IMMOBILIEN Kreative Lösung
Kollegen, die ihn besuchen, zeigt der Rostocker Architekt Thomas Burzan gern die neueste Sehenswürdigkeit der Stadt. Verblüfft betrachten Architekten und Städteplaner das Gebäude in der Breiten Straße 13 bis 15: Dort, mitten in der Rostocker Innenstadt, steht Deutschlands kuriosestes Sanierungsmodell.
»Sie glauben nicht, was Sie da sehen«, versucht Burzan, Prokurist der Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung und Stadtentwicklung, seinen Besuchern das Monstrum zu erklären. »Ich verstehe das auch nicht.«
Auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung können nicht erklären, warum der 70 Meter lange Wohnklotz in dem Sanierungsgebiet auf Stelzen steht ("Darüber lacht halb Rostock"); der örtliche Bauleiter des Eigentümers, der Bremer Cenit GmbH, darf - wie die anderen Angestellten des Bauträgers - nichts sagen, Cenit-Geschäftsführer Hermann Steinbicker ist in den Urlaub enteilt.
Das Stelzenhaus, das der Bremer Bauträger in Rostocker 1a-Lage hingestellt hat, ist keine architektonische Glanzleistung, aber ein fiskalisches Gesamtkunstwerk.
Seit Jahresbeginn sind die üppigen Steuergeschenke für Ostimmobilien abgeschafft. »Eine ungeheure Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen« nannte Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, die vielen unrentablen Investitionen in Ostdeutschland, die ihre Entstehung ausschließlich dem Steuerspartrieb deutscher Besserverdiener verdankten.
Doch wo das Finanzamt zuzahlt, spielen Baukosten eine untergeordnete Rolle. Das komplizierte Steuerrecht bietet immer wieder kreative Lösungen. So entdeckte die Cenit für ihr Sanierungsmodell in Rostock die steuersparende Verbindung von Paragraph 7 h Einkommensteuergesetz mit dem Paragraphen 177 Baugesetzbuch, eine bislang recht ungewöhnliche Kombination.
Danach kann der Bauträger »in einem förmlich festgelegten Sanierungsgebiet« zehn Jahre lang zehn Prozent der Modernisierungs- und Instandsetzungskosten absetzen - innerhalb von zehn Jahren finanziert der Fiskus so über die Hälfte der Baukosten.
So zieht sich in der Breiten Straße in luftiger Höhe ein noch unbewohnter zweigeschossiger Wohnblock 70 Meter lang hin. Der häßliche Bau aus den frühen fünfziger Jahren hat keinen Keller mehr, kein Erdgeschoß und keinen ersten Stock. Wo früher der Keller war, klafft ein rund 1000 Quadratmeter großes Loch. Darin wurden im vergangenen Sommer mächtige Stahlträger einbetoniert, die fast zehn Meter in die Luft ragen. Auf einer 200 Tonnen schweren Stahlkonstruktion ruhen hoch oben die Wohnungen des zweiten und dritten Stocks.
Staunend verfolgte der Architekt Michael Bräuer, der ganz in der Nähe sein Büro hat, die aufwendigen Bauarbeiten: »Das war sehr intensive Handarbeit.«
Stein um Stein, Ziegel um Ziegel wurde von Hand aus dem Mauerwerk gebrochen, und bevor die Arbeiter mit Preßlufthämmern tragende Mauern niedermachten, wurden Stahlstützen eingezogen, damit die Wohnungen im zweiten und dritten Stock nicht herunterfallen.
Schöner als in der Breiten Straße läßt sich die Kunst ausgefeilter Steuersparsysteme kaum darstellen. Abbruch und Neubau, so versichern Architekten, wären billiger gewesen, mit weniger Geld hätte sich ein ansehnlicher Bau hochziehen lassen - doch dafür hätte es kaum Steuergelder gegeben.
So blieben aus gutem Grund die alten Wohnungen: Die haben nämlich ein Dach. »Wenn das Dach stehenbleibt«, erläutert ein Hamburger Steuerexperte, »ist das ein starkes Argument, daß es sich um Instandhaltungsarbeiten handelt.«
Sonst könnte das Finanzamt die Sanierungsarbeiten als »Herstellungsaufwand« betrachten: Dafür lassen sich, wie bei einem Neubau, nur zwei Prozent der Kosten jährlich absetzen.
Der Bauträger muß also sorgfältig darauf achten, daß nichts grundlegend Neues entsteht und daß die Nutzfläche nicht größer wird, ansonsten könnte der Fiskus bei dem Bauwerk Herstellungsaufwand unterstellen.
Im Frühsommer werden die abgetragenen Stockwerke neu aufgebaut, im Erdgeschoß entstehen Ladenzeilen, und die Rostocker Stadtbäckerei, die vor den Stahlrohren einen provisorischen Stand aufgestellt hat, wird wieder in das Gebäude ziehen.
Die deutschen Steuerzahler kommen dann für mehr als die Hälfte der Baukosten auf - damit der 70 Meter lange Riegel wieder so schmuck wird wie zu DDR-Zeiten. HERMANN BOTT