Trend Online-Poker Die Welt zockt und zahlt

Mit Online-Poker wird mehr Umsatz gemacht als mit jedem anderen Spiel im Internet. Millionen Menschen zocken mit - das einst anrüchige Vergnügen hat sich binnen kürzester Zeit zum globalen Volkssport gemausert.

Von Helmut Merschmann


Wenn regelmäßig Kasino-Spam ins Postfach flattert und auf Webseiten bunte Pop-ups mit Spielkartenemblemen auftauchen, ist die Welt im Pokerfieber. So wie man in New York für 25 Dollar per Greyhound-Bus ins 200 Kilometer entfernte Spielerparadies Atlantic City gelangt und dort einen Spielgutschein im selben Wert gratis erhält, fixen Online-Kasinos ihre Neukunden mit Einstiegsprämien von bis zu 100 Dollar an.

Das alles ist reichlich haarig. Glücksspiel im Internet ist in Deutschland nicht legal, gerade wenn es um Geld geht. Trotzdem ist es längst Volkssport: Den meisten Nutzern ist nicht klar, dass sie einen Rechtsbruch begehen. Paragraph 285 Strafgesetzbuch lässt daran aber keinen zweifel: "Wer sich an einem öffentlichen Glücksspiel beteiligt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu einhundertachtzig Tagessätzen bestraft."

Und dies ist noch nicht einmal das einzige Risiko. Da die Server der Anbieter nicht in Deutschland stehen, ist die Durchsetzung eigener Forderungen kaum möglich. Seriöse Anbieter sind unter den virtuellen Casinos zudem klar in der Minderzahl.

Trotzdem: Kein anderes Glücksspiel hat vom Boom des Internet so profitiert wie Online-Poker. Kein anderes Online-Spiel fesselt so viele Menschen und beschert den Betreibern so traumhafte Umsätze. Allein der Marktführer PartyPoker zählte 2004 rund 4,3 Millionen registrierte Spieler und setzte 550 Millionen US-Dollar um. 2005 haben die Pokerräume im Netz angeblich zwölf Milliarden Dollar Gewinn erzielt.

Prognosen für 2010 gehen von 24 Milliarden Dollar Gewinn aus. Bei rund fünf Prozent Gewinnmarge müsste der Gesamtumsatz dann 480 Milliarden Dollar betragen – so viel wie das Bruttoinlandsprodukt von Finnland und Irland zusammen.

Der Witz daran: Über dieses Geld verfügen die Pokerräume ohne rechtliche Grundlagen. "Das Account-Vermögen steht zur freien Verfügung", sagte Spieleberater Teut Weidemann auf den Berliner Gamestagen, "Pokerräume sind wie Investment-Firmen."

Längst ist das Fernsehen auf den Trend aufgesprungen. Im Pay-TV gibt es ganze Pokerkanäle, der amerikanische Sender NBC überträgt Turniere, hierzulande ziehen die Sportsender DSF und Eurosport nach. Anfang Mai heimste Fernsehkoch Tim Mälzer bei Stefan Raabs "TV total PokerStars.de Nacht" 50.000 Euro ein – die Show erzielte äußerst gute Einschaltquoten. Der Boom des Pokerspiels lässt sich auch bei Ebay nachvollziehen. Dort werden 350 fein gelaserte Paulson-Vineyard-Pokerchips in der Schmuckschatulle für 1150 Dollar Startgebot offeriert.

Tausend Dollar am Tag

Echte Pokerchips benötigt man beim Online-Poker natürlich nicht. Nur etwas Glück, Geschick und Geld, das man in den Pokerräumen verjubeln kann – wenn man nicht gewinnt. Laut Spielerranking bei "PokerStars" hat ein Top-Spieler namens "Snowman" in einem Jahr 418.955 Dollar eingespielt. Profispieler erwirtschaften bis zu tausend Dollar am Tag, indem sie an mehreren Tischen gleichzeitig operieren. Sie nutzen dabei spezielle Software, die das Spielverhalten der Gegner analysiert und deren Spielzüge vorhersagt. Die Einsätze starten bei zehn Cent. Bei guten Blättern schnellt die Spielsumme leicht auf 20 Dollar an. An Profi-Tischen können bis zu 80.000 Dollar im Jackpot liegen.

Für Teut Weidemann zählt Poker zu den "skill games", ist also ein Strategiespiel. Vor allem bei "Texas Hold'em", der zurzeit populärsten Spielvariante, seien Denksport, Strategie, Taktik und Psychologie gefragt. "Bei Texas Hold'em können Anfänger Profis schlagen", sagt Weidemann. Rechtlich ist diese Auffassung umstritten. Erst im Oktober 2006 verabschiedete der US-Kongress ein Gesetz, das Geldtransfers zu Online-Glücksspielseiten verbietet.

Einige Pokersites schließen seitdem US-Spieler aus, andere setzen auf die verworrene Rechtslage und verweisen darauf, dass Poker gar kein Glückspiel sei. Auch in Holland dürfen Banken keine Geldbeträge an Online-Kasinos überweisen. Niederländische Spieler behelfen sich seitdem mit Paypal. Rechtlich belangt werden können die Kasinos nur schwer. PokerStars beispielsweise gehört einer Holding in Costa Rica mit Hauptsitz auf der Isle of Man.

Eines steht fest: Die Attraktivität von Poker erhöht sich proportional zum Wetteinsatz. Je mehr Geld im Spiel ist, desto größer der Kick. Dazu kommt das Gefühl der Allmacht. Scheinbar vergrößern sich die eigenen Chancen, je besser der Spieler sich auskennt. So entscheidet die Sitzposition am Tisch über den Wetteinsatz. Mit Assen und Königen in der Hand, so lautet eine andere Regel, tritt der sogenannte Anna-Kournikova-Effekt ein: "Sieht gut aus, gewinnt selten". Die Wahrscheinlichkeit für einen Royal Flush liegt bei 0,003 Prozent.

Profis verlieren besser

"Pokerprofis gewinnen nicht gut, sondern verlieren besser", resümiert Teut Weidemann. Will heißen: Professionelle Spieler wissen, wann sie auszusteigen haben. Inzwischen werden Turnierspieler wie David Chiu, Gus Hansen oder Chris Ferguson wie Popstars behandelt und erhalten lukrative Werbeverträge. Mit seinen langen Haaren, dem Cowboyhut und einer dunklen Sonnenbrille verkörpert Chris "Jesus" Ferguson, der einen Doktortitel in künstlicher Intelligenz hält, das Klischee vom Pokerface auf perfekte Weise.

Beim Online-Poker indessen kann man seine Gegner schwerlich taxieren und nie sichergehen, wer sich da alles am Tisch versammelt hat. Künstliche Poker-Bots, die sich am Chat nie beteiligen, mögen einem noch auffallen. Ob jedoch zwei Leute heimlich zusammenspielen und dadurch besseren Einblick in die Karten bekommen, lässt sich kaum sagen. Auch "Poker Farmer" aus Indien und China - dort kann man Spieler mieten, die im Auftrag anderer Leute zocken, beispielsweise auch nächtelang Punkte in "World of Warcraft" sammeln – sollen sich bereits an die Online-Pokertische setzen und für die Kasinos mitmischen.

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