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Getötete 17-Jährige in Sankt Augustin Spur am Weiher

Der 19-jährige Brian S. soll eine 17-Jährige in Sankt Augustin getötet haben. Wie kamen die Ermittler ihm auf die Spur? Und was ist über den Verdächtigen bekannt? Der Überblick.
Von Jörg Diehl und Christian Parth
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dunkelgraue Wolken hängen über dem Land. Der Wind trägt Schauer über die Felder, die das Ende des Industriegebiets von Menden markieren. Am Rand der Naturschutzzone, gleich neben der Bahntrasse und der Autobahn 59, stehen an einer schmalen asphaltierten Straße drei weiße Baracken, umrahmt von einem stählernen Gitterzaun. Obdachlose und Flüchtlinge wohnen in den zweistöckigen Flachbauten. Vor der Zufahrt zur Unterkunft haben Anwohner ein paar Rosen und Kerzen gestellt, um des 17 Jahre alten Mädchens zu gedenken, das die Polizei am Sonntagabend in einem der schmucklosen Räume tot aufgefunden hat.

Den Weg in das Einzelzimmer hat den Beamten der Tatverdächtige selbst gewiesen: Brian S., 19 Jahre alt, ein Deutsch-Kenianer mit doppelter Staatsangehörigkeit. Sie liege leblos da drinnen, soll er den Polizisten gesagt haben.

Inzwischen hat S. die Tat gestanden. "Der Beschuldigte räumt ein, Gewalt gegen sie ausgeübt zu haben", sagte der Bonner Oberstaatsanwalt Robin Faßbender. "Wir gehen von einem vorsätzlichen Tötungsdelikt aus." Gegen S. wurde Haftbefehl wegen Mordes beantragt.

Unterkunft in Sankt Augustin

Unterkunft in Sankt Augustin

Foto: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

In seiner Vernehmung habe er ausgesagt, dass er das Opfer erst am Freitagabend kennengelernt habe. Sie seien zusammen in einer Kneipe gewesen. Später habe die 17-Jährige ihn in die kommunale Unterkunft für Flüchtlinge und Obdachlose in Sankt Augustin begleitet. In der Nacht zum Samstag habe es dann Streit gegeben, in dem S. das Mädchen getötet habe. Nach Aussagen der Staatsanwaltschaft hat S. keine Waffe benutzt.

Taucher, Hunde, Drohne

Das Mädchen aus dem knapp 30 Kilometer entfernten Unkel war von den Eltern am Freitagabend als vermisst gemeldet worden. Sie habe Freunde besuchen wollen, habe sie ihnen erzählt. Am Sonntagnachmittag fand eine Spaziergängerin an einem nur wenige Kilometer von der Unterkunft entfernten Weiher Bekleidung und eine Handtasche mit Papieren der Minderjährigen. Daraufhin zogen Polizei und Feuerwehr ein Großaufgebot zusammen. Die etwa 200 Einsatzkräfte suchten mit Tauchern, Hunden und einer Drohne nach der Vermissten. Bilder und Nachrichten in sozialen Netzwerken sollen die Ermittler schließlich zu Brian S. in die Unterkunft nach Menden, einen Ortsteil von Sankt Augustin, geführt haben.

Ermittler an der Unterkunft

Ermittler an der Unterkunft

Foto: Thomas Kraus/ dpa

Da S. dort nicht gleich anzutreffen war, oberservierten die Ermittler die Unterkunft zunächst, bis sie den Verdächtigen am Sonntagabend stellten und die Leiche der jungen Frau in dessen Wohnung fanden.

Nach gängigem Mechanismus haben führende AfD-Politiker bereits begonnen, mit der Tat Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. "Erneut musste ein junges Mädchen mit seinem Leben bezahlen. Deutschland verschenkt großzügig die Staatsbürgerschaft", schrieb Alice Weidel auf Twitter. Etwas mehr Geduld hätte der AfD-Fraktionschefin auch in diesem Fall nicht geschadet. Wie der SPIEGEL aus Ermittlerkreisen erfuhr, ist der Tatverdächtige, geboren in Mombasa, schon als kleines Kind mit seiner Familie nach Deutschland gekommen und auch hier zur Schule gegangen. Vor etwa einem halben Jahr soll ihm die Stadt Sankt Augustin als Obdachlosem ein Zimmer in der Unterkunft zugewiesen haben.

"Er war nicht oft hier", sagen die Bewohner. Er habe noch Verwandtschaft in Bonn. Meist sei er nur am Wochenende aufgetaucht, ansonsten sei S. eher unscheinbar gewesen. Zuletzt habe er als Reinigungskraft gearbeitet.

Die rheinland-pfälzische Stadt Unkel hat die Fahnen zur Trauer auf Halbmast gehängt. "Wir sind erschüttert, die ganze Region ist gelähmt", sagte Bürgermeister Karsten Fehr. "Es ist ganz dramatisch, wenn Eltern ihr Kind beerdigen müssen."