»Bald brennt hier die Luft«
Nach Ansicht von Stephanie Heim, 19, sind DDR-Bürger »irgendwie andere Menschen«. Die Schülerin eines Hamburger Gymnasiums, die Anfang Februar auf Klassenfahrt nach Dresden reiste, konnte es »beispielsweise zunächst gar nicht fassen«, daß sie am Frühstückstisch der Gastfamilie jeden Morgen mit Handschlag begrüßt wurde: »Bei uns sagt man einfach hallo, und damit hat sich's.«
»Richtig perplex« war das Mädchen, als sie bei einem abendlichen Besuch in der Disco von einem der Ostjugendlichen - ganz die alte Schule - mit knappem Diener und höflicher Ansprache aufs Parkett gebeten wurde. »Daß man solo kommt, solo tanzt und solo geht«, so die Beobachtung der Abiturientin, »das kennen die drüben nicht.«
Zu Tausenden reisen die Bundesbürger seit Grenzöffnung in die andere Republik, die meisten zum erstenmal, und viele sehen sich gleichsam mit einer Zeitmaschine in die Nierentisch-Ära der fünfziger Jahre zurückkatapultiert: alles ein bißchen muffig, ein bißchen spießig und, wie es das Yuppie-Magazin Wiener formuliert, »so daneben, daß es schon wieder witzig ist«.
Die Mauer hat im zweiten deutschen Staat ein Klima konserviert, in dem sozialistische Kleinbürgerlichkeit ungelüftet überdauern konnte. Die Verhaltensregeln ostdeutscher Prägung erleben viele Bundesbürger wie fremdartige Rituale, DDR-Bürger wiederum sind häufig von der freiheitlich-demokratischen Art der neuen Besucher irritiert.
Nachhilfe beim deutsch-deutschen Benimm scheint dringend erforderlich. Schon schlagen die Tanzlehrer, oberste Schiedsinstanz bei Zweifelsfragen der guten Manieren, hüben und drüben Alarm. Inge Wolff vom westdeutschen »Arbeitskreis Umgangsformen International« sieht »in puncto Stil Handlungsbedarf«, nach vier Jahrzehnten Trennung sei es mitunter nicht einfach, »den richtigen Ton am richtigen Ort zu treffen«. In zwei Wochen wollen sich die Sittenwächter nun erstmals zusammensetzen und »Richtlinien für einen Ost-West-Knigge« erarbeiten.
Viele DDR-Bürger erleben die Invasion aus dem Westen zunehmend als Heimsuchung - ohne West-Mark und Ellenbogen geht vielerorts nichts mehr: * In Schwerin. »Wir fühlen uns manchmal schon wie Fremde im eigenen Land«, gibt der 26jährige Frank aus Wismar die Stimmung unter seinen Landsleuten wieder.
Die Touristen aus dem Westen kümmert's wenig. Bundesbürger, die bislang auf der Suche nach unberührten Flecken ans andere Ende der Welt jetteten, entdecken nun das wahrhaft Exotische zwei Autostunden ostwärts - ohne Rücksicht auf Verluste. »Manche Westler benehmen sich so, als wären sie in einem großen Club Mediterranee«, sagt Karl-Heinz Gummich vom Reisebüro der DDR, »und wir wären die Eingeborenen.«
Kein Ostler käme auf die Idee, in einer Gaststätte oder einem Tanzklub seine Zigarette einfach auf den Boden abzustäuben, wenn gerade kein Aschenbecher zur Hand ist. Die Kerzen, die auf dem Tisch stehen, werden erst zur festgelegten Stunde vom Personal angezündet. Tiere müssen grundsätzlich draußen vor der Tür bleiben. »Neulich kam einer mit seinem Hund hier rein«, berichtet die Wirtin der »Strandperle«, einer kleinen Kneipe in Zierow an der mecklenburgischen Ostseeküste, »da wußte ich gleich, der muß von drüben sein.«
Wer etwa zu seinem Sauerbraten statt Knödel, wie auf dem Speiseplan ausgedruckt, zur Abwechslung Nudeln haben möchte, wird barsch zurechtgewiesen: »Bei uns bestellt man die Gerichte, wie sie auf der Karte stehen.« Schwierigkeiten ergeben sich auch, wenn Westgäste in einem Restaurant weitere Stühle an einen Tisch rücken oder gar zwei Tische zusammenschieben wollen. Die sozialistische Tischordnung ist - vorerst noch - unauflösbar.
Doch das Bedienungspersonal jenseits der Grenze tut sich immer schwerer damit, den alten Stil zu wahren, und gerät zunehmend mit der neuen Kundschaft aneinander. Die Westgäste seien »unheimlich fordernd«, manche »richtig patzig« und die meisten dann noch »äußerst knickerig beim Trinkgeld«, klagt die 19jährige Conny vom Schweriner Restaurant »Venus-Bar«. Das Niveau der Ostgastronomie, bestätigt ihre Kollegin Marion Ruppert, habe seit dem Mauerfall »deutlich nachgelassen«.
So würden sich Bundesdeutsche oftmals weigern, Jacken und Mäntel an der Garderobe abzugeben - in jedem Ostrestaurant bislang Usus. Kaum ein Wochenendbesucher sei bereit, die obligatorische halbe Stunde Wartezeit in Kauf zu nehmen. »Die drängeln und schubsen«, so Ruppert, »und lauern auf jeden freien Stuhl.« Im feinen Ost-Berliner Palast-Hotel wurde der Restaurantleiter kürzlich gar von Westgästen angespuckt, weil er ihnen nicht sofort einen Platz zuweisen konnte.
Das Schlangestehen betrachten viele Westler offensichtlich als Angriff auf die Menschenwürde. Da nützt es auch wenig, daß etwa die Hamburger Stadtzeitschrift Prinz den erlebnishungrigen »Bundis« das Warten mit dem Hinweis schmackhaft zu machen versucht, die Schlange sei »der Kontakthof«.
Gut kann sich das Personal der Kneipe »1900« im Ost-Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg noch an den Auftritt einer West-Berlinerin erinnern, die vor der Tür bleiben mußte, weil der Laden überfüllt war. Sie habe 100 Mark für den Babysitter bezahlt, um einmal ungestört ausgehen zu können, zeterte die Frau: »Soviel habt ihr Ostpisser doch in eurem ganzen Leben noch nicht auf einmal gesehen.«
Für beträchtliches Aufsehen sorgte auch eine Bundesbürgerin im Pelzmantel vor dem Stadttheater in Schwerin, die nicht einsehen mochte, daß Theaterkarten in der DDR meist Mangelware sind. Am Plattensee in Ungarn, wo sie erst im Sommer Urlaub gemacht habe, sei sie - Sozialismus hin oder her - gleich zum Zuge gekommen, erklärte die Westlerin den Umstehenden.
Als eine Schweriner Hausfrau daraufhin einzuwenden wagte, daß sie die Verhältnisse in Ungarn ebenfalls kenne und wisse, daß man auch am Plattensee anstehen müsse, fauchte die Pelz-Dame: »Für eine Ostbürgerin riskieren Sie hier aber 'ne ganz schön dicke Lippe.«
Viele Bundesdeutsche, die den Osten als Vergnügungskolonie entdeckt haben, benehmen sich, als wären sie drüben zu Hause. Wenn etwa die Stadtführerin Sabine Fatunz ihre Fahrgäste »herzlich willkommen« heißt »in Berlin, Hauptstadt der DDR«, schallt ihr nun mitunter höhnisches Gelächter entgegen: »Aber nicht mehr lange.«
Und der Fremdenführerin Brigitte Gröhler, die Bundesbürger auf ihrer Tour auch ans Treptower Ehrenmal für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Sowjetsoldaten führt, machten die Tagestouristen jüngst klar: »Wenn uns erst einmal ganz Deutschland gehört, dann wird das hier natürlich abgerissen.«
Etliche Westbürger erliegen im Osten der Versuchung, »mit ihrer Kohle den totalen Affen zu machen«, wie der Hamburger Lastwagenfahrer Peter Ebert im Grenzgebiet beobachtet hat: »Die sind bei uns der letzte Husten, und drüben markieren sie den Generaldirektor persönlich.«
Kein Einzelfall ist die Gruppe Jugendlicher aus Lübeck, die sich auf dem Marktplatz in Wismar ihre Zigaretten mit zusammengerollten DDR-Hundertern ansteckten, die halbverkohlten Scheine dann auf den Boden schnippten und den entgeisterten Ostlern zuriefen: »Na, nehmt sie schon.«
Am dollsten treiben es nach Erfahrungen der Heimgesuchten ehemalige DDR-Bürger, die vor Wochen übergesiedelt sind und mit den Taschen voller Geld zurückkehren, natürlich alles schwarz getauscht im Kurs 1 : 6. »Nun sind etliche Assis wieder da«, über deren Abgang die »fleißig arbeitenden Magdeburger nicht böse waren«, schrieb eine Ostleserin an den SPIEGEL, »sie spielen sich als jetzige Bundesbürger anmaßend auf und beanspruchen ehrerbietige Behandlung«.
Bei den DDR-Bürgern machen sich gegenüber den Westrüpeln, verständlicherweise, Aversionen breit. In Schwerin wird Hamburger Nachtschwärmern aus dem Schutze der Dunkelheit jetzt schon mal »Scheiß-Wessis« hinterhergerufen. Und in Ost-Berliner Kneipen rund um den Prenzlauer Berg kam es bereits zu Prügeleien, weil Ostler sich nicht länger dumm kommen lassen wollten. »Die Ostpuschel fallen doch total hinten runter mit ihren Aluchips«, erklärt Marion Ruppert die zunehmende Aggression, »wenn das alles so weitergeht, brennt hier bald die Luft.«
DDR-Bürger empfinden das laute und selbstherrliche Auftreten der Bundesdeutschen nicht zuletzt deshalb als schockierend, weil sie jahrzehntelang zur Zurückhaltung und Bescheidenheit erzogen worden sind. Auch an Orten, an denen es im Westen traditionell hoch hergeht, waltet staatlich verordnete Sittsamkeit.
So hängt im Fenster vieler DDR-Kneipen eine HO-Plakette, die den Gast darauf hinweist, daß es sich bei diesem Etablissement um einen »anerkannten Bereich vorbildlicher Ordnung, Sicherheit und Disziplin« handelt.
Und selbst die Disco wird zum Testfeld guten Benehmens und damit »praktisch ausgeübter sozialistischer Moral«, wie ein weitverbreitetes DDR-Benimmbuch noch in seiner jüngsten Ausgabe lobend hervorhebt. »Wie sorgt der Junge für seine Partnerin? Wie gewagt sind die Figuren und doch gekonnt und gut anzusehen? Für den einen heißt es: Wie überwinde ich meine Scheu, für den anderen: Wie übe ich mich in Selbstbeherrschung.«
Das österreichische Wirtschaftsmagazin Cash-Flow rät seinen Lesern dringend zur Anpassung: »Wahren Sie die Form; die lockere Art der Postachtundsechziger ist am Osten genauso spurlos vorübergegangen wie die lässigen Yuppies«, warnt das Blatt in einem »Knigge für den Osten«. Bei allen offiziellen Terminen sei ein »korrekter Anzug« angebracht - »je dunkler, desto besser«. Für das Gespräch bei Tisch weiß Cash-Flow ebenfalls Rat: »Stellen Sie interessierte Fragen, lassen Sie sich erklären - der DDR-Bürger wird munter drauflosplappern, der Abend ist gerettet.«
Auch auf speziellen Managerseminaren sind deutsch-deutsche Umgangsformen neuerdings Thema. Herbert Frommke, der Führungskräften der westdeutschen Wirtschaft im Auftrag von Großunternehmen den richtigen Schliff beibringt, empfiehlt seinen Kursteilnehmern, sich DDR-Bürgern mit »großer Behutsamkeit« zu nähern: »Bedenken Sie, daß Sie einem Menschen begegnen, der in seinem idealistischen Bemühen gescheitert und deshalb besonders empfindlich ist.«
Als besonders abschreckendes Beispiel nennt der Benimm-Lehrer einen prominenten Bundesdeutschen, der sich »schrecklich tölpelhaft und arrogant« benehme und sich im Umgang mit Besuch aus der DDR »auf sehr, sehr bedenkliche Art und Weise« aufführe: Helmut Kohl. f