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Eurovision-Halbfinale Potzblitz und Trommeldonner!

Da können sich die Westeuropäer schon mal anschnallen: Die Halbfinal-Sieger des Grand Prix kommen fast alle aus dem Osten. Und bewiesen Mut zur großen Geste. Subtil geht anders - aber seit wann will man beim Eurovision Song Contest Raffinesse?
Von Daniel Haas
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Helsinki - Natürlich hatten sie Wind von vorn, die 28 Bewerber fürs Finale. Und das ist nicht metaphorisch gemeint: Den meisten blies die Bühnentechnik eine dramatische Brise ins Gesicht. So stellte sich bei den langmähnigen Schönen (Moldawien, Zypern, Slowenien) Titanic-Optik ein: Man schmachtete mit Kurs aufs Finale, begleitet vom Stampfen der Rhythmusmaschinen.

Es wird also wieder ein Party-Contest mit ausreichend Schmalzpotential. Die politisch Schwierigen sind ebenso ausgemustert wie die kulturell Fragwürdigen. Teapacks aus Israel konnten mit ihrem Funpunk-Song zum alles andere als amüsanten Thema (Bomben im Nahen Osten) nicht punkten; DJ Bobos Vampirhommage im galoppierenden 4/4-Takt wirkte so blutleer wie die Opfer Draculas. In der Schweiz hatte der DJ jede Menge Probleme am Hals, weil christliche Eiferer in dem Song eine Satanistenhymne sahen - die Negativ-Publicity schlug aber nicht in Stimmen zu Buche.

Dafür gab's ganz unironische Dramatik, für die besagte Windästhetik unverzichtbar ist. Bulgarien kombinierte Perkussionsakrobatik mit Oberton-Gejodel; im Hintergrund zitterten - Potzblitz! - elektrische Wellen durch die Kulisse. Georgien debütierte mit Björk und Verona Pooth in Personalunion. Slowenien schickte eine Opernheulboje ins Rennen, deren Schluchzen vermutlich bis an die Ufer der Ostsee hallte. Weißrussland hatte einen Man in Black am Start, der zum 007-Refrain eine wunderbare Pop-Tautologie zum Besten gab: "You set my beating heart in motion" - du bringst mein schlagendes Herz in Gang.

Natürlich schlagen die Herzen, was sonst, aber so richtig in Fahrt kommt der Eurovisionist erst durch die richtige Infusion von Trash und Tragödie, Klamauk und Katastrophik.

Dass der Drag-Künstler Peter Andersen alias DQ, umbauscht von roten Federbüschen eine Art Bibo mit Elisabeth-Volkmann-Gesicht, nicht weiterkam, ist so gesehen überraschend. Man hätte es der Discoqueen gewünscht, dem Finale einen Anstrich von Camp und Glamour zu geben. Auch wenn es keinen wissenschaftlichen Beleg von sexueller Ausrichtung und Musikgeschmack geben mag: Die schwule Gemeinde hat nicht umsonst Mitte der Achtziger mit dem Grandprix ihr popkulturelles Coming-out in Europa gefeiert.

Kontrapunkt zum pop-aerobischen Mainstream: Serbiens Beitrag "Molitva" ("Prayer"), eine ergreifende Ballade über Zorn, Hingabe und Verzweiflung, also genau jene Energien, aus denen sowohl große Amouren als auch politische Konflikte entstehen. Weil der Eurovision Contest aber auch eine europäische Vision ist, gibt es zumindest für den Spaß am Pop keine Grenzen. Wie sagte ein kosovo-albanischer Fan auf dem Weg zum Festival: "Ich mag die Serben nicht, aber ihre Musik ist einfach klasse."

Das Finale wird am morgigen Samstag in der ARD übertragen. Das Erste beginnt um 20.20 Uhr mit dem "Countdown für Helsinki", die Show startet um 21 Uhr. Auch das "Wort zum Sonntag" wird live aus Helsinki gesprochen. Einen garantierten Startplatz im Finale hatten bereits vor dem Halbfinale: Finnland als Gastgeber, die vier größten Geldgeber der European Broadcasting Union, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien, sowie die neun bestplatzierten Teilnehmer des vergangenen Jahres: Russland, Bosnien-Herzegowina, Rumänien, Schweden, Litauen, Ukraine, Armenien, Griechenland und Irland. Dazu kamen gestern Abend: Serbien, Weißrussland, Mazedonien, Slowenien, Ungarn, Georgien, Lettland, Bulgarien, Moldawien und die Türkei. Im Finale stimmen übrigens alle Teilnehmerländer ab, auch wenn ihre Songs im Halbfinale ausgeschieden sind.

Der Grand Prix in Helsinki ist eine Veranstaltung der Superlative: Noch nie zuvor hatten sich 42 Länder angemeldet, so dass es zur Rekordzahl von 28 Halbfinalisten kam. 45 Fernsehstationen, neben den Teilnehmern sind Kosovo, Australien und Aserbeidschan dabei, übertragen den Contest live aus der 9000 Fans fassenden Hartwall Arena, die für das Ereignis in "Helsinki Arena" umgetauft wurde. 2600 Journalisten sind akkreditiert; bis zu 100 Millionen Zuschauer werden weltweit erwartet.

Wind von vorn wird es nun also auch morgen Abend geben, vor allem für die großen alten Vier, Deutschland, Spanien, England und Frankreich. Sie haben es sich mit dem postmodernen Augenzwinkern in letzter Zeit zu leicht gemacht, ihre tragischen Konkurrenten poltern mit gut tanzbarer Folklore und Mut zur starken Pose dagegen. Donnerwetter auch!