Sommers Prozessauftritt Kurz-Comeback eines Manager-Stars
Frankfurt am Main - Ganz kurz war sie noch einmal zu spüren, die Aura des Manager-Stars: Energisch eilt Ron Sommer in den Saal, einige Schritte hinter ihm folgen breitschultrige Männer in dunklen Anzügen. Bodyguards mit gerunzelter Stirn, einer hat einen Funkknopf im Ohr. Fotografen rammen sich Ellbogen in die Seite. Blitzlichtgewitter erhellt den Saal. Doch der Moment verfliegt - nur Minuten später sitzt der einstige Telekom-Chef mit angespanntem Gesicht auf der Bühne des Veranstaltungssaals, und blickt auf eine gigantische Leinwand, auf die sein Gesicht für den Rest des Tages in Großaufnahme übertragen wird.

Ex-Telekom-Chef Sommer: "Ich bin kein wandelnder Terminkalender"
Foto: DDPSommer ist als Zeuge geladen, doch faktisch sitzt er auf der Anklagebank: Mehr als 16.000 Anleger wollen Schadenersatz von der Telekom, weil sie sich im Jahr 2000 zum Kauf der vermeintlichen "Volksaktie" verleiten ließen. Eine Horrorinvestition. Der Kurs stürzte innerhalb kurzer Zeit auf ein Zehntel des Höchstwertes und vernichtete Altersrücklagen, die Ersparnisse aus Jahrzehnten oder die Anlagen für Kinder und Enkelkinder. Verantwortlich dafür soll sein: der damalige Telekom-Chef Ron Sommer.
Auch im Rest des Saals ist die Anspannung mit Händen zu greifen. Fast will man die nur spärlich besetzten Reihen symbolisch nehmen: Als ob die Aktionäre schon aufgegeben hätten - tatsächlich ist es vielen wohl einfach zu peinlich zu kommen und damit ihre Fehlinvestition offen einzugestehen. Doch auch von der anfänglichen Siegessicherheit der rund 30 erschienen Klägeranwälte ist am dritten Tag des Prozesses nicht mehr viel zu spüren. Die insgesamt rund 900 Klägeranwälte wollen zeigen, dass der Börsenprospekt für die dritte Ausschüttung bei der Privatisierung ungenügend war. Doch eines der zentralen Argumente für diese These hat Richter Christian Dittrich schon ausgehebelt. Er halte die damalige Immobilienbewertung für angemessen, sagte er vergangene Woche.
Nun soll die Frage nach der Übernahme des US-Mobilfunkanbieters VoiceStream geklärte werden, die wenige Monate nach dem Börsengang stattfand. Sagenhafte 39 Milliarden Euro blätterte die Telekom für VoiceStream hin. Sommer, der 2002 schließlich vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder zum Rücktritt gezwungen wurde, ist wohl einer der wenigen, der den Preis immer noch für gerechtfertigt hält. Es sei um die Frage gegangen, ob die Telekom "zu den konsolidierten oder zu den konsolidierenden" Konzernen gehören wollte, erklärt er den Anwälten scheinbar kühl. "Das dies richtig war, zeigt das schrumpfende Deutschlandgeschäft", fügt er noch hinzu - obwohl ihn das niemand gefragt hat.
Denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Die größte Übernahme in der Konzerngeschichte fand im Prospekt für den dritten Börsengang keine Erwähnung. War dieser gigantische Deal, der am 23. Juli 2000 abgeschlossen wurde, im Mai bei der Herausgabe des Börsenprospekts tatsächlich nicht absehbar?
Sommer sagt gleich zu Anfang des Prozesses: Nein - "auch nicht annähernd". Er habe zwar einmal mit dem VoiceStream-Chef telefoniert, mindestens ein Treffen habe es auch gegeben - aber das sei mehr ein "Abtasten" gewesen. Mit dem Gefühl am Ende, dass die Vorstellungen der Telekom eher nicht umzusetzen seien. Erst Mitte Juli habe er sich näher mit dem Thema befasst, weil Gespräche mit anderen US-Konzernen zu möglichen Fusionen sich als wenig vielversprechend erwiesen hatten, fügt Sommer hinzu.
Bei diese Stand sei es erst mal geblieben - bis dann ím Juli plötzlich doch die Verträge unterschrieben wurden. In nur acht Tagen will Sommer mit dem Vorstand den Kauf be- und den Deal abgeschlossen haben. Wer wen wann angerufen habe, was genau bei den Gesprächen im Frühjahr besprochen wurde? Immer wieder sagt Sommer: "Ich erinnere mich nicht." Immer patziger wird er im Laufe der Befragung. "Sie haben offensichtlich keine Vorstellung vom Arbeitsablauf eines Vorstandvorsitzenden eines Konzerns dieser Größenordnung", schnauzt er einen Anwalt an, und: "Ich bin kein lebendiger Kalender."
Trotz dieses immer gleichen Hinweises auf das mangelnde Erinnerungsvermögen des vermeintlich Detail-versessenen Managers gerät die Verhandlung kurzweilig - auch weil der erste deutsche Massenanlegerprozess immer mehr zur Komödie wird. Die Absprachen zwischen den Klägeranwälten sind spärlich - stattdessen gehen sich einige der Kollegen schon ziemlich auf die Nerven.
Schon während die Richter den Zeugen Sommer noch befragen, erlaubt sich ein Anwalt einen Einwurf - und wird dafür gehörig abgekanzelt. Das sei "nicht hilfreich", motzt Andreas Tilp, der Vertreter des Musterklägers. Dann empfiehlt Tilp wärmstens, erst die Richter ihre Fragen stellen zu lassen. "Peinlich" sei das gewesen, erklärt ein anderer Anwalt später. Es gehe doch nicht um Selbstdarstellung. Und die zentralen Fragen habe der Kollege ja nun gar nicht gestellt - das werde man wohl selbst übernehmen müssen.
So versucht jeder, seine Strategie durchzuexerzieren - und das Verhör wird immer holpriger, weil klare Strategien nicht erkennbar sind. Tilp fragt "Selbstverständlichkeiten" ab, wie Richter Dittrich sich irgendwann nicht verbeißen kann zu monieren. Ob Protokolle von der Sitzung der Vorstände erstellt worden seien, fragt Tilp Sommer - und: "Von wann bis wann waren Sie denn Vorstand der Musterbeklagten?" Es gehe um die Glaubwürdigkeit, so die Begründung.
Dittrich nimmt derartiges mit der stoischen Ruhe eines Richters hin, der schon einiges erlebt hat in seinem Gerichtssaal. Geduldig schlägt der weißhaarige 63-Jährige zusammenfassende Formulierungen für das Protokoll vor - und nimmt gelassen hin, was die Anwälte doch noch ergänzen werden. Das Protokoll werde dadurch natürlich länger, sagt er. "Aber das macht vielleicht auch nichts."