Noch einmal zur Fahrstunde Die Reifeprüfung

Seit der Führerscheinprüfung sind Jahrzehnte vergangen. Wie schlägt sich ein gestandener Fahrer, wenn er noch einmal in einem Fahrschulwagen einsteigen muss? Ein Selbstversuch.

Von Kai Kolwitz

Kai Kolwitz

"Bei der nächsten Kreuzung fahren wir links", sagt Peter Görner vom Beifahrersitz. Also: vorsichtig einkuppeln, langsam losfahren. Blinker setzen, Schulterblick. Von vorne brummelt ein gutmütiger Diesel, neben meinem hängt ein zweiter Innenspiegel. Déjà-vu, wie damals in den frühen Neunzigern. Damals habe ich zum letzten Mal in einem Fahrschulauto gesessen.

Dass ich es heute wieder tue, liegt daran, dass ich gern wissen möchte, ob ich die Führerscheinprüfung noch bestehen würde. Und welche Unarten ich mir beim Fahren in gut 20 Jahren angewöhnt habe. Die Rolle des Aufpassers übernimmt Fahrlehrer Görner. Er ist 53 Jahre alt und unüberhörbar geborener Berliner. Ein entspannter Typ und ein geduldiger Erklärer. Görner leitet die Fahrschule "Audimax" im Berliner Bezirk Pankow. Die führt nicht nur Fahranfänger zum Führerschein, sondern sie bildet zum Beispiel auch Berufskraftfahrer aus - oder andere Fahrlehrer.

Los geht's. "Spiegel haben Sie eingestellt?", fragt Görner. Ja, habe ich, aber offenbar zu schlampig. Ich korrigiere mal eben während der Fahrt - und bleibe prompt auf der Kreuzung hängen, während der Querverkehr schon grünes Licht bekommt.

Etwa ein Drittel der Kandidaten fällt bei der Prüfung durch

Ich gucke Richtung Beifahrersitz, Görner lächelt, man könnte das aber auch als Schadenfreude interpretieren. Wann darf ich eigentlich in eine verstopfte Kreuzung einfahren? "Sie müssen an der Linie abwarten, bis hinter der Einmündung wieder eine Fahrzeuglänge Platz ist", erklärt der Profi. Hätte ich einen strengen Prüfer erwischt, dann wäre ich jetzt schon durchgefallen.

"Auch Fußgängerfurten oder Querungshilfen in der Mitte der Straße dürfen Sie nicht zustellen", erklärt Görner. "Wie soll eine Mutter mit Kinderwagen da sonst durchkommen. Sie müssen sogar größere Einfahrten freihalten, die von Tankstellen oder Supermärkten."

Fahrschule heute: Parkpieper dürfen in der Prüfung benutzt werden
Kai Kolwitz

Fahrschule heute: Parkpieper dürfen in der Prüfung benutzt werden

Stimmt völlig, macht keiner hier, aber da muss ich in Zukunft drauf achten. Etwa ein Drittel aller Prüfungskandidaten geht übrigens in Berlin ohne Führerschein nach Hause, die Durchfallquote hier liegt deutschlandweit an der Spitze. In der Regel sind es die Klassiker, an denen die Prüflinge scheitern: Stoppschilder überfahren, Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht beachtet oder den Spurwechsel nicht richtig ausgeführt: "Die Reihenfolge der Blickführung ist vorgegeben", beschreibt Görner: "Erst Innenspiegel, dann Außenspiegel, dann Schulterblick."

Fahrlehrer sind auch Gewohnheitsmenschen

Zum Glück läuft der Verkehr jetzt wieder flüssig. Aber mein Beifahrer scheint Spaß daran zu haben, mir alle kniffligen Ecken seines Bezirks zu zeigen. Scharf links in eine Hauptstraße einbiegen, eine alte Allee mit Kopfsteinpflaster. Bäume machen es unmöglich zu erkennen, ob von rechts Verkehr kommt. "Da können Sie mit Ihrer ersten Handlung schon alles falsch gemacht haben", kommentiert Görner und lächelt wieder. "Aber es gibt Situationen, da wird Sie ein Fahrprüfer normalerweise nicht hineinschicken. Weil das einfach unfair wäre."

Wer heute seinen Führerschein macht, der darf übrigens Parkpiepser und Berganfahrhilfe nutzen, wenn sie eingebaut sind. So etwas gab es zu meiner Zeit noch nicht. Und Notbremsungen trainiert man seit einer Weile auch im Fahrschulwagen. Hat ein Fahrlehrer manchmal Angst im Auto? "Nur, wenn jemand sehr schreckhaft ist", sagt Görner. "Solche Fahrer neigen zu spontanen Handlungen." Und: Würde er selbst denn heute noch bestehen? "Dadurch, dass ich weiß, was der Prüfer sehen will, wäre ich wohl ein bisschen im Vorteil", kommt die Antwort von rechts.

"Man darf aber auch nicht vergessen, dass Anfängern, die ganzen Automatismen fehlen, die erfahrenere Fahrer möglicherweise haben", erklärt er weiter. "Deshalb müssen die sich komplett auf die Basics verlassen." Darum wird zum Beispiel die genaue Reihenfolge der Blicke so oft trainiert, auch wenn ich mich seit Jahren nicht mehr gefragt habe, wann ich vor dem Abbiegen wohin geguckt habe.

Schnelle Reaktion, doch Beifall gibt es nicht

Zu viel Routine ist allerdings auch nicht gut: Vor dem S-Bahnhof Pankow staut sich der Verkehr auf der linken Fahrspur, also geguckt, geblinkt und rübergezogen. Aber Beifall bekomme ich für die schnelle Reaktion nicht. "Haben Sie den Radfahrer gesehen?" fragt Görner. Der war auf dem Radweg und ziemlich schnell. Das sehe ich allerdings erst, als er rechts am Fahrschulwagen vorbeizieht. "Der hätte auf die Straße wechseln können, das müssen Sie einkalkulieren." Mist. Ich ärgere mich, weil er recht hat.

Wir weichen noch ein wenig in die Seitenstraßen aus, ich umfahre Radler aus, lasse eine Mutter mit Kind durch und vergeige einmal Rechts vor Links. Dann ist es Zeit für ein Fazit, mein Fahrlehrer ist ein höflicher Mensch: "Ich kann Ihnen eine sehr umsichtige Fahrweise bescheinigen", sagt der Profi. "Auch Ihre Verkehrsbeobachtung ist sehr gut, Sie haben Situationen schnell erkannt und die toten Winkel gut im Auge gehabt."

Also bestanden? Mein Fahrlehrer lächelt wieder. Dann antwortet er, sehr freundlich: "Wenn man schon eine Weile fährt, dann schwimmt man so mit. Dann achtet man vielleicht nicht mehr auf jede Geschwindigkeitsbegrenzung…" Der Rest sind viele kleine Schlampereien: vergessene Blinker, durchgezogene Linien - "…und die Formel Eins fährt auch nicht mit nur einer Hand am Lenkrad."

Also Fahren okay, aber Prüfung nicht bestanden? Görner blickt lange auf den Helm in meiner Hand: "Sie sind mit dem Fahrrad da?" fragt er und antwortet zweideutig: "Das ist ja auch viel besser für die Stadt."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
nichtdoch 04.01.2016
1. Was soll der daemliche Schulterblick?
Im heutigem dichten verkehr genuegt es wenn man beide Spiegel benuetzt und mit etwas koennen weiss man auch dass niemand neben einem ist. Macht man den so vielgeliebten Schulterblick und der Vorderman bremst ab,ist man der Dumme wenn man den Vordermann in den Kofferaum knallt!
behemoth1 04.01.2016
2. Die Reifeprüfung
Viele Fahrer, die es wagen würde ihre Fahrprüfung, so wie auch ihr Abitur erneut auf die Probe zu stellen, würden durchfallen, denn man wird nicht ständig die erforderlichen Richtlinien absolvieren, da man seinen eigenen Weg gegangen ist. Darum ist es sinnlos danach zu fragen. Die Welt und auch unserer eigenes Leben dreht sich nun mal weiter und kaum einer wird sein Schulwissen auf Ewigkeit genauso nachvollziehen können.
Stäffelesrutscher 04.01.2016
3.
»Erinnern Sie das noch?« Erinnern Sie sich noch daran, wie das damals im Deutschunterricht war?
morpheus175 04.01.2016
4. Dämlicher Schulterblick? Wie bitte????
Zitat von nichtdochIm heutigem dichten verkehr genuegt es wenn man beide Spiegel benuetzt und mit etwas koennen weiss man auch dass niemand neben einem ist. Macht man den so vielgeliebten Schulterblick und der Vorderman bremst ab,ist man der Dumme wenn man den Vordermann in den Kofferaum knallt!
Blinken und Schulterblick sind absolute Basics und zwar nicht, weil man die blöden Autofahrer schikanieren möchte, sondern weil beides für die Sicherheit auf der Straße elementar ist. Viele Autos haben mittlerweile Außenspiegel, die mit ihrem erweiterten Erfassungsbereich den toten Winkel größtenteils abdecken, aber dennoch nicht vollends eliminieren. Mich hat ein flüchtiger Blick über die Schulter in meinem Autofahrerleben schon mehrfach vor brenzligen Situationen bewahrt. Tja und ein Autofahrer hat mich mal fast vom Motorrad geschossen, weil er auf den Schulterblick verzichtet hatte. Und nein, ich bin nicht wie ein gestörter von hinten angeschossen gekommen, sondern zog auf der Stadtautobahn sehr gemächlich an ihm vorbei. Ach und wenn ein flüchtiger Blick über die Schulter ausreicht, damit sie jemandem hinten rein knallen, dann fahren Sie deutlich zu dicht auf!!! Das ist nicht die Schuld des Schulterblicks (ist mir übrigens 1994 mal passiert - war schlicht und einfach meine Schuld - und ich habe mir den Schulterblick deswegen sicher nicht abgewöhnt). Zu wissen, ob jemand neben einem ist, hat nichts mit reinem Können zu tun. Ich weiß das auch in 99% der Fälle, aber NIEMAND ist stets zu 100% aufmerksam und voll konzentriert. Tja und irgendwann ist dann dort doch jemand, den man dort nicht vermutet. Sei es, weil man unaufmerksam war, aber es gibt auch Situationen in denen sich jemand so ungünstig annähert, dass man ihn auch bei aller Aufmerksamkeit nicht bemerkt. Das passiert sehr, sehr selten aber genau das sind die Situationen in denen es wichtig ist, den Schulterblick verinnerlicht zu haben.
bernd.stromberg 04.01.2016
5.
Zitat von nichtdochIm heutigem dichten verkehr genuegt es wenn man beide Spiegel benuetzt und mit etwas koennen weiss man auch dass niemand neben einem ist. Macht man den so vielgeliebten Schulterblick und der Vorderman bremst ab,ist man der Dumme wenn man den Vordermann in den Kofferaum knallt!
Hellseherische Fähigkeiten, oder wie? Der Schulterblick erlaubt ja eben gerade den Blick in den sogenannten "toten Winkel" den man eben gerade NICHT über die Spiegel sehen kann...
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