Kongo Der Führungskampf ist noch nicht ausgestanden
Brüssel - Der Westen ist vorbereitet. Die amerikanische Regierung hat alle US-Bürger aufgefordert, den Kongo zu verlassen, soweit ihr Aufenthalt nicht dringend notwendig ist. Belgische Fallschirmjäger warten mit Hercules-Transportflugzeugen im benachbarten Gabun auf den Befehl, ihre Landsleute zu evakuieren. Nur die Bundesregierung bleibt gelassen. Sie hat den 150 im Land ansässigen Deutschen bisher nicht zur Ausreise geraten.
EU-Kommissionpräsident Prodi hat inzwischen dem designierten neuen Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo, dem 31-jährigen Joseph Kabila, zum Tod seines Vaters kondoliert. Er wünscht ihm Erfolg bei dem Bemühen, Frieden und Demokratie in der vom Bürgerkrieg gepeinigten Nation wiederherzustellen.
Ist Nepotismus in Brüssel hoffähig? Kann man einem jungen Mann als demokratischem Hoffnungsträger Erfolg wünschen, der sich ohne demokratische Wahlen das höchste Amt im Staate übertragen lässt? Der seine "berufliche" Erfahrungen als Generalmajor auf grausame Art im Bürgerkrieg erworben hat? Die Situation im Kongo sei "hochkompliziert", sagt Außenminister Joschka Fischer in Brüssel. "Es gibt dort auf keine Frage einfache Antworten."
Kämpfe in der Provinz ausgebrochen
Auch Uno-Generalsekretär Kofi Annan will Joseph Kabila Zeit zur Bewährung zugestehen. Erst müsse sich die Lage im Land beruhigen. Während in der kongolesischen Hauptstadt die Trauerfeierlichkeiten ungestört verlaufen, sind in der Provinz nach unbestätigten Meldungen einzelne Kämpfe zwischen Gegnern und Anhängern des ermordeten Präsidenten und seines Sohnes aufgeflammt.
Der Attentäter und Leibwächter Rachidi ist erschossen, sein Tatmotiv unklar. Hat er seinen Dienstherrn nur umgebracht, weil er seit sechs Monaten keinen Sold mehr bekam? Eine Gruppe von Offizieren, die zuerst Verbündete des früheren Revolutionärs Laurent-Désiré Kabila waren, dann entschiedene Gegner des Staatspräsidenten, hat sich aus dem Untergrund mit einem Manifest an die kongolesische Öffentlichkeit gewandt. "Wir erklären uns ohne Wenn und Aber solidarisch mit unserem Waffenbruder Rachidi und seiner heroischen Tat. Er hat sich geopfert, um dem Wirken des blutrünstigen Monsters Kabila ein Ende zu setzen."
Aus der Rebellenhochburg Goma, dem Zentrum der "Kongolesischen Bewegung für die Demokratie", wird gemeldet, dort seien mehrere hochrangige Offiziere der Regierungsarmee exekutiert worden. Sie seien an der Verschwörung gegen Kabila beteiligt gewesen.
Der Machtkampf dauert an
Der Machtkampf um die Führung im Kongo ist also noch nicht ausgestanden. In diesem Land kämpfen Clans gegeneinander und Stammensfehden werden blutig ausgetragen - über alle Grenzen hinweg, die einmal von den Kolonialmächten gezogen wurden. Die Armeen aus den Nachbarstaaten, die trotz des Friedensabkommens von Lusaka 1999 den Kongo als Bürgerkriegsfanal erhalten haben, sind auch heute nicht abgezogen. Im Gegenteil: Angola hat Truppenverstärkungen in alle wichtigen Städte des Landes entsandt.
Belgiens Außenminister Louis Michel nimmt an den Beisetzungsfeierlichkeiten in Kinshasa teil, und er wird danach zu einer Rundreise nach Ruanda, Uganda, Angola und Simbabwe aufbrechen. Alle diese Staaten befehligen Sondertruppen im Kongo, mal auf Regierungsseite, mal für die Rebellen. Die Wahrheit ist wohl eher, dass diese Staaten die Schwäche des Kongo ausnutzen, um sich auch nach Kabilas Tod die unbefristete Ausbeutung der reichen Gold-, Diamanten-, Kobalt- und Kupferminen zu sichern.
Politik und Moral sind nicht unbedingt Gegensätze. Aber in der schwierigen afrikanischen Gemengelage ist Außenminister Michel gewiss zuerst daran gelegen, dass Belgiens Interessen an Rohstoffen und Exportmärkten nicht unter dem erzwungenen Machtwechsel von einem Diktator zum nächsten leiden. Die EU-Außenminister haben ihrem Kollegen mit auf den Weg gegeben, nach dem Verbleib der jährlichen 60 Millionen Mark Entwicklungshilfe auszugucken. Man wäre ja gern etwas großzügiger, wenn sich mit Geld wirklich die Demokratie im Kongo sichern ließe.