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KARRIEREN Der Preis eines Traumes

Leavander Johnson kämpfte jahrelang für ein paar hundert Dollar, dann wurde er Weltmeister und wollte endlich Geld verdienen. Sein Vater und sein Bruder standen in Las Vegas am Ring, als er 409-mal getroffen wurde, keiner warf das Handtuch. Dann war es zu spät. Von Klaus Brinkbäumer
aus DER SPIEGEL 7/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Boxer sagen, dass Boxen poetisch und ehrlich und romantisch sei, und wenn das stimmt, ist die Geschichte von Leavander Johnson so etwas wie ein Gedicht über das Leben.

Ein Mann hat einen Wunsch, er hat nur ein Ziel, er möchte, er will, er muss Weltmeister werden. Er scheitert dreimal. Er wird langsam alt, 35, er bekommt eine letzte Chance, und diesmal gewinnt er und wird Weltmeister. Er tritt an zur Titelverteidigung, verliert, nun war er Weltmeister und ist es nicht mehr, sein Leben war eine Reise, und die Reise ist zu Ende.

Es ist vorbei. Der Mann stirbt.

Die Wahrheit ist: Boxen ist eine Lüge. Es gibt wenige Arten, Geld zu verdienen, die so gnadenlos sind wie Boxen, und darum boxen schwarze Jungs aus Atlantic City, New Jersey, und nicht die weißen aus Harvard. Denn Boxen ist nicht poetisch oder ehrlich oder romantisch, Boxen ist korrupt und manchmal tödlich.

Leavander Johnsons Reise ist die Reise einer Familie, die Reise eines Vaters mit seinen drei boxenden Söhnen. »Man hat einen Traum, man hat eine Chance, und darum kämpft man«, das sagt Bill Johnson, trauernder Vater, 64 Jahre, ein alter, gebeugter Mann. Bill war Kellner, Bauarbeiter, arbeitslos, er liebte Sport: Leichtathletik, Baseball, Basketball und Boxen. 1977 wurde er Trainer, einer dieser Boxtrainer, die man aus Filmen wie »Rocky« kennt, zärtlich und streng und sehr moralisch. Gib immer alles, überwinde den Schmerz, und glaub an dich, das sind die drei Gebote dieser Trainer.

Johnsons Gym, der Boxclub der Atlantic City Police Athletic League, ist einer dieser grauen Bunker, die nach Schweiß und Gummi riechen, Kraftmaschinen stehen herum und in der Mitte der Boxring; Sandsäcke hängen von der Decke herab und an den Wänden die Fotos siegender Kämpfer. Die Jungs hier trainieren in Jeans und mit nacktem Oberkörper, mächtig der Rücken und die Oberarme, und sie schlagen sich, ohne Rücksicht, immer auf den Kopf, und über dem Ring hängt das Banner, mit dem die Stadt ihren Weltmeister grüßte, Leavander Johnson, willkommen zu Hause. Wer hier aus dem Fenster blickt, sieht Geld: Trump Plaza und Caesar's Palace, die Casinos von Atlantic City, abends leuchten sie rot.

»Es war ein weiter Weg«, sagt Bill Johnson, der eine graue Cordhose trägt und einen schwarzen Pulli, der krumm in seinem Büro sitzt; sein Sohn Craig, 42, lehnt an der Wand, in braunem Lederhemd, dezent duftend nach gutem Parfum, und Craig, Koch und Boxmanager, sagt: »Wir waren alle Weltmeister.« Drei Monate ist Leavanders letzter, der 42. Profikampf her, es dauerte, bis sie darüber reden konnten.

Der Vater sagt: »Ich dachte, ich würde niemals meine Kinder boxen lassen. Es ist die gefährlichste aller Sportarten.« Aber dann kam Craig, der Älteste, und wollte boxen, und dann kamen Cade und Leavander, und der Vater trainierte sie alle. »Wem kannst du trauen in diesem Geschäft, wenn nicht deinem Vater«, das sagt Craig. Die Familie lebt in Pleasantville, einer schmutzigen Vorstadt mit Häusern aus Holz, es gibt Burger King hier und Dunkin' Donuts und Gebrauchtwagenhändler, ein Veteranendenkmal, der Friedhof liegt neben dem Expressway nach Atlantic City.

Alle drei waren wendig, alle drei waren Leichtgewichte, sehnig und geschickt. Aber Craig fehlte der Hunger, er kämpfte achtmal als Profi, gewann fünfmal, schaffte es in den Madison Square Garden, aber dann hatte er genug. Cade war besser, aber dann schlug der kleine Leavander den älteren Cade im Training, und da stand fest: Leavander hatte, was es brauchte, den Hunger und auch die Schlagkraft, die Cade fehlte. Wenn es einer schaffen konnte, dann Leavander.

Der kämpfte 120-mal als Amateur, dann als Profi, 1989 debütierte er, es war ein K.-o.-Sieg in der ersten Runde, und er schlug sich hoch. In fünf Jahren trat er 23- mal an, schaffte 16 Knockouts in Serie, schaffte 22 Siege und ein Unentschieden. Aber dort unten, wo Boxer nach oben wollen, kämpfen sie in dreckigen Clubs, ohne Ärzte, ohne Lobby, ohne Fernsehübertragung; es gab 200 Dollar pro Kampf, und dann gab es ein paar tausend Dollar für die Nordamerikanische Meisterschaft.

Doch Leavander Johnson wollte boxen, sonst nichts. Angeln und Spiele mit seinen vier Kindern, das waren seine Hobbys, aber er trainierte jeden Tag. »Er war ein Krieger«, das sagen die Trainingskollegen; »Gym-Ratten« nennen die Amerikaner Leute, die leben, als ginge es immer und überall um den Titel.

»Ich bin dazu bestimmt, Weltmeister zu werden«, das sagte Leavander.

Dreimal bekam er die Chance, doch dreimal verlor er. Und jedes Mal war es ein Kampf zurück durch die Ranglisten; Boxen ist Politik, man braucht Verbündete, um zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Gegner und irgendwann einen Titelkampf mit Aussicht auf den Sieg zu erwischen. »Wir müssen das nicht weitermachen«, sagte sein Vater. »Ich schaffe es«, sagte Leavander.

»So war er«, sagt der Vater. »Sehr, sehr richtig«, sagt der Bruder, und der Vater sagt: »Er hatte in all den Jahren sein Auge auf den großen Preis gerichtet.« Aber manchmal gibt es den Moment, wenn Boxer bekommen, was sie wollten, doch dann ist es zu spät - was sie wollten, ist nicht mehr gut für sie, weil sie nicht mehr so gut sind wie früher. Boxer nehmen den Moment selten zur Kenntnis, sonst würden Joe Mesi, Evander Holyfield und Thomas Hearns nicht mehr kämpfen, würde Axel Schulz nicht von der Rückkehr reden.

Es kam der 17. Juni 2005, der Titel der International Boxing Federation war vakant, die Familie fuhr nach Mailand, und in sieben Runden bezwang Leavander den Europameister Stefano Zoff. »Der Tag seines Lebens, der Tag unseres Lebens«, sagt Bill Johnson, der Vater. »Leavander hat seinen Traum gelebt, wer schafft das schon«, sagt Craig, der Bruder, und weint. Zwei, drei Titelverteidigungen, das sprachen die Johnsons ab, »let's get rich«, dann soll es genug sein, dann wollen sie ein Restaurant eröffnen, »K.O.« wird es heißen.

Aber jetzt ist es so weit, es hat gedauert, das ist Leavanders Abend. 150 000 Dollar Börse, endlich. Live auf HBO, das ist, endlich, die Anerkennung für die Johnsons,

sie sind oben, sie sind, wohin sie wollten. Im MGM Grand von Las Vegas, endlich.

Das MGM Grand, 1973 eröffnet, ist architektonische Perversion. 30 Etagen, über 5000 Zimmer, 115 Hektar, Wegweiser an den Decken der vielen grellen Gänge; das größte Hotel der Welt. Und drinnen laufen Löwinnen durch gläserne Käfige und Nutten durchs Casino; Rauchen ist erlaubt. »Maximum Vegas«, so nennt Direktor Gamal Azis seine Großstadt MGM Grand, in der es klappert und dröhnt und wummert und kreischt, auch morgens um sieben. Und die Männer im MGM Grand wollen erst spielen, dann trinken, dann wieder spielen, und spät in der Nacht kaufen sie Sex; und die Damen sitzen beim Black Jack und trinken Baileys und rauchen und gucken sehr alt und leer.

Boxen ist Zirkus in dieser Welt. Schöne Männer kämpfen um ihren Traum, um ihr Leben, »welcome to the real show«. Echt ist ihr Blut, und ein toter Boxer schadet nicht, schreckt niemanden ab, im Gegenteil.

Und wenn man den Studio Walk entlanggeht, an Boutiquen und Restaurants vorbei, kommt man zur MGM Grand Garden Arena, 15 520 Sitzplätze, Scheinwerfer, Videowürfel. Der Boxring ist blau, die Seile sind rot, sechs mal sechs Meter, Remy Martin wirbt auf dem Ringboden.

»It's your life. Star in it«, so wirbt das MGM Grand für sich. Leavander Johnson sagt: »Wenn der Kerl mich besiegen will, muss er mich umbringen.« Wie Boxer so reden.

Als Leavander Johnson am 17. September seine Bühne betritt, Gladiator von Maximum Vegas, trägt er einen weißen Bademantel, weiße Schuhe, eine weiße Mütze und rote Handschuhe. Michael Buffer, der große Michael Buffer, wie immer im schwarzen Smoking, kündigt ihn an wie erträumt: Er zieht den Namen, singt den Namen, 15 Sekunden lang, und er nennt Leavander »Champion of the World«.

Und alle, die heute wichtig sind, nehmen ihre Plätze ein. In der ersten Reihe sitzt Margaret Goodman, die Ringärztin, rothaarig, schlank und zäh, Neurologin und Boxerin, dreimal pro Woche trainiert sie. Zwischen den beiden Boxern steht Ringrichter Tony Weeks, schwarze Hose, blaues Hemd mit amerikanischer Flagge auf dem Ärmel, schwarze Fliege, eckige Frisur, kantige Schultern, schmaler Schnäuzer. In Leavanders Ecke steht Craig Johnson, Bruder und Manager, der unwirklich weiße Zähne hat, und da steht Bill Johnson, Vater und Trainer, der B. J. genannt wird und eine Brille trägt, einen Kinnbart und ein Kettchen mit goldenen Boxhandschuhen. Hinter ihnen sitzt Lou DiBella, Promoter aus New York, mit Stirnglatze und Ohrring und sehr großer Nase.

Nur William Smith ist nicht da, der Hirnchirurg; Smith mag Boxen, aber er ist in der Klinik, im Trauma Center, er wurde gerufen, aber es ist nichts Ernstes, Smith erledigt Routinedinge und will dann gehen.

Jesus Chavez steht im Ring, der Gegner, gebürtiger Mexikaner, klein und bullig. Und Leavander steht da, kunstvoll frisiert, viele Zöpfe liegen fest auf seinem Kopf. Leavander zappelt herum, schwingt die Fäuste und schüttelt sich, er sieht ein bisschen hyperaktiv aus, und sein Vater massiert ihm den Nacken; es beginnt.

Die erste Runde gewinnt Leavander bei allen drei Punktrichtern, aber das ist der Bonus des Weltmeisters, Chavez ist besser. Beide boxen in Linksauslage, klassisch, den linken Fuß und die linke Hand haben sie vorn. Chavez legt seinen Körper hinter die Schläge, seine Haken kommen durch.

Die zweite Runde gewinnt Chavez, weil Johnson zwei Fehler macht: Er ist der Größere, 175 Zentimeter, geht aber nicht auf Distanz, wo er seine Reichweite nutzen könnte, sondern klebt an den Seilen, im Gewühle. Und er lässt seine Schlaghand, die Rechte, fallen, hält sie 15 Zentimeter unter dem Kinn, der Kopf ist auf der rechten Seite ungeschützt, und Chavez schlägt hinein. »Das macht ein Profi-Weltmeister nicht, ich finde Johnson sehr auffällig«, wird der Hamburger Boxtrainer Michael Wübke sagen, als er sich in seinem Club in Altona den Kampf ansieht. Wübke war einst Kickboxer mit 330 Siegen in 350 Kämpfen, heute ist er Physiotherapeut und einer der sorgsamsten deutschen Trainer. »Da muss im Vorwege etwas passiert sein«, sagt er noch, zu viele Treffer im Training vielleicht, wer weiß das schon, 1500 Dollar würde eine Computertomografie vor dem Kampf kosten, und das zahlt niemand.

Es gibt genug Träumer in Amerika, es gibt mehr als genügend Boxer.

Die dritte Runde: Johnson hat einen Cut, eine Platzwunde über dem linken Auge.

Die Johnsons haben eine Firma für Leavander gegründet, G. L. P., Good Loving People; Craig ist der Manager, Bill der Trainer. Es geht im Sport eher selten gut, wenn Eltern ihre Kinder trainieren. Eltern werden leicht fanatisch wie Tennisvater Peter Graf oder übergriffig wie all die Eiskunstlaufmütter. Es gibt Statistiken, in denen steht, dass überdurchschnittlich viele totgeschlagene Boxer von ihren Vätern trainiert wurden, da Väter zögern, bevor sie aufgeben; sie hängen von ihrem Sohn ab, die Familie lebt von der Gage des Boxers. »Das hier ist anders«, sagt Lou DiBella, der Promoter, »die Johnsons sind nette, kluge Leute, und der Vater hat seinen Sohn nur beschützt. Manchmal geschehen Dinge, ohne dass es einen Schuldigen gäbe.«

»Ich bin okay, ich werde ihn müde machen und dann kommen«, sagt Leavander in der Pause. »Okay«, sagt der Vater und schiebt dem Sohn den Mundschutz über die etwas schiefen Schneidezähne.

In der vierten Runde sieht Johnson müde aus, die Augen leer. Selten nur kommt Johnson mit einem Jab, mit einer linken Geraden, durch die Deckung des Herausforderers, und immer treffen Chavez' Schwinger den Schädel des Weltmeisters. »You got him already«, schreit Chavez' Trainer in der Pause.

Runde 5: Johnsons Kopf ist zu weit vorgeschoben, er bietet ihn an. Seine Schlaghand bleibt unten, die Deckung ist nichts als ein Loch. Er pendelt ziemlich gut, und seine Meidbewegungen, die Ausweichmanöver, funktionieren noch, aber er verteidigt sich nicht mehr aktiv, er trifft kaum,

er frisst nur, wie Boxer das nennen. Aber er lächelt, er grinst, tut ja gar nicht weh, das sagt das Gesicht eines Boxers.

Denn Boxer ignorieren die Schmerzen, das haben sie gelernt und trainiert, ein Boxer, der einmal aufgibt, kommt nicht weit. Sie wackeln mit dem Kopf, schlagen die Fäuste gegeneinander, und weiter geht es. Sie nicken, wenn die Ringärztin fragt, ob sie noch kämpfen können. Und wenn die eigenen Leute in der eigenen Ecke das Handtuch werfen wollen, dann fühlen Boxer sich verraten wie Joe Frazier beim »Thrilla in Manila« gegen Muhammad Ali, als sein Trainer in Runde 14 aufgab ("Sit down, son"), weil Frazier nichts mehr sah. Die Legenden von Frazier und Ali, Märchen wie das von »Cinderella Man« James Braddock, der aus den Docks von New York zurückkam in den Ring und Weltmeister im Schwergewicht wurde, das sind die Geschichten, die das Boxen verklären zum Gedicht. Und wie sehr Boxer diese Geschichten lieben, wie Leavander sie liebt!

In Runde sechs wird klar, dass Johnson nicht mehr begreift, was mit ihm passiert. Ein Weltmeister muss seine Taktik ändern können, Schlägen ausweichen, muss treffen, sonst bleibt er nicht Weltmeister. Johnson macht einfach weiter. Die Rechte unten, der Schädel frisst Chavez' linke Haken, nur die Beine sind noch flink und wendig. Ringrichter Weeks beginnt, Johnsons Blick zu suchen.

»Er konnte noch immer gewinnen«, sagt Craig, der Bruder, »mit harten, langen Schlägen konnte er es noch drehen. Er war ein Comeback-Kid, er hat viele Kämpfe am Schluss noch gedreht.«

Und in Las Vegas, im Gym seines Kollegen Richard Steeles, sitzt Wochen danach der Ringrichter Tony Weeks und stellt sich die Fragen, die ein Kampf wie dieser zurücklässt. »Hätte ich früher abbrechen sollen?« Er schweigt. Dann: »Aber es gab kein Zeichen dafür, dass er wirkliche Probleme hatte, er schlug zurück, er wirkte wach. Nein, das war eine dieser Sachen, die man nicht erklären kann.«

Tony Weeks ist einer der berühmtesten Kampfrichter, 25 Weltmeisterschaften hat er geleitet, und er hat seinen Stil: Er tanzt wie die Boxer, windet sich um sie herum, und flink ist er, wenn er sie trennen muss. Weeks kommt aus Brooklyn und arbeitet im Gefängnis von Victorville, Kalifornien; er ist selbst ein Kämpfer, er macht Jiu-Jitsu. Aufgewachsen ist Weeks mit Ali, mit der »Schönheit des Boxens, du konntest die Poesie sehen, wenn du Ali sahst«; später kam dann Mike Tyson, der Kontrast, pure Zerstörung. »Ich liebe Boxen«, sagt Tony Weeks, und er sagt, dass die Kämpfer zwischen den Auftritten überwacht werden müssten. »Trainieren sie zu hart, kriegen sie zu viele Schläge im Sparring? Das weiß niemand, und es erfährt niemand, natürlich redet kein Trainer seinen Mann schlecht in diesem Geschäft.«

Runde sieben: Leavander steht einfach da und wehrt sich nicht.

Runde acht: Chavez kämpft seinen Kampf, er fühlt sich wohl, fühlt sich sicher, das kann man sehen. Boxen kann schön sein: wenn einer tanzt, wenn er seinen Körper exakt das tun lässt, was er will, wenn die Muskeln an Armen und Rücken wippen und zucken. Johnson aber sieht anders aus: Er duckt sich zu tief, steht breitbeinig da und frisst und frisst.

»Leavander hat das Leben gelebt, das er leben wollte«, sagt Lou DiBella, der Promoter. Sein Büro ist in New York City, 350 7th Avenue, achter Stock. Urkunden, Karikaturen, Boxfotos hängen an den Wänden und über der Tür der Bademantel eines Boxers, Besucher versinken in beigefarbenen Ledersesseln. Aber DiBella ist noch nicht da, Schneesturm an der Ostküste, den ersten Teil des Gesprächs möchte DiBella gern telefonisch führen. Und er sagt, dass er sehr viel brutalere Kämpfe gesehen habe, er sagt, dass diesmal »nichts unterlassen wurde, was getan werden musste, und nichts wurde getan, was unterlassen werden musste«. Er sagt, dass Boxer zu wenig geschützt würden, sagt, dass zu viele Verbände und zu viele Kommissionen auch denen noch Lizenzen gäben, die längst in Rente sein müssten.

Dann legt er auf und kommt durch die Tür, Geschäftsmann in Turnschuhen und Jeans und grünem Hemd mit Snoopy-Aufdruck, lachend. Und Lou DiBella, Harvard-Jurist, erzählt jetzt die Geschichte von Brad Rone, der 43 von 54 Kämpfen verlor und 13-mal k. o. ging; dann starb seine Mutter, und Brad Rone hatte kein Geld für die Beerdigung. Darum sagte er für einen Kampf in Utah zu, überwand seine Trauer mit Koffein, und nach dem Kampf beerdigten sie ihn neben seiner Mutter.

»Wenn du keine Eier hast, wirst du im Ring nicht sterben«, sagt Lou DiBella, »denn nur die Kämpfer mit dem größten Herzen werden am Ende verletzt. Sie werden Opfer ihres Mutes.«

Runde neun: Kopftreffer folgt auf Kopftreffer, Chavez kommt mit der Führhand durch, der Linken, und dann mit der Schlaghand, der Rechten. »Johnson wäre besser dran, wenn Chavez ihn k. o. schlüge«, sagt der Reporter von HBO.

In der zehnten Runde wehrt Leavander Johnson sich nur noch sporadisch mit linken Geraden. Er schwankt und taumelt nach Leberhaken und Kopftreffern, braucht Zeit, ein paar Sekunden, nach jedem Schlag, bevor sein Blick wieder klar wird. Er kann hier nicht mehr gewinnen, jeder sieht das, in einem Kampf wie diesem kann niemand mehr einen Lucky Punch, einen zufälligen K.-o.-Schlag, von einem Opfer wie Johnson erwarten.

»Junge, du bekommst ein bisschen was ab«, sagt in der Ringecke der Vater, »soll ich aufgeben?« »Nein, Dad, ich drehe das noch«, sagt der Sohn. Margaret Goodman betritt den Ring; sie spricht den Boxer an, er antwortet, sein Blick ist klar. Die Ärztin und der Ringrichter beraten sich kurz. »Es geht noch«, sagt sie, »wenn Johnson zu schwer getroffen wird, brechen Sie ab.« Weeks nickt.

Margaret Goodman hat 3500 Kämpfe gesehen und keinen wie diesen.

Sie trinkt einen Tee im »Coffee Pub«, Las Vegas, und sagt: »Diese jungen Männer vertrauen uns ihr Leben an, und wir versagen. Zwei Tote hatten wir hier in drei Monaten, es ist nicht zu akzeptieren.« Man könnte die Runden verkürzen oder die Zahl der Runden, man könnte dickere Handschuhe einführen, oder die Ringrichter könnten die Buhrufe des gierigen Publikums ignorieren und lieber früher als später abbrechen - aber das Wichtigste, sagt Margaret Goodman, »das wäre, dass wir die Kämpfer vor den Kämpfen einschätzen können. Sind sie schlaflos, haben sie Sehstörungen? Wir wissen nichts«.

Boxer, sagt Doktor Goodman, stürben meistens am »second impact syndrome«, also zum Beispiel an einer Gehirnerschütterung aus dem Training, mit der sie dann in den Ring steigen. Mit der Athletic Commission von Nevada wollte sie nach den elf Runden vom MGM Grand über die Konsequenzen reden, aber die Herren von der Kommission hatten den Kampf schon analysiert und herausgefunden, dass alle alles richtig gemacht haben, dass es eben ein tragisches Unglück war, und darum trat Ringärztin Goodman zurück.

Die elfte Runde: Chavez zieht an, schlägt Kombinationen, trifft und trifft, Leavander Johnson lehnt an den Seilen, ohne Deckung, glasig die Augen. Sein Kopf wird nach hinten geprügelt, wieder und wieder, und Tony Weeks sieht es, sieht es, sieht es, wartet ein wenig, nicht lange, aber was ist lange, wenn ein Boxer stirbt? 38 Sekunden lang sieht Weeks zu in Runde elf, dann bricht er ab. 409 Treffer musste Leavander Johnson einstecken, 148-mal traf er selbst.

Und Tony Weeks hebt den Arm des neuen Weltmeisters in die Höhe, und Michael Buffer preist Jesus Chavez, »The Matador«, Sieger durch technischen K. o.

Johnson gratuliert, »great fight«, sagt er, dann klettert er durch die Seile, und auf den Stufen knicken das erste Mal seine Beine ein. »Das war der erste Moment des Erschreckens«, sagt Lou DiBella. Aber Johnson geht noch in die Umkleidekabine, und dort sagt er: »Sorry, Lou, dass ich dich hängengelassen habe«, dann sagt er: »Ich habe Kopfschmerzen«, dann sackt er zusammen, noch nicht ohnmächtig, nur seltsam verschwommen, sprechen kann er nicht mehr, stehen nicht, und er sieht Schatten, sonst nichts.

Sie legen ihn auf den Massagetisch und rufen den Krankenwagen, und der rast über den Strip und den Freeway, und schon 20 Minuten später, 40 Minuten nach Kampfende, liegt Leavander Johnson bei William Smith im Trauma Center und verliert das Bewusstsein.

»Ich hätte nicht gedacht, dass Leavander die erste Nacht überleben würde«, sagt Dr. William Smith, Hirnchirurg mit Kinnbart, hoher Stirn und offenem Hemd, »aber er war ein Athlet in exzellenter Verfassung, frei von Drogen, extrem fit.« Smith operiert sofort, schneidet ein 15 Zentimeter großes Loch in den Schädel, um dem Gehirn Raum für die Schwellungen zu geben.

Das Problem bei Kopftreffern ist, dass der Schädel zurückgeschleudert wird, und weil zwischen Schädeldecke und Gehirn ein paar Millimeter Raum sind, schlägt das Gehirn mit leichter Verzögerung gegen den Schädel. Das ist auch der Grund, warum ein Kopfschutz Boxern nicht hilft: Der Helm würde das Gewicht und damit die Pendelbewegung des Kopfes nur erhöhen und deshalb die Verletzungen des Gehirns nur erschweren. So oder so platzen Blutgefäße, Zellen werden zerstört, Blutungen entstehen.

»Manchmal ist der Preis deines Traumes der ultimative Preis«, sagt Lou DiBella, der Promoter. »Glauben Sie nicht, dass ich mich nicht quäle, ich wollte meinen eigenen Sohn nicht verheizen«, sagt Bill, der Vater. »Es ist ein Sport, in dem Sachen wie diese passieren«, sagt Craig, der Bruder. Drei Männer, und alle drei weinen.

Doktor Smith versetzt Leavander Johnson in ein künstliches Koma, das Gehirn soll Ruhe finden. Der Boxer, der Las Vegas in einer Limousine verlassen wollte, liegt jetzt in Raum ICU 7 T des Trauma Centers von Las Vegas, diagonal steht das grüne Bett im Raum, grau ist der PVC-Boden, groß sind die Fenster, und eine Säule mit vielen Apparaten steht hinter dem Bett. Smith nimmt das erste Hämatom heraus, das das Gehirn von rechts nach links schob, und am zweiten Tag sieht es so aus, als würde der Boxer es schaffen. Ringrichter Weeks kniet in ICU 7 T und betet.

Aber dann muss Smith abgestorbene Teile des Hirns herausschneiden, um Platz zu schaffen, Johnson wäre wohl behindert gewesen, hätte er überlebt. William Smith sagt: »Durch die Schwellungen blutete es weiter, und an der Kante, wo das Gehirn durch die Öffnung des Schädels nach außen drang, entstand ein zweites Hämatom. Es war eine Spirale schrecklicher Ereignisse.« William Smith muss ein zweites Mal operieren, dann lässt er die Familie rufen, es ist Donnerstag, der 22. September, 16.23 Uhr, und Leavander Johnson ist gestorben an Herz- und Nierenversagen.

Es ist ein kalter Morgen im Oktober in Pleasantville, als vier Kinder am Grab ihres Vaters stehen: Leavander Jr., 16, Tyric, 15, Lance, 7, und Latyah, 4. Neben ihnen steht Leavanders Verlobte, Deatra. 50 000 Dollar wird die Lebensversicherung zahlen, 150 000 Dollar bringt die Stiftung ein, die Lou DiBella gründet. Jesus Chavez kommt zur Beerdigung, Leavanders Vater umarmt ihn und sagt, Jesus möge ein großer Champion werden, das wäre Leavanders Wille. Jesus Chavez ist der Einzige, der noch nicht über den Kampf reden kann; er lässt ausrichten, dass er davon träume, die Bilder nicht loswerde, dass er aber wieder trainiere und bald an seinem Platz kämpfen wolle, so wie seine Frau, die für Amerika kämpft im Irak.

Auf Leavanders Grabstein schlägt ein Boxer mit der Linken, die Rechte deckt gut. »I wouldn't change a thing«, steht da, ich würde alles wieder so machen.

Wie auch sonst.

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