Hawaii Die Surfmafia von O'ahu

O'ahu gilt als Mekka des Wellenreitens. An der berühmten Nordküste der hawaiianischen Insel findet jedes Jahr das Finale der Surf-WM statt. Doch hinter den Kulissen der Millionen-Dollar-Show herrscht das Faustrecht.

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"Hey TJ, komm rüber! Das Essen ist fertig, es ist angerichtet!" Makua Rothman steht in triefend nassen Shorts auf einer großen Veranda am Strandabschnitt "Pipeline" im Norden der Insel O'ahu, Hawaii. Rothmans Stimme klingt nasal, sein typisch hawaiianischer Singsang erinnert an ein Kinderlied. Doch der friedliche Eindruck täuscht: Rothmans Worte an dem Strand, benannt nach einer berühmten Welle, sind keine Einladung zum Abendessen, sondern eine Aufforderung zum Kampf. Sie gelten TJ Barron, wie Rothman ein international bekannter Profisurfer. Barron ist auf dem Wasser mit Rothman kollidiert, dafür soll er nun bezahlen.

Drei Jahre ist dieser Austausch, den der Autor selbst beobachtet hat, nun her. Barron flüchtet an jenem Abend in das Strandhaus seines Sponsors Billabong. Später stürmt Makuas Vater Eddie Rothman in die Villa, in der auch Billabongs Marketing-Vize Graham Stapelberg wohnt. Niemand traut sich, Eddie Rothman davon abzuhalten, Stapelberg übel zusammenzuschlagen, JJ Baron ist zu dieser Zeit nicht im Haus. Rothman Senior ist seit den Siebzigern als Pate der hawaiianischen Surf-Community gefürchtet. Stapelberg verlässt die Insel am folgenden Morgen - ohne Anzeige zu erstatten.

Die Northshore auf der größten Hawaii-Insel O'ahu, das sind Palmen, weißer Sand, blaues Wasser und dazu perfekte Wellen. Die ideale Kulisse für einen Surfwettbewerb. Genau deswegen zelebriert der Surfdachverband ASP hier jedes Jahr kurz vor Weihnachten das Saisonfinale der Weltmeisterschaftstour. So auch dieses Jahr, als der Brasilianer Gabriel Medina sich in den Wellen von Pipeline den Titel sicherte.

Doch die idyllische Fassade täuscht: Die berühmten Strände sind quasi rechtsfreier Raum - wenn man mal vom Faustrecht absieht. Wer ein Stück dieses Paradieses will, muss sich mit den Autoritäten der lokalen Surfszene arrangieren, Männern wie Eddie Rothman. Das bekam auch der Surfmode-Gigant Billabong zu spüren. Nicht nur, weil der Marketing-Vize der australischen Firma in seinem Haus verprügelt wurde.

Harte Drogen und Gewalt

Das Unternehmen hält die Namensrechte am Saisonfinale, den "Billabong Pipeline Masters". Aber wie viel hat die Firma bei der eigenen Veranstaltung wirklich zu sagen? Der Contest 2011 wurde in den drei Tagen nach der Prügelei durchgezogen, obwohl für einen späteren Zeitpunkt bessere Wellen angekündigt waren. Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Billabong-Crew habe um ihr Leben gefürchtet und daher keinen Tag länger als nötig vor Ort bleiben wollen - auch wenn die Firma dementiert.

"Die Surfindustrie hält die Wahrheit zurück. Sie präsentiert den Zuschauern eine Illusion der Northshore: tolle Wellen und Menschen, die sich darin vergnügen", sagt Chas Smith, Autor des Romans "Welcome to Paradise - Now Go to Hell". Er beleuchtet die Machtverhältnisse in der Surfszene O'ahus und nennt die Anführer der Gangs beim Namen. Das Paradies habe noch eine andere Seite, sagt Smith. "Harte Drogen sind allgegenwärtig, genauso wie territoriale Gewalt. Leute werden wegen Nichtigkeiten zusammengeschlagen."

Für Smith bedeutet die Veröffentlichung seiner Recherchen, dass er nicht mehr an die Northshore zurückkehren kann: "Mir war beim Schreiben klar, dass dies mein letzter Winter auf Hawaii werden würde. Wenn ich noch mal einen Fuß auf die Insel setze, werde ich ausgeknockt."

Um diesem Schicksal zu entgehen, hat sich die internationale Surfpresse ein Schweigegelübde aufgelegt, glaubt Smith: "Die Surfmagazine trauen sich nicht, die echten Geschichten zu publizieren, denn dann wären sie für alle Zeiten von Hawaii ausgeschlossen - was den Bankrott bedeuten würde." Zu wichtig sind Fotos und Videos von den berühmten Wellen der Northshore, als dass man darauf verzichten könnte. Die Wellen sind das Faustpfand der Einwohner.

Rivalitäten mit Australiern und Kaliforniern

Der Kampf gegen die vermeintliche Bevormundung durch Fremde hat in der Surfszene Hawaiis Tradition. Nachdem weiße Missionare Anfang des 20. Jahrhunderts das traditionelle Wellenreiten verbieten wollten, wurde der Sport zum Inbegriff hawaiianischer Kultur. Nach dem Surfboom Anfang der Sechzigerjahre besuchten Jahr für Jahr mehr Australier und Kalifornier die Northshore, erste Rivalitäten mit den einheimischen Surfern brachen aus. In den Siebzigerjahren formierte sich die lokale Gruppierung "Da Hui O He'e Nalu", die im Winter 1976 alle australischen Profis gewaltsam von der Insel vertrieb. Es dauerte Jahre, bis sich die Australier wieder nach O'ahu zurücktrauten.

Einer der Gründer der "Da Hui" war Eddie Rothman, der der Gang noch heute vorsteht. Will ASP Wettbewerbe an der Northshore ausrichten, dann muss er mit Rothman verhandeln. Dass dieser sich als Verfechter hawaiianischer Werte geriert, erscheint angesichts seiner Vita allerdings ein wenig kurios: Der 65-Jährige war erst Ende der Sechzigerjahre vom Festland auf die Insel ausgewandert. Schon nach wenigen Jahren gehörte er zu den bestimmenden Figuren der Northshore-Szene - ein Status, den er dank seines Rufs als kaltblütiger Schläger noch immer innehat.

"Das hier ist der Wilde Westen. Was willst du tun? Die Cops rufen? Hast du hier schon mal welche gesehen?" Nathan Fletcher zieht fragend die Augenbrauen hoch. Er ist einer der Stars der Big-Wave-Szene und gehört zum harten Kern der Northshore. Im Gegensatz zur Hauptstadt Honolulu sind Streifenwagen an der Nordküste tatsächlich nicht zu finden. "Die Locals arrangieren die Dinge hier auf ihre Art - und das funktioniert ziemlich gut", sagt Fletcher.

Dass die ungeschriebenen Gesetze der Northshore selbst in offiziellen Wettbewerben gelten, erlebte der deutsche Surfer Nic von Rupp: "In den Contests auf Hawaii läuft es anders als im Rest der Welt. Zuerst kommen die Locals dran. Ich nehme nur die Wellen, die kein anderer will."

"Solche Geschichten kann jeder Profisurfer erzählen", sagt Buchautor Smith. "Wenn du als Surfer Karriere machen willst, musst du nach Hawaii kommen, denn hier sind die besten Wellen. Doch dieses Paradies hat seine eigenen Regeln."

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insgesamt 28 Beiträge
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Oberleerer 30.12.2014
1.
Auch in diesem Falle gehören immer 2 dazu. Wenn ich (und mein Geld) an einem Ort nicht willkommen bin, gehe ich eben woanders hin und bestärke nicht noch das Geschäft solcher Assis.
amidelis 30.12.2014
2. Achtziger
Als ich damals mit dem Windsurfen anfing, war im Surfen ein langer Artikel über einen Engländer der sich in Maui umbrachte. Es war ihm trotz fantastischen Talentes und Heirat mit einer Amerikanerin nicht gelungen in Hawaii Fuss zu fassen. Die Prügelorgien im Wasser und am Strand sind legendär, und wer einem Local die Welle wegnimmt macht das nur einmal.
schnittlauch_y 30.12.2014
3. Größte Hawaii-Insel O'ahu?
O'ahu hat die meisten Einwohner. Die größte Fläche hat wenig überraschend mit großem Abstand 'Big Island', die Insel Hawaii.
bcb86 30.12.2014
4.
... auch beim Spiegel. In letzter Zeit ist mir Folgendes aufgefallen: Spon wählt aus den Fotoserien immer die Fotos für das Titelbild aus, die attraktive und leicht bekleidete Frauen zeigen. Wahrscheinlich sollen die Aufrufzahlen der jeweiligen Artik durch männliche Leser erhöht werden. Hat geklappt, zumindest bei mir...
Ehrmantraut 30.12.2014
5. Hawaii wird überschätzt ..
genau wie der umzäunte Ayers Rock. Und überhaupt . Erwachsene Männer die sich mit einem Plastikbrett und nach einer Weile im Wasser liegenden verschrumpelten Eiern von immer gleichen Wellen an Strand spülen lassen? Total unmännlich.
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