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Landflucht Im blauen Dunst

Die Landwirtschaft in den neuen Bundesländern bricht zusammen, in den Dörfern herrscht gespenstische Öde.
aus DER SPIEGEL 18/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Arglos öffnete Harald Röpke, 41, die Haustür, als sich ein Mann auf ihn stürzte. Röpke habe genug geschwätzt, drohte der Angreifer wütend, nun setze es Prügel.

Was den Mann so erregte, blieb dem Bauernverbandspräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern nicht lange verborgen: Sein Konsumverhalten lasse er sich von niemandem vorschreiben, tobte der Eindringling. Nach Herzenslust werde er endlich all jene Westwürste kaufen, nach denen er sich jahrelang verzehrt habe.

Die handgreifliche Attacke galt dem Zeitungsschreiber Röpke. Der hatte seine Landsleute in einer Kolumne eindringlich davor gewarnt, sich auf buntschillernde Westprodukte zu fixieren - auf diese Weise kauften sie sich, besonders in der Landwirtschaft, die eigenen Arbeitsplätze kaputt. Tatsächlich blieben die ostdeutschen Bauern nach der Wende meist auf ihren Waren sitzen. Ihr Obst verrottete, ihr Gemüse verfaulte, ihr ausgewachsenes Vieh mußten sie verschleudern, ihre Ferkel vielfach erschlagen. In den ostdeutschen Konsumläden fand heimische Ware keine Kunden mehr.

Während sich die Politiker vor allem mit den Krisen in Werften- und Bauindustrie befassen, stirbt die Landwirtschaft in den neuen Bundesländern »einen stillen Tod«, klagt die Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft. Am schlimmsten trifft es das ländlich geprägte Mecklenburg-Vorpommern.

Dort waren vor der Wende allein knapp ein Viertel aller 840 000 in der DDR-Landwirtschaft tätigen Menschen beschäftigt. Von den 189 000 Arbeitskräften wurden bis heute 160 000 entlassen, »ohne daß für die Freigesetzten eine Alternative geschaffen« wurde, so Röpke.

Dabei schwant dem Landwirt: »Wir haben das Tal noch nicht durchschritten.« Und der Schweriner Landwirtschaftsminister Martin Brick (CDU) prophezeite noch im vergangenen Monat: »Wenn wir effektiv arbeiten wollen, werden sicher noch einmal rund 10 000 gehen müssen.«

Die neue Regierung des Christdemokraten Berndt Seite, der vor sechs Wochen den Ministerpräsidenten Alfred Gomolka abgelöst hat, kann lediglich auf baldige »Beratungen« über die Agrarkrise verweisen. Regierungssprecher Michael Koschinski fordert, es müßten »endlich Konzepte« her. FDP-Sozialminister Klaus Gollert stöhnt: »Es reicht nicht, daß immer mehr Arbeitskräfte freigesetzt werden, die dann als Sozialfälle bei mir landen.«

Niemand weiß, wie das ärmste Bundesland, das ohnehin mit der höchsten Arbeitslosenquote (17,7 Prozent) geschlagen ist, die Krise auf dem Land verkraften soll. Bauernführer Röpke warnt vor »bürgerkriegsähnlichen Zuständen«.

Eine dramatische Einschätzung, mit der Röpke nicht allein steht. Auf den Verlust des eigenen Arbeitsplatzes antworteten viele mit »Denunzierungen und Diffamierungen« von Nachbarn und ehemaligen Kollegen, berichtet zum Beispiel Simone Reppe, 24, von der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr in Stralsund.

»Neid und Mißtrauen zersetzen das Dorfleben«, weiß auch Katharina Goeritz, 30, von der Frauenberatungsstelle Teterow. »Diebstahl und Haß«, sagt Klaus Jungmichel, 54, Vorsitzender des Anklamer Kreisbauernverbands, »werden immer schlimmer.«

Wer kann, wandert in den Westen ab. Besonders junge, intelligente und mobile Arbeitskräfte wollen nicht länger auf dem öder werdenden platten Land wohnen. Seit der Wende haben nach Schätzungen des Schweriner Sozialministeriums etwa 66 000 Menschen die ohnehin dünnbesiedelte Region verlassen. »In Mecklenburg-Vorpommern verlieren wir eine ganze Generation«, fürchtet Sozialminister Gollert. »Die Dörfer veröden hier schneller, als man gucken kann«, erklärt Bernd Fritze, 48, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen.

Die Menschen im westlichen Mecklenburg haben immerhin noch Aussicht, in Hamburg oder Lübeck Arbeit zu finden; bereits 60 000 Arbeitskräfte pendeln täglich hin und her. Doch östlich der Autobahn Berlin-Rostock ist die Lage finster.

Dort entvölkern sich ganze Regionen. Über den Dörfern lastet tödliche Langeweile, das Gemeinschaftsleben ist erloschen. An der Tür einer vernagelten Jugenddisco im Kreis Wolgast steht in holprigem Deutsch: »Wegen geschlossen zu.«

Von den ehemals etwa 1500 Konsum-Verkaufsstellen im Land wurden mehr als 1000 »plattgemacht«, berichtet Gewerkschafter Fritze. Um ein Paket Margarine zu kaufen, müßten Rentner manchmal 30 Kilometer mit dem Bus fahren, »wenn es überhaupt noch Busverkehr gibt«.

Vor allem Frauen und Männer über 40 haben kaum eine Chance auf einen Arbeitsplatz. Die Fortbildungsmaßnahmen, vom Land finanziert, fänden nur »im blauen Dunst« statt, kritisiert Frauenberaterin Goeritz: »Was soll die ganze Umschulung, wenn sich keine wirtschaftlichen Strukturen entwickeln.«

Wer mit viel Glück noch Arbeit hat, zieht den Unmut der Entlassenen auf sich. Das staatlich gehätschelte Solidargefühl von einst macht dem Sozialneid Platz. Wenn künftig zum Beispiel einigen verbliebenen Landwirtschaftsbetrieben für 120 Hektar Raps 120 000 EG-Subventionsmark aus Brüssel überwiesen würden, fürchtet Röpke, dann könne es regelrechte »Unruhen« geben. Röpke: »Das Bankgeheimnis auf den Dörfern ist doch nicht dicht. Die verbliebenen Bauern werden sich alle Konten in Hamburg anlegen müssen.«

Auf Unruhe braucht der Landkreis Teterow nicht mehr zu warten. Dort gingen Anfang März die Menschen erstmals seit der Wende wieder auf die Straße. Sie forderten »Solidarität mit den Arbeitslosen«.

Davon gibt es in Teterow genug - im vergangenen Monat offiziell 26,9 Prozent. Viele werden binnen kurzem, wenn die Arbeitslosenunterstützung nach den gesetzlich vorgesehenen zwei Jahren ausläuft, zu Sozialhilfeempfängern. Der christdemokratische Landrat Christian Zöllner, 52, hält es für »realistisch«, daß im kommenden Jahr nahezu jeder zehnte Teterower dazu zählen wird; 72 Millionen Mark plant der verarmte Kreis dafür schon mal ein.

In den Dörfern um die Stadt herum liegt die Arbeitslosenquote bereits über 60 Prozent. Für die alten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) ist bisher kein Ersatz gefunden, Rindermastanlagen existieren nicht mehr, Industrie gibt es nicht.

Die großen Parteien fürchten, daß das soziale Elend den Rechtsextremisten neuen Zulauf bescheren wird. Die Teterower Bundestagsabgeordnete Elisabeth Grochtmann (CDU) warf unlängst erstmals einen Bürger aus der Sprechstunde, der verkündet hatte, er »sehe nicht mehr ein, in einer Stadt mit Asylanten, Niggern und Juden zu leben«. Fazit der Christdemokratin: »Arbeitslose erliegen leichter radikalen Einflüssen.«

Ähnliches berichtet der Greifswalder SPD-Bundestagsabgeordnete Hinrich Kuessner, der sich besonders um die chancenlosen Arbeitnehmer über 50 kümmert. Viele aus dieser Altersgruppe im Osten fühlten sich einfach abgeschoben. In diesem Potential fänden die Rechtsextremisten reichen Nährboden. Kuessner: »Wenn wir jetzt hier Wahlen hätten, wir kämen nicht so gut weg wie in Baden-Württemberg.«

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