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UMWELT Lizenz zum Gelddrucken

Findige Kaufleute haben die Entsorgung alter Reifen als lohnendes Geschäft entdeckt. Der Trick: Sie drehen den Müll unbedarften Ostlern an.
aus DER SPIEGEL 40/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Lagerplatz bei der mecklenburgischen Ortschaft Lübz war gut gewählt. Das Gelände ist zwar fast vier Hektar groß, trotzdem aber von der nahen Straße aus nicht einzusehen, liegt es doch in einer Senke. Monatelang konnten Lastwagen hier in aller Ruhe alte Reifen abkippen - rund 40 000 Stück insgesamt.

Seit vorletztem Wochenende aber ist der Platz nicht mehr zu übersehen. Eine Rauchfahne steht darüber, beißender Gestank zieht weithin über die Felder.

Die alten Pneus von Lastwagen und Baumaschinen haben sich, »sicher nach Brandstiftung«, so ein Ermittler, in einen Hexenkessel aus glühendem Stahl und siedendem Öl verwandelt, bis zu 1400 Grad heiß. »Wir fackeln das hier kontrolliert ab, löschen ist zu gefährlich«, sagt Feuerwehrmann Horst Richter; brennende Reifenlager sind kaum beherrschbar.

Jeder schmelzende Pneu setzt vier bis sieben Liter Öl frei, das mit Löschwasser in den Boden gespült würde. Freilich gelangen über die Rauchschwaden bis zu 500 Chemikalien in die Umwelt, darunter giftige Benzole, Toluole oder Xylole. »Fenster und Türen schließen«, mahnten die Behörden hilflos die Anwohner.

Mit der Beseitigung alter Reifen lassen sich Millionen verdienen - vor allem, wenn die Pneus nicht ordnungsgemäß verwertet, sondern einfach abgekippt werden. Immer wieder schwatzen Geschäftemacher vor allem naiven Grundbesitzern im Osten den Müll auf und lassen sie dann darauf sitzen. Allein in Mecklenburg-Vorpommern plagen sich Behörden derzeit mit elf ebenso großen wie illegalen Deponien. Manchmal versuchen Gauner auch, sich der teuren Last mit einem Benzinkanister und einem Feuerzeug zu entledigen:

* In Berlin-Treptow brannte 1996 eine Lagerhalle mit Altreifen ab. Der S-und U-Bahnverkehr musste wegen Entwicklung giftiger Rauchschwaden zeitweise eingestellt werden;

* im brandenburgischen Oranienburg zündete am Ostermontag dieses Jahres ein Brandstifter ein Altreifenlager an. Mehrere Kinder mussten im Krankenhaus behandelt werden;

* im mecklenburgischen Brenz blieb die Gemeinde auf einem illegalen Gummiberg von 18 000 Tonnen sitzen.

Rund 50 Millionen Altreifen müssen pro Jahr in Deutschland entsorgt werden. Während der Verbraucher bei seinem Reifenhändler zwischen 2,50 Mark (München) und 6 Mark (Hamburg) für die ordnungsgemäße Beseitigung zahlt, gibt es für die Entsorgung der Pneus von Lastwagen oder Baufahrzeugen richtig Geld - bis zu 2000 Mark pro Stück. »Diese Gewinne locken Umweltkriminelle magisch an«, sagt Eckhard Willing, Abfallexperte beim Berliner Umweltbundesamt (UBA).

Knapp die Hälfte aller Altreifen werden legal in Zement- oder Kraftwerken verbrannt. Auch als runderneuerte Reifen oder zerhäckselt und zu Sporthallenböden, Fußmatten oder Badelatschen verarbeitet, lassen sich Pneus sinnvoll recyceln.

Rund 100 000 Tonnen alte Reifen werden zudem nach Osteuropa oder Afrika verhökert. Doch etwa 20 000 Tonnen verschwinden pro Jahr, ohne dass Umweltexperten sagen können, wo sie bleiben.

Da beginnt jene Zone, in der sich der Lübecker Kaufmann Dirk Muchow, 31, auskennt. Sein Wissen über das profitable Müllgeschäft will der findige Makler aus einer überraschenden Quelle haben: In dem Fachbuch »Die Müll-Connection« der Umweltorganisation Greenpeace wird detailliert beschrieben, wie die Entsorgungsbranche tickt und trickst. »Aus dieser Lektüre habe ich eine Menge gelernt«, sagt Muchow.

Der Kaufmann gründete 1993 unter dem Namen »DMD Kreislaufwirtschaft« in Rostock eine Firma fürs »Sammeln, Sortieren und Handeln« von Altstoffen. Slogan: »Entsorgen ohne Sorgen«. Muchow war oder ist Geschäftsführer von mindestens fünf Unternehmen mit ähnlich schönen Namen. Mal agierte er etwa für die »Hanseatische Entsorgungsgesellschaft«, mal für das »Baustoff-Kontor Lübeck«.

Rolex-Träger Muchow residiert derzeit im Rostocker Hanseatic-Center mit Hafenblick, im Chefbüro eine rote Ledergarnitur. An mindestens drei Stellen in Mecklenburg pachtete er Lagerflächen. Für jede Tonne Material, die Muchow bei namhaften Firmen abholen lässt, kassiert der Newcomer kräftig ab.

Mit Vertrag vom 8. März 1994 pachtete eine Muchow-Firma von dem Elektriker Klaus-Dieter Köpk im mecklenburgischen Lübz ein Grundstück, das »der Oma gehörte« (Köpk) - die schön versteckte Senke, in der nun die Reifen-Karkassen glühen.

Den Grundbesitzer stellte Muchow anfangs als Hausmeister ein. Pacht plus Lohn, das schien dem unbedarften Ostler Köpk ein doppelt lohnendes Geschäft. Doch die Freude währte nur kurz: Tag und Nacht kippten Lastwagen die schwarze Fracht auf sein Gelände, manchmal sollen ihre Nummernschilder abgeklebt worden sein.

Als nach Beschwerden von Anrainern das Lübzer Staatliche Amt für Umwelt und Natur den Betrieb untersagte, stellte Muchow die Pachtzahlungen ein und feuerte seinen Hausmeister Köpk. Zwar präsentierte Muchow den Beamten noch Pläne für eine wunderbare Recycling-Anlage. Danach sollten mit »modernster Technik« Gummi, Stahl und andere Stoffe aus den Reifen zur Weiterverwertung getrennt werden. Doch diese Ideen beeindruckten die Beamten gar nicht.

Da eine »Verwertungsabsicht nicht plausibel belegt« werde, so ein Beschluss des Umweltamtes, sei die Deponie »illegal« - auch als Zwischenlager. Omas Grundstück war da natürlich schon unter dem Gummiberg großteils verschwunden.

Die harten Worte des Amtes verderben Muchow die Laune nicht wirklich. Schließlich hat er Freude an seinem Geschäft, sei es doch so etwas wie die »Lizenz zum Gelddrucken«.

Die Rechnung werden wohl andere begleichen müssen. Für die Beseitigung der Reifen in Lübz veranschlagte Muchow 750 000 Mark. »Ich bin doch nicht blöd, das zu bezahlen«, sagt der Unternehmer. Er meint, die Behörden seien ja schuld, dass er dort nicht seine Entsorgungsanlage bauen dürfe.

Auf die Anordnung etwa von Zwangsgeldern reagiert der Müllmakler gelassen mit branchenüblichen Manövern wie Widersprüchen. Ein Strafprozess wegen illegaler Abfallentsorgung vor dem Amtsgericht Plau am See konnte mit Hilfe eines prominenten Hamburger Anwalts und Zahlung von 20 000 Mark abgewendet werden.

Derartigen Ärger kennt Muchow: In Rostock, wo er ein Altholzlager unterhält, gibt es ebenfalls Stress mit der Behörde. »Wenn die mir dumm kommen, geht der Laden eben Pleite«, erläutert Muchow den Notausstieg. Dann haftet der Grundstückseigentümer oder der Steuerzahler.

Um solche für die Öffentlichkeit unerfreulichen Geschäfte zu unterbinden, fordern Umweltschützer seit Jahren eine wirksame »Altreifen-Verordnung«. Doch seit dem Regierungswechsel im Bund stocken Expertengespräche mit dem Bundesumweltministerium.

Einstweilen wollen die UBA-Beamten für Kreise und Gemeinden einen Leitfaden zur Früherkennung dubioser Reifenhändler erstellen. Benutze ein unbekannter Unternehmer das Wort »Zwischenlager«, warnt Willing, müssten in den Kommunen sofort »alle Warnsignale angehen«.

FLORIAN GLESS, SEBASTIAN KNAUER, ANDREAS ULRICH

Florian Gless
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