Cebit-Partner Russland Gesandte aus dem IT-Wunderland

Russland ist Partnerland der Cebit 2007, und das ist kein Zufall. Der russische IT-Markt boomt: Die Programmierer sind billig und gut ausgebildet, die Firmen oft Weltmarktführer. Vor allem kleine, flexible Firmen schreiben sagenhafte Erfolgsgeschichten.

Von André Ballin, Moskau


Moskau - Bei der Suche nach einem neuen Namen für sein Unternehmen folgte David Jan geradezu genial schlichten Überlegungen. Unter dem Namen Bit Software hatte Jan das Unternehmen 1989 gegründet. Damals war er Student des Moskauer Physik- und Technikinstituts. Doch die Bezeichnung gefiel ihm acht Jahre später nicht mehr, als es darum ging, den Weltmarkt zu erobern. "In jedem Land gab es irgendwo schon ein Unternehmen, das entweder Bit oder Software hieß. Also musste ein neuer Name her". Die Kriterien bei der Suche: Die ersten Buchstaben sollten A und B sein, damit das Unternehmen in alphabetischen Listen vorn steht. Zur Sicherheit wurde noch ein zweites B drangehängt, "und was danach kommt, ist bereits egal", erklärt Kommunikationschefin Nadeschda Genina.

Abbyy-Mitarbeiterin: Das IT-Unternehmen ist Weltmarktführer
Andre Ballin

Abbyy-Mitarbeiterin: Das IT-Unternehmen ist Weltmarktführer

Ganz vorn dabei ist Abbyy nun tatsächlich. Im Bereich Dokumentenerkennung und –konvertierung ist die Firma weltweit Marktführer. Einer der Verkaufsschlager der Firma, der Fine Reader, verwandelt etwa gedruckte Dokumente und PDF-Dateien in editierbare Dateien – eine enorme Arbeitserleichterung für jeden, der ständig mit Dokumenten arbeiten muss. 14 Millionen Lizenzen wurden 2006 für den Fine Reader verkauft. In viele Scanner ist das Programm bereits serienmäßig eingebaut. "Über die Hälfte aller Scanner weltweit – OME-Produkte nicht mitgerechnet – werden mit dem Fine Reader ausgerüstet", erklärt Gregory Lipich, der Generaldirektor von Abbyy Russland. Bald soll es auch eine Version für Smartphones geben.

Geld – nach Angaben von Lipich "zig Millionen US-Dollar pro Jahr" - verdient Abbyy International zudem mit Programmen für Data & Document Capture, das heißt für die massenhafte Verarbeitung von Dokumenten, wie sie bei Versicherungen, Banken und Steuerbehörden nötig ist. Oder mit Software für Programmierer im Bereich der morphologischen Texterkennung.

Besser ausgebildet als indische Programmierer

Abbyy ist nicht das einzige russische IT-Unternehmen, das sich über solche Erfolge freuen kann. Viele der 500 russischen Software-Unternehmen gehören zu den besten der Welt gehören. Im vergangenen Jahr haben sie nach Schätzungen der Softwarevereinigung "Russoft" Programme im Wert von einer Milliarde Euro exportiert. Das sind 30 Prozent mehr als 2005. Auch in diesem Jahr wird der Wachstumskurs voraussichtlich beibehalten. Die Prognosen sehen den russischen Software-Export 2007 bei 1,3 Milliarde Euro.

Der einfache Grund für den Erfolg: Russische Programmierer sind zwar nicht so billig wie ihre indischen Kollegen, aber wesentlich besser ausgebildet. Und unter dem Preisniveau von europäischen oder amerikanischen Spezialisten liegen sie allemal. In Moskau verdient ein Programmier im Schnitt zwischen 1500 bis 3000 Dollar, in den Regionen liegen die Personalkosten noch einmal um 50 bis 70 Prozent niedriger. Die Preisvorteile haben internationale IT-Konzerne ebenfalls schon erkannt. Intel z.B. beschäftigt in Moskau 1100 Mitarbeiter, Motorola immerhin 500. Beide haben eigene Zentren für Softwareentwicklung in Russland. Der Suchmaschinenbetreiber Google will sich in einem geplanten Technopark in der Nähe von St. Petersburg ansiedeln und gleich 3000 Arbeitsplätze schaffen.

Andere internationale Konzerne lagern ihre gesamte Softwareentwicklung nach Russland aus. Von diesem Outsourcing-Prozess profitieren etwa Unternehmen wie Starsoft Development Labs und Auriga, die in Russland Software auf Bestellung entwickeln.

Fachkräfte in Russland werden knapp

Auch der Petersburger Systemintegrator und Software-Hersteller Reksoft konnte im vergangenen Jahr den Outsourcing-Boom für sich nutzen. "Wir sind mit dem Jahr sehr zufrieden. Unseren Umsatz konnten wir auf 11,4 Millionen Dollar steigern, und in diesem Jahr wollen wir mindestens 15 Millionen Dollar Umsatz erwirtschaften. Wir haben 100 neue Mitarbeiter eingestellt und viele neue Klienten vor allem auch in Deutschland gewonnen", erklärt die Pressesprecherin Swetlana Wronskaja. Zu den neuen Kunden des nun 350 Mann starken Betriebs zählen unter anderem Fujitsu Siemens Computers und der Axel Springer Verlag, der sich sein System zur Automatisierung der Buchherstellung von Reksoft schreiben ließ.

Kein Wunder also, dass Russland als Partnerland für die heute beginnende Computermesse Cebit ausgewählt wurde. Auch Abbyy wird dort vertreten sein, mit der 8.1 Version des Fine Readers. Dabei ist deutscher Boden auch keineswegs neues Terrain für Firmen-Chef Jan: Seit 2000 ist Abbyy auch mit einer Filiale in München vertreten. Von der bayerischen Landeshauptstadt aus werden die Marketing- und Vertriebs-Aktivitäten für ganze Europa gesteuert. Daneben gibt es noch Filialen in Freemont/Kalifornien, London, Tokio, Kiew und Nikosia.

Das "Hauptquartier" für Planung und Entwicklung bleibt trotz aller Expansionspläne auf absehbare Zeit in Moskau. Eben wegen des gut ausgebildeten Personals, wie es bei Abbyy heißt. Da allerdings könnten David Jan bald Probleme bekommen: Denn die Nachfrage nach gut ausgebildeten Programmierern steigt schneller als die russischen Universitäten derzeit ausbilden können. So werden bereits jetzt gute Informatik-Studenten in den höheren Semestern mit Angeboten überhäuft. Doch die russische Regierung hat bereits angekündigt, den Bildungsplan besser mit den High-Tech-Firmen abzustimmen, um nicht am Bedarf vorbei auszubilden. Die Softwarebranche gilt nämlich in Russlands Regierung als Prestigeobjekt.

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