

Porsche Panamera GTS: Luxus-Liner für die Rennstrecke
Porsche Panamera GTS Die Leichtigkeit ist seins
Wenn man mit einem Auto schnell um die Kurven fährt, kommt man irgendwann in den Grenzbereich. Dieser schmale Grat, wo das Gefährt schon anfängt zu rutschen, aber noch nicht ausbricht. Es ist die Grenze der Physik, also das Maximum an Beschleunigung, was noch so eben geht, ohne dass man abfliegt. Es fühlt sich dann an, als würde man über den Asphalt schweben. Im neuen Porsche Panamera GTS kann man ziemlich gut schweben.
Dass ich so etwas je über dieses Auto schreiben würde, hätte ich nicht gedacht. Es gibt Porschefans, die entrüstet waren, als die ersten Panameras aus den Zuffenhausener Werkstoren auf die Straßen rollten. Die Gemeinde diskutierte erregt. Soll Porsche wirklich eine viertürige Limousine bauen? Und wenn ja, muss sie dann aussehen wie ein 911, der zu oft bei McDonalds gegessen und einen dicken Hintern bekommen hat?
Wenn es nach diesen Hardcore-Fans ginge, hätte Porsche einfach den 911 aus den achtziger Jahren weitergebaut. Einen puristischen Sportwagen also, der noch nicht mit Luxus-Extras vollgestopft war, sondern in dem man eine Wade wie Arnold Schwarzenegger brauchte, um das Kupplungspedal zu drücken. Ich muss gestehen, dass ich für diese minimalistische Philosophie eine gewisse Sympathie hege. Zumindest war der Panamera auch für mich bislang nicht unbedingt das Synonym für Sportlichkeit.
Eine Limousine für den Rundkurs?
Und bei meiner ersten Begegnung mit dem neuen Panamera-Modell GTS (für Gran Tourismo Sport) fühle ich mich auch in meinen Vorurteilen bestätigt. Zwar bezeichnet Porsche den Wagen selbst "als das puristische Mitglied der Panamera-Familie", doch irgendwie muss es da ein Missverständnis gegeben haben: Der Testwagen ist so ziemlich mit allem beladen, was Autofahren heute angenehmer macht. Sogar ein Abstandsradar ist an Bord, dass auf dem Weg zur Ascari-Rennstrecke in Südspanien im Zusammenspiel mit dem Tempomat das Auto fast automatisch über die Autobahn steuert. Nur lenken muss ich noch selbst.
Überall: Luxus. Unter einer Batterie von Knöpfen, die mit ihren Chromapplikationen ein wenig an die Edel-Handymarke Vertu erinnert, mit der Nokia vor einigen Jahren ganz besonders betuchte Kunden abschöpfen wollte, verbirgt sich eine Armada von Extras. Die mit Alcantara bezogenen Sportsitze lassen sich in alle erdenklichen Richtungen elektrisch verstellen. Alles ist ganz wundervoll verarbeitet und höchst komfortabel, gar keine Frage.
Man kann sich richtig vorstellen, wie erschöpfte Manager nach einem 18-Stunden Arbeitstag erleichtert in den Panamera fallen und damit, rundum verwöhnt, nach Hause bollern. Oder wie ein Hollywood-Starlet damit beim In-Club vorprescht. Nur wie man diesen Trumm von einem Auto schnell um die Kurve fahren soll, kann man sich irgendwie nicht vorstellen. Zwar preist Porsche den Panamera GTS als "den Panamera auch für den Rundkurs" an. Aber wie bitte soll das gehen?
Lange Leine für den Fahrer
Das Erstaunliche dabei: es geht. "Wir haben beim GTS den Schwerpunkt auf die Querdynamik gelegt und nicht, wie beim Turbo, auf die Längsdynamik", hatte Gernot Döllner, verantwortlicher Projektleiter am Rande der Rennstrecke auf der kurzen Pressekonferenz die Vorzüge des GTS eben noch zusammengefasst. Übersetzt bedeutet das: Die Turboversion des Panamera fährt schneller geradeaus, der GTS schneller durch die Kurven.
Und tatsächlich: Der GTS krallt sich förmlich in den Asphalt. Runde für Runde wächst das Vertrauen in das Auto, das selbst zu spätes Anbremsen vor der Kurve oder zu frühes Gasgeben gütig verzeiht. Erstaunlich ist dabei vor allem, wie viel allein das Fahrwerk verdaut. Während bei anderen Sportlimousinen die Bordelektronik hektisch eingreift um das Auto aus der vermeintlichen Gefahr zu steuern, lässt das Porsche-Programm dem Fahrer die lange Leine. Und so tastet man sich Stück für Stück weiter vor zum schönen Schwebezustand.
Über zwei Knöpfe lassen sich Motor und Fahrwerk einstellen: Im Normalmodus cruist der Panamera GTS komfortabel. Drückt man die "Sport"-Taste, werden Dämpfer und Luftfederung härter gestellt. Außerdem öffnen sich Klappen in der Auspuffanlage - plötzlich dringt der Sound des V8-Motors deutlich vernehmbar in den Innenraum. Der Druck auf die Sport-plus-Taste stellt den Panamera GTS endgültig scharf. Das Stabilisierungsprogramm PSM wird weit zurückgefahren und greift nur noch im absoluten Ernstfall ein. Das Doppelkupplungsgetriebe haut die Gänge härter und vor allen später rein und schaltet überhaupt viel lebhafter vor und zurück.
Das Orchester sitzt im Auspuff
Außerdem orchestriert die Motorsteuerung die acht Zylinder des Panamera GTS noch verrückter. Denn die Ingenieure bei Porsche haben nicht nur einen Kanal vom Motorraum in die A-Säule gelegt, der das Ansaugeräusch des Achtzylinders über eine Membran in den Innenraum überträgt, was eine ebenso verspielte wie geniale Idee ist. Nein, sie lassen im Sportmodus über Zünd-, und Einspritzpumpensteuerung immer wieder unverbranntes Benzin in den Auspuff spucken, was sich dann an den heißen Rohren entzündet.
Jeder Schaltvorgang wird mit dann einem satten "Fapp!" im Auspuff quittiert, oder aber mit einem "Fappppbopp!". Nimmt man den Fuß vom Gas, macht es von hinten "Braaaaaaablblblblblbl." Dann klingt der Panamera plötzlich wie ein Supersportwagen der siebziger Jahre. Was sich da an Geräuschkulisse in der Auspuffanlage aufbaut, wird jedem, der für die sinnliche Seite von Autos zugänglich ist, glücklich machen.
Gleichzeitig ist es, wie fast alles bei diesem Auto, eine Glaubensfrage. Klar, das Auspufforchester spielt nur virtuos auf, weil es der Computer so will. Der Sound wird künstlich kreiert, es wird eine Illusion erzeugt. Man könnte also durchaus argumentieren, der laszive Klang des Panamera GTS sei so echt wie ein Busenwunder mit Silikonbrüsten.
Man kann bestimmt vieles schlimm finden an der Panamera-Baureihe und ihrem jüngsten Spross, dem GTS. Und man kann vieles diskutieren. Nur eines nicht: Dass sich der Wagen trotz seiner Leibesfülle auf der Rennstrecke pudelwohl fühlt. Und das ist die wahre Leistung der Ingenieure - dass nicht irgendwelche Computerprogramme das Auto zähmen, sondern ein Fahrwerk geschaffen wurde, das es dem Fahrer ermöglicht, das Auto selber zu zähmen.
Die meisten Käufer werden diese Qualitäten nie erleben. Sie kaufen sich den GTS, weil er 30 PS mehr Leistung hat als die Basisausführung. Oder weil er 40.000 Euro mehr kostet und sie sich deswegen vom Panamera-Plebs absetzen können. Kaum einer von ihnen aber wird den GTS dahin ausführen, wo er aufblüht. Kaum einer wird die Anmut erleben und die Verwandlung. Wie aus einer dicken, etwas ungelenk wirkenden Lady ein kleine, zierliche Balletttänzerin wird, die durch die Kurven tanzt. Und das ist das eigentliche Drama bei diesem Auto.