23.01.2012

TIERSCHUTZBallerei am Himmel

Ausgerüstet wie militärische Spezialkommandos, führen Jäger einen Krieg gegen die Krähen. Doch die schlauen Vögel werden zu Unrecht bekämpft.
Sie nennen sich Harras, Fuchsschreck, Beizjägerin oder Demonicus. Im Internet tauschen sie sich über ihr krudes Hobby aus: Die selbsternannten "Crowbuster" lieben es, möglichst viele Krähen vom Himmel zu schießen.
Für den "Mordsspaß" ist ihnen keine Strapaze zu groß. "An den drei tollen Tagen 1651 Kilometer runtergerissen, 6 Stunden gepennt", protzt einer von ihnen im Netz: "War 'ne supergeile Sache."
Keine Frage, die Krähenjäger haben eine Meise. Als würden sie in den Krieg ziehen, rüsten sie sich aus wie militärische Spezialkommandos. Sie tragen Tarnanzüge und Gesichtsschleier, feuern mit halbautomatischen Gewehren und setzen künstliche Lockvögel ein.
Im Online-Forum der Jägerzeitschrift "Wild und Hund" des Paul Parey Verlags berichten die Crowbuster über die Sucht, die sie beim "Krähen ping pong" gepackt habe. Dem Handy-Zuruf "Warte kommt Krähe … bautz bautz" folgt Sekunden später als Vollzugsmeldung "bopp bopp" - Treffer, versenkt.
Dank ihrer martialischen Ausrüstung kommen die Krähenkiller auf ungewöhnlich hohe Abschussraten. Bei einer Jagd in Oberfranken brachten die Crowbuster insgesamt 316 "Mistkratzer" zu Boden; die einheimischen Jäger waren beeindruckt. Landwirte, die den Krähen das neugierige Anpicken der Plastikhüllen ihrer Silage-Ballen übelnehmen, hatten eigens Gülle ausgebracht, um die Vögel anzulocken.
"80 gegen Huckebein", überschrieb "Wild und Hund" die bisher größte, von dem Blatt organisierte Krähenjagd. Die Ballerei am Himmel fand voriges Jahr im Münsterland statt und konnte im Online-Forum von "Wild und Hund" live verfolgt werden.
Am Ende lagen 333 Krähen, davon 80 Prozent Jungtiere, sowie sechs Elstern auf der Strecke. Dass dabei auch besonders geschützte Arten wie Saatkrähen und Dohlen ("Vogel des Jahres 2012") umkommen, sei kaum zu vermeiden, sagt der Ornithologe Ulrich Mäck: "Die Rabenvögel fliegen vor allem im Winterhalbjahr in gemischten Schwärmen."
Die Ballermänner rechtfertigen ihren Feldzug damit, dass das "gefiederte Gesindel" Junghasen und Rebhühner greife und Vogelnester ausräume. Die Rabenvögel, so die Behauptung, hätten überhandgenommen, sie seien schuld am Schwund von Niederwild und Singvögeln.
Alles Legende. Der wahre Übeltäter für den Rückgang bei Hase oder Lerche ist die Landwirtschaft, wie Biologen längst nachgewiesen haben. Denn die Agrarindustrie erzeugt eine artenarme Kulturlandschaft, in der es an schützenden Wildhecken und Feldgehölzen fehlt. Ornithologe Mäck: "Und wo sollen Wiesenvögel leben, wenn es keine richtigen Wiesen mehr gibt?"
Der forcierte Anbau von Mais und Winterraps zur Energiegewinnung, betont Stefan Garthe von der Deutschen Ornithologen Gesellschaft, werde den Rückgang
der Bodenbrüter und Singvögel noch beschleunigen.
Eine Legende ist auch die angebliche Überpopulation bei den Krähen. "Das sind gefühlte Zahlen", sagt Mäck, der als Gutachter für das Bundesamt für Naturschutz tätig war. Weil die Feldflur als Lebensraum immer weniger geeignet ist, wandern beispielsweise Saat- und Rabenkrähen in die Städte ab und werden folglich stärker in menschlichen Siedlungen wahrgenommen.
So hilft der massenhafte Abschuss von Krähen den Hasen und Rebhühnern denn auch nicht. Versuchsweise ließ Klaus Pohlmeyer, damals Wildbiologe an der Tierärztlichen Hochschule Hannover und Landesjagdpräsident, bereits 2005 in Ostfriesland rund 12 000 Rabenkrähen fangen und erschlagen - mit dem Niederwild ging es danach trotzdem nicht aufwärts.
"Wenn wir den gefährdeten Vogelarten durch die Bejagung von Beutegreifern einen Vorteil verschaffen wollten", sagt Mäck, "müssten wir konsequenterweise ganze Landstriche von allen Beutegreifern befreien - also auch von Igeln, Eichhörnchen, Mardern und Katzen."
Das kommt selbst den schießwütigsten Jägern nicht in den Sinn. Lieber pflegen sie ihr Feindbild von den gefräßigen Krähen - und nehmen ausgerechnet jene schlauen Vögel aufs Korn, die Biologen inzwischen als ähnlich intelligent einstufen wie Primaten.
"Solche Hetze auf eine Tierart habe ich noch nicht erlebt, selbst beim Fuchs nicht", sagt Johann Beuke, 56, aus dem niedersächsischen Twistringen, Mitglied des Ökologischen Jagdverbands (ÖJV). Fatal für die Krähenbestände, so Beuke, sei besonders die auf Druck der Jägerschaft erreichte Aufhebung der Schonzeiten in vielen Bundesländern, die der EU-Vogelschutzrichtlinie und auch dem Tierschutzgesetz widerspricht. Im Bemühen, die "Vernichtungsaktionen" (Beuke) zu stoppen, hat sich der ÖJV mit den Naturschutzverbänden BUND und Nabu zusammengetan.
Selbst manchen konservativen Jägern geht das massenhafte Abknallen jetzt zu weit. Mit dem Westerwälder Hegering-Leiter Klaus Skowronek konnte sich Harry Neumann vom BUND darauf verständigen, dass die Crowbuster dort nicht mehr herumballern dürfen: "Diese Baustelle ist für uns geschlossen", sagt Jäger Skowronek, der das "Krähen ping pong irritierend" findet.
Auch der konservative Deutsche Jagdschutzverband fürchtet neuerdings einen Imageschaden und spricht von "Auswüchsen" und "fragwürdigen Bildern". Ende Februar will sich der Jägerverband mit den wild gewordenen Krähenkillern befassen.
(*) Die Gesichter wurden von den Schützen auf dem Foto unkenntlich gemacht.
Von Renate Nimtz-Köster

DER SPIEGEL 4/2012
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