episode eine Entführung vorgetäuscht und ein Kind in der Wohnung von Verwandten versteckt worden.

kfi/dpa/Reuters