

Eisbären: Genanalyse verrät Wurzeln der Arktisriesen
Genanalyse Forscher entschlüsseln Eisbären-Stammbaum
Washington - Die weißen Riesen sind sozusagen die Symboltiere des Klimawandels. Der Lebensraum der Eisbären in der Arktis hat sich in den vergangenen Jahren bereits stark verändert - und das dürfte erst der Anfang sein. Denn nirgendwo steigen die Temperaturen stärker als im hohen Norden, die sommerliche Meereisbedeckung geht langfristig klar zurück. Für die Tiere ist das mehr als problematisch. Zwei Drittel der Eisbärenpopulationen rund um den Nordpol schrumpfen.
Forscher aus den USA, Island und Norwegen haben nun die genetischen Wurzeln des Eisbären bestimmen können - und gleichzeitig eine Prognose für die Gefährdung der Tiere in der Zukunft geliefert. Charlotte Lindqvist von der University at Buffalo (US-Bundesstaat New York) und ihre Kollegen berichten im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" von ihren Ergebnissen.
Über die Evolution der Eisbären war bisher nur wenig bekannt, unter anderem, weil es kaum Fossilien gibt. Weil die Tiere auf Eisflächen über dem Meer leben, verschwinden ihre Kadaver meist in den Tiefen des Nordpolarmeers - oder im Magen von hungrigen Aasfressern. Im Jahr 2004 hatte jedoch ein isländischer Geologe Glück: Er fand ganz im Westen der norwegischen Insel Spitzbergen im Arktischen Ozean einen Kieferknochen und Zähne eines Eisbären. Die sie umgebenden Gesteinsschichten am Berg Poolepynten verrieten das sensationelle Alter der Funde: 110.000 bis 130.000 Jahre.
Das bedeutet, dass es zu dieser Zeit schon Eisbären als eigenständige Art gab. Sie hatten sich zuvor von den Braunbären abgespalten. Die Forscher um Lindquist haben nun die mitochondriale DNA, also das Erbgut der Zellkraftwerke, der Probe untersucht.
Arktis als Refugium zum Überleben
Das Erbgut konnte unter anderem deswegen noch gelesen werden, weil es im gut gekühlten arktischen Boden vergleichsweise wenig Schaden genommen hatte. Das bisher älteste entschlüsselte mitochondriale Genom stammt vom Mammut, das nun analysierte Erbgut des Eisbären ist doppelt so alt. Um das Ergebnis der durchgeführten Genanalyse vergleichen zu können, wurden auch die Genome von heute in Nordamerika lebenden Eis- und Braunbären sequenziert und schließlich ein Stammbaum erstellt.
Das Erbgut verriet, dass sich die weißen Tiere vor gut 150.000 Jahren von den Braunbären abspalteten. Die Forscher stellten auch die nächsten Verwandten der Eisbären fest: Es sind die Braunbären auf den Inseln Admiralty, Baranof und Chichagof im Südosten Alaskas.
"Die Polarbären überlebten durch Anpassung eine voreiszeitliche Klimaerwärmung, die sogar noch höher ausfiel als die gegenwärtige", berichtet Forscherin Lindqvist. Vermutlich diente Spitzbergen den Tieren als ein Refugium zum Überleben. Die Anpassung der mächtigen Raubtiere an die Polarregion vollzog sich offenbar binnen kurzer Zeit. Mit steigenden Temperaturen kurz vor einer globalen Erwärmungsphase eroberten sie sich schrittweise neue Lebensräume und Futterquellen - und konnten so dem Konkurrenzdruck durch andere Arten entgehen.
Doch die Wissenschaftler sind skeptisch, ob sich auch die Eisbären der Gegenwart so souverän an neue Umstände anpassen können: "Heute schreitet die Erwärmung viel schneller voran, zudem sind Eisbären extrem spezialisierte Tiere, die sich nur von einigen wenigen Robbenarten ernähren, was ihre Überlebenschance zusätzlich schmälert", sagt Lindqvist.