SÜDAFRIKA Aus dem Paradies
Mit der linken Hand griff er die Schulter seines Opfers, mit rechts placierte er zwei Kinnhaken. Der Gegner verlor Balance und Brille und sank in die Knie.
»Das bedaure ich nicht, ich würde es wieder tun«, verkündete Piet Rudolph, Stadtverordneter der rassistischen »Herstigte Nasionale Party« (HNP) in Pretoria. Vor dem Stadtparlament hatte er dem parteilosen Kollegen Ernie Jacobson aufgelauert und ihn beim Telephonieren niedergeschlagen.
Notfalls mit Brachialgewalt streitet sich die weiße Herrenschicht am Kap derzeit um rassereines Blut. In Wallung gebracht hat das Hans Heese, ein stiller Historiker von der Universität des Westlichen Kaps. Er untersuchte das fröhliche und farbenblinde Liebesleben der frühen burischen Siedler. Eine Erkenntnis: »Die weißen Männer jener Zeit hatten eine sexuelle Vorliebe für indische und indonesische Frauen.«
Johannesburgs »Sunday Times« veröffentlichte als Vorabdruck aus Heeses Buch rund 100 Familiennamen strammer Buren, in deren Stammbaum farbige Vorfahren nachgewiesen werden können. Die Liste enthält die Familiennamen fast aller Kabinettsmitglieder. Als sie der jüdische Stadtverordnete Jacobson in Pretoria erwähnte, drehte der Bure Rudolph durch.
Heeses Fazit aber läßt sich nicht aus der Welt boxen. »Es gibt keine hundertprozentig reine arische Rasse in Südafrika«, schließt der Wissenschaftler, der acht Jahre lang Steuerlisten von 1680 bis 1773 durchforstet hatte. Er fand Unterlagen über Eheschließungen von Weißen mit farbigen Frauen und über das außereheliche Treiben der alten Buren.
Wenn es aber »keine Elite, kein weißes Herrenvolk« gibt (Johannesburgs »Sunday Times"), wie läßt sich dann die Legende vom »auserwählten burischen Volk« aufrechterhalten, das einst gegen die heidnischen Schwarzen kämpfte und heute einer weltweiten kommunistischen Verschwörung trotzt?
»Alles Unsinn«, verkündete denn auch Andries Treurnicht, Führer der »Konservativen Partei«. Sein Familienname erscheint bei Heese. Die liberale Presse verulkt Treurnicht, der wegen seiner starken Gefolgschaft in Südafrikas Norden »Löwe des Nordens« genannt wurde, nun als »Tiger von Bengalen«.
Denn neben den Hottentotten, so fand Heese, liebten die Buren damals vor allem aus Indien verschleppte »Sklaven indogermanischen Ursprungs, die physisch Europäern ähnlich waren«.
Bald, nachdem der burische Siedlervater Jan van Riebeeck 1652 das Kap der Guten Hoffnung erreicht hatte, war Angela von Bengalen mit ihren drei Kindern ins Land gekommen. Die Inderin hieß bald Mevrou Basson. Ihre bildschöne Tochter Anna heiratete einen Olof Bergh. Basson und Bergh sind heute Nachnamen der besten Gesellschaft. Der Kap-Gouverneur Simon van der Stel (Regierungszeit 1679 bis 1707) hatte eine Inderin zur Großmutter.
Apartheidapostel wie Treurnicht wollen solche Beziehungen zwischen den Rassen nicht wahrhaben. In seinem Buch »Credo van 'n Afrikaner« behauptet der rechte Politiker, daß Farbige schon seit 1652 »nicht als Teil des weißen Volkes« akzeptiert worden seien.
Die regierende Nationale Partei begründete nach ihrer Machtübernahme 1948 die Einführung der Apartheidgesetze unter anderem damit, daß »eine Vermischung der Rassen unerwünscht« sei, weil eine »biologisch minderwertige Menschengruppe« entstehe.
So sind denn bis heute Gesetze gegen Rassenschande Teil der Apartheiddoktrin. Noch 1984 verfolgten die Behörden 114 Fälle von geschlechtlichen Beziehungen zwischen verschiedenen Rassen. Die meisten Verstöße, 53, ereigneten sich im konservativen Pretoria. Dort wird besonders freizügig geliebt - oder Polizei und Nachbarn sind besonders wachsam.
Erst jetzt, nachdem mehrere Regierungskommissionen nach jahrelanger Forschung die Abschaffung des »Mischehenverbots« und der »Unzuchtparagraphen« empfohlen haben, will die weiße Herrschaft einlenken. Vermutlich zu Ostern dürfen Südafrikaner wieder ungestraft und ungeachtet ihrer Hautfarbe einander lieben - wie ganz früher.
Nach wie vor aber gibt es Gesetze, die getrennte Wohngebiete und nach Hautfarben klassifizierte Schulen vorschreiben. Der Österreicher Wolf Busse in Johannesburg erfuhr gerade erst wieder, daß die halbherzigen Reformen der Regierung Botha an der Wohnungstür aufhören. Er hatte drei farbige Freundinnen aus dem benachbarten Swasiland zum Abendessen eingeladen.
Zunächst wurde den Besucherinnen von einer Hausmeisterin der Zugang verwehrt. Als sie schließlich doch am Tisch saßen, kam die Polizei, nahm die Gäste mit und ließ sie unter Strafandrohung unterschreiben, daß sie das weiße Gebäude nie mehr betreten würden.
Wohlauf ist die Rassentrennung auch bei der Eisenbahn. Zwei Studentenfreunde von der Rhodes-Universität in Grahamstown zwang man bei einer Bahnfahrt, im Speisewagen an verschiedenen Tischen zu sitzen. Als der Weiße seinen braunen Kommilitonen im Abteil besuchte, wurde er vom Schaffner zurückgeschickt. Wie unter solchen Umständen gemischtrassische Paare legal leben sollen, ist schwer vorstellbar.
In den Streit ums reine weiße Blut hat indessen der Herzprofessor Christiaan Barnard eingegriffen, der heute als Farmer und Kolumnist lebt. Er forderte Treurnicht zum »Blutduell« heraus: »Wie wär's, Andries? Ein kleiner Stich, und die ganze Welt wüßte Bescheid.«
Doch der Erzrassist kniff: »Wenn man weit genug zurückgeht, kommen wir alle von der Arche Noah und aus dem Paradies.« Der burische Forscher Heese aber bekennt sich zu seiner Vergangenheit: »Ich bin in der zehnten Generation ein Abkömmling der vollblütigen Hottentottenfrau Eva.«