Sarkozy im Umfragetief Der People-Präsident nervt
Paris - Mit versteinertem Gesicht und hochkonzentriert schlitterte Nicolas Sarkozy durch den südamerikanischen Schlamm. Beim Staatsbesuch in Französisch-Guayana versuchte der Staatschef den drängenden Fragen aus dem französischen Journalistentross auszuweichen - und wollte den Sturz vor laufenden Kameras vermeiden. "Was sagen Sie zu Ihren schlechten Umfrageergebnissen?"
Frankreichs People-Präsident war nicht in der Stimmung für einen Plausch. Nicht mal eine Antwort wollte der sonst so souverän wirkende Medienpräsident geben. "Keinen Kommentar. Genießen Sie lieber Französisch-Guayana", quoll es schließlich aus ihm heraus. Dann ließ sich ein mürrischer Sarkozy von einem einheimischen Stammesführer begrüßen, bedankte sich froh ob der Ablenkung für die Einladung in den Dschungel.
Bei der Präsidentenwahl im Mai 2007 hatte Sarkozy 73 Prozent der Wähler in Französisch Guayana für sich gewinnen können. Diese Hoch-Zeiten sind definitiv vorbei. Der Honeymoon zwischen Präsident und seinem Volk ist vorbei, viele Wähler denken schon an Scheidung.
Frankreich ist genervt vom Privatleben mit Lust und Luxus
In einer Umfrage für das Nachrichtenmagazin "Le Point" stürzt Sarkozy jetzt weiter dramatisch ab. Die Zustimmung für den Präsidenten im neunten Monat schrumpft auf 39 Prozent. Damit legt der erfolgsversessene Sarkozy einen Rekord hin - einen Negativrekord.
Der selbsternannte "Kandidat des Umbruchs" erntet die schlechtesten Zahlen eines Präsidenten im ersten Amtsjahr. Pikant: Premierminister Francois Fillon, bisher schwacher zweiter Mann hinter Sarkozy, kletterte in der gleichen Befragung auf 52 Prozent Zustimmung (plus 7 Prozent). Die Veröffentlichung der Ergebnisse war eigentlich für Donnerstag vorgesehen, aber spektakuläre Nachrichten drängen an die Öffentlichkeit. Und sie reisen bis ans andere Ende der Welt, wie ein genervter Sarkozy in Südamerika feststellen musste.
Dabei muss man nicht viel spekulieren über die Gründe für die rapide ansteigende Unzufriedenheit der Franzosen mit ihrem dynamischen Staatschef. Die durchwachsene wirtschaftliche Lage, die hohe Staatsverschuldung, vor allem aber die in allen Schichten gefühlte schrumpfende Kaufkraft zersetzen das Siegerimage, mit dem Sarkozy bis zum Herbst so erfolgreich gepunktet hatte. Vor allem aber, das haben diverse Umfragen gezeigt, hat das in der Öffentlichkeit radikal ausgespielte Privatleben gefüllt mit Lust und Luxus die Mehrheit der Franzosen verwundert, genervt und zunehmend aggressiv gestimmt.
Ist Premier Fillon nicht mehr lange Regierungschef?
Das gockelhafte Verhalten des ersten Mannes im Staate mit seiner Glamour-Freundin Carla Bruni läutete den Absturz erst richtig ein. Auch die geheime Blitzhochzeit mit der schönen Italienerin konnte den fallenden Präsidenten nicht auffangen. 31 Prozent der Franzosen sind der Meinung, dass Image ihres Staatschefs habe durch die Heirat mit dem Ex-Model gelitten, nur magere 4 Prozent glauben an eine Verbesserung.
"Sarkozy erlebt eine Panne ..." titelt die Boulevardzeitung "France-Soir" - und bezieht sich nicht auf die Hochzeitsnacht, sondern die Beliebtheit des Präsidenten. Eleganter formuliert es der Generalsekretär des Elysée-Palastes, Claude Guèant. "Wir alle wissen, dass der Präsident private Probleme zu lösen hatte", erklärt der Sarkozy-Vertraute im Donnerstag erscheinenden Nachrichtenmagazin "L'Express". "'Dem musste er etwas Zeit widmen und so denken die Franzosen, dass er ihnen nicht mehr vollständig zur Verfügung steht."
Dabei zeigt Sarkozy mit fallender Popularität zunehmend Nerven, und denkt verzweifelt über Auswege aus der unsäglichen Popularitätsfalle nach. So wird mit Bekanntwerden der aktuellsten Umfrage spekuliert, dass Premierminister Fillon nicht mehr lange Regierungschef unter Sarkozy sein könnte. Im fernen Kasachstan versuchte der Premier, die neugewonnene Zustimmung der Wähler zu relativieren, denn "die guten Zahlen werden vom Steppenwind verweht werden". Es kann aber auch sein, dass der Wind sich gegen Fillon dreht. "Das wird schlimm enden. Das Tandem funktioniert nicht. Alles läuft so ab, als wenn Fillon Sarkozy schwächt", erklärte ein Abgeordneter der Regierungspartei UMP.
Die linke Tageszeitung "Liberation" meldet aus diversen Ministerien die Überzeugung, "Arbeitsminister Xavier Bertrand steht schon im Startblock" und würde Fillon beerben. Sollte das tatsächlich eintreten, wäre es wohl das erste Mal in der Fünften Republik, dass ein Premierminister wegen zu guter Umfragewerte sein Amt verliert. Normalerweise verschleißen die französischen Staatspräsidenten während ihres Mandates diverse Premiers, während der Mann im Elysée meist ein passables Standing halten kann.
"Cecilia, komm zurück und ich annulliere mein Hochzeit"
Unter Sarkozy ist bekanntermaßen vieles anders. Da er bisher alle Verantwortlichkeiten inklusive die wichtigen Medienauftritten an sich gerissen hat, verliert der Präsident in den Umfragen, während sein Regierungschef abhebt. "Der Omnipräsident wird zum Omnisündenbock", kommentiert trocken "Liberation".
Auch im Umgang mit Journalisten zeigt Sarkozy sich dünnhäutig. Nach Bekanntwerden einer unglaublichen Sms ("Cecilia, komm zurück und ich annulliere mein Hochzeit") sprach der frischgebackene Bräutigam zuerst von Lug und Trug, dann verklagte er den Autoren der Meldung und dessen Arbeitgeber, das Nachrichtenmagazin "Nouvel Oberservateur". Allerdings wurde die Klage nicht zivilrechtlich, sondern strafrechtlich eingereicht. Ein Schritt, der das mögliche Strafmaß dramatisch nach oben treibt.
Das hat noch kein französischer Präsident gemacht, entsprechend entsetzt war die Medienwelt. Die bisher eher folgsamen französischen Journalisten protestieren sogar gegen die massive Klageandrohung, es regt sich Widerstand. Die Kluft zwischen dem Medienpräsidenten und den Journalisten ist inzwischen soweit angewachsen, dass UMP-Präsident Jean-Francois Copé es am Wochenende sogar für opportun hielt, einen "Waffenstillstand" zwischen dem Staatspräsidenten und den Medien zu fordern.