Guerilla-Aktion Noch'n Buch, noch'n Bier
Stefan lächelt selig. Er steht um kurz vor Mitternacht auf einem Parkplatz im Hamburger Univiertel und wiegt seine zwei neuen Bücher im Arm. Gerade haben die Aktivisten der Buchguerilla ihren VW-Bus geparkt und die ersten Bücher "befreit", wie sie es nennen - man könnte auch sagen: Sie haben sie irgendwo auf Autos, Fenstersimsen, Treppenstufen abgelegt. Und Stefan ist Finder Nummer eins.
Die Bücher stecken in verschließbaren Tüten, auf dem Cover pappt ein Aufkleber, der die Aktion der bibliophilen Hamburger erklärt. Sie sind in dieser Nacht ausgezogen, um rund 1900 Bücher an vier Orten in der Hansestadt an wildfremde Menschen zu bringen - anonym und für jedermann zum Mitnehmen, der die eingetütete Literatur als erster sieht und aufhebt.
"Aha", sagt Stefan etwas ratlos, denn so ganz versteht er nicht, warum er an die Bücher unter seinem Arm gekommen ist. Der 50-Jährige arbeitet in einer Kindertagesstätte als Hilfskindergärtner, ein Minieinkommen, das auf seinen Hartz-IV-Satz angerechnet wird. "Ich bin Aufstocker", sagt Stefan, lächelt und zieht an seiner Zigarette. In der Kneipe hinter dem Parkplatz ist er gewesen, um Jazz zu hören - und jetzt so ein Auftrieb auf der Straße, mitten in finsterer Nacht.
Er schaut den jungen Leuten hinterher, die mit einer Sackkarre mit Hunderten Büchern in Kisten zwischen den Unigebäuden verschwinden, perfekt ausgerüstet mit schwarzen Zorro-Augenmasken, Buchguerilla-T-Shirts und Aufklebern auf Taschen und Jacken. "Schöne Sache." Pause. "Dafür braucht man aber auch den finanziellen Hintergrund", sagt Stefan. "Aber den haben die bestimmt und die Leute, die diese Bücher in dieser Gegend finden, auch."
Eine Bande von Unternehmensberatern und Doktoranden
Stefan könnte recht haben. Die Guerilleros für eine Nacht sind Unternehmensberater, arbeiten bei Stiftungen, eine schreibt an ihrer Doktorarbeit. Irgendwann im November fassten sie den Plan, das Lesen zu fördern. Antje, 29, studierte Sozialökonomie, hatte gerade ein Buch fertig gelesen und das wollte sie unbedingt mit jemandem teilen. Sie packte es in einen Umschlag und warf es in irgendeinen Briefkasten. "Karin hieß die Glückliche", sagt Antje. So kamen sie und ihre Bekannten auf die Idee, zum Welttag des Buches, dem 23. April, in einer generalstabsmäßig geplanten Aktion Bücher zu verschenken - massenweise. Durch Zufall landeten sie auf der Web-Seite www.bookcrossing.com , einem Web-Dienst, der auf der Idee basiert, Bücher irgendwo abzulegen und ihre Reise zu dokumentieren - und hatten die perfekte Plattform für ihre Aktion gefunden.
Tina, 29, Historikerin an der Uni Hamburg, ist unter den Guerilleros diejenige, die im vergangenen Vierteljahr am meisten Zeit in das Projekt steckte - sie allein registrierte auf der Seite 600 der Schmöker, die die engagierten Bücherfreunde kistenweise bei Verwandten und Freunden gesammelt hatten. Drei Minuten dauert es, ein Buch zu beschriften und online anzumelden. 30 Stunden hat sie in die Vorbereitung gesteckt - insgesamt kostete es die akademischen Buchverschenker, von denen zwei in einer Unternehmensberatung arbeiten, mindestens hundert Mannstunden, wie das Militärs und Berater gern nennen. Vom eigentlichen Plan, öffentliche Lesungen zu organisieren und damit Bücher und Gesicht zu zeigen, haben sie sich nach einigem Überlegen verabschiedet, sagt Tina, die PR-Beauftragte der Gruppe. Eine medienwirksame Nacht-und-Nebel-Aktion erschien ihnen passender.
"Wir hatten massenweise Mankell"
Schrott wollten die Buchbefreier der Guerilla allerdings nicht unter die Hamburger verstreuen. Bildbände über Trachten Schleswig-Holsteins flogen ebenso aus dem Arsenal wie ein Sammelband mit Hitlerreden. Als letzte Rampe für Bücherreste, die wirklich keiner mehr haben will, diente Ebay. Auch klassische Werke liegen in den Kisten. Thomas Mann und Hesse habe sie befreit, sagt Tina Gotthardt und lacht. "Oft aber nur die Taschenbuchexemplare." Hardcover seien eben zu schwer - und den gebundenen "Zauberberg" lässt man dann doch lieber im eigenen Regal.
Aber wozu der Aufwand? Warum nicht einfach an eine Leihbücherei geben, an eine Schule oder an einem sonnigen Nachmittag in einem Problemstadtteil verschenken?
Für die Freiheit, sagt die Guerilla - und für Leute wie Tiago. Der junge Mann steht windschief auf dem Schulterblatt, der Pracht- und Feiermeile in Hamburgs ehemals lumpigem Schanzenviertel. Dem Portugiesen quellen fünf Rastalocken unter seiner Kapuze hervor, er nippt am Bier. "Was soll das alles, was machen die da?", fragt Tiago ruppig und leicht ungehalten. Nach dem dritten Erklärversuch der Buchbefreier schnappt er sich zwei Bücher und wird locker. "Ich habe eine Frau und zwei Kinder", sagt er und grinst. "Da sind doch kostenlose Bücher was Tolles."
Was er sich da gegriffen hat, weiß Tiago allerdings nicht so genau - und bei manchen Büchern ist das vielleicht besser so. "Wir hatten massenweise Henning Mankell", sagt die Guerillera Antje. Krimi- und Thriller-Meterware, die in jedem deutschen Haushalt steht und wohl genau darum auch gern rausgeräumt und abgegeben wird. Ein Mankell ist solide Unterhaltung, aber zweimal lesen? Eher nicht.
Die Dan-Brown- und John-Grisham-Show
Auch auf www.bookcrossing.com greifen Geschmacksregeln nur begrenzt. Die Top 100 der meist ausgesetzten Bücher sind ein Mix aus Schullektüren ("Der Fänger im Roggen", "Herr der Fliegen"), Megasellern ("Die Asche meiner Mutter", "Das Mädchen mit dem Perlenohrring") und den "Musst-du-lesen"-Empfehlungen von Leuten, die sonst kaum zu Büchern greifen ("Der Drachenläufer", "Die Geisha").
Die Top Ten sind so schrecklich wie erwartbar. Platz eins geht an "Das Sakrileg" von Dan Brown, der schreibt, als wären seine Bücher zu schnell geschnittene Fernseh-Thriller. Direkt hinter ihm rangiert Yann Martels mit dem philosophischen Abenteuermärchen "Schiffbruch mit Tiger". Der Dan Brown der frühen neunziger Jahre heißt, zumindest was die Verkäufe angeht, John Grisham. Beinahe alle seine Bücher, und es sind viele, finden sich unter den Top 20. Gemeinsam besetzen die brutalst erfolgreichen Belletristen Brown und Grisham neun der ersten 15 Plätze.
Die Idee, Bücher auf ihrer Reise zu verfolgen, eigentlich das Herz der Bookcrosser-Idee, funktioniert allerdings nur halbwegs bis gar nicht. Der Betreiber der deutschsprachigen Supportseite hat dazu Zahlen parat. Nur etwa jedes siebte gefundene Buch wird auch gemeldet, sagt der Programmierer Rudi Ferrari, das Gros verschwindet auf Nimmerwiedersehen.
Nur jedes siebte Buch taucht wieder auf
Das liegt zum Teil an der schwachen Web-Seite. Sie entstand vor acht Jahren aus einer Laune heraus - und hat sich seitdem kaum verändert. Wer neu angemeldet auf die Seite kommt, drückt sich erst einmal eine halbe Stunde durch "So wird's gemacht"-Anleitungen. Was die Seite gut kann, und da scheint die Fummler-Persönlichkeit des Bookcrossing-Erfinders Ron Harnbaker durch, sind Statistiken. Die knapp 765.000 Mitglieder weltweit haben bislang 5,5 Millionen Bücher eingetragen, Länder und meist registrierte Bücher können angezeigt werden - und Deutschland ist fürs Bookcrossing kein schlechtes Pflaster: 6182 Bücher fanden im vergangenen Monat den Weg in die Freiheit, mehr sind es nur in den USA.
Als die Idee, Bücher auszuwildern, in Deutschland neu war, beschrieb sie der SPIEGEL als netten Ausweg für Kulturmenschen, denen es ein Frevel ist, Bücher in die Papiertonne zu stopfen - aber letztlich doch nur als "Literaturverklappung auf die sanfte Tour"; denn schon damals hatte die Idee, Bücher mittels Registrierung verfolgbar zu machen und ihren aktuellen Standort nachzusehen nur einen Reiz für Nerds.
Stefan, der 50-jährige Jazzfan vom Uni-Parkplatz, wird seine beiden Bücher wohl auch nicht melden. Internet hat er nicht, da werde man nur überwacht, sagt er. Er freut sich königlich über das "Buch der Handarbeiten IV" und Annika Bryns "Die sechste Nacht", sagt er und die jungen Leute, die hier das Lesen unterstützen, findet er auch klasse. Nur dass es gerade die angesagten Stadtteile Hamburgs sind, in denen die selbsternannte Guerilla ihre Bücher verteilt, findet Stefan schade. "Die hätten das mal in Hamburg-Horn machen sollen, wo die Leute weder Geld für Bücher noch fürs Internet haben", sinniert der Finder Nummer eins, als es auf 0 Uhr zugeht. "Aber die Leute dort hätten den Verteilern die Bücher wohl an den Kopf geschmissen."