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Management Die Rückkehr der Rentner

Gefragte Rentner: Das Know-how der Silberrücken Fotos
DPA

Lebensklug statt karrieregeil: Pensionäre kehren als Vorstände zurück, Manager über 50 sind gefragt. Die Unternehmen lernen die Erfahrung der Power-Oldies zu schätzen - und bereuen ihre eigenen Frühverrentungsorgien von früher.

Der Blick in Volker Steinwaschers Kalender auf seinem Schreibtisch in Schanghai lässt weniger robuste Zeitgenossen erschauern. Flug nach Peking, Termin im Wirtschaftsministerium. Flug zur Insel Hainan, Autos testen. Ganztägiges Meeting im Werk. Wochenende geblockt für den Besuch einer Delegation chinesischer Industrievertreter. Alle anderen Tage: Meeting nach Meeting, kein Mittagessen. Für einen Blick auf die Glastürme von Pudong und den glitzernden Huangpu River bleibt kaum Zeit.

Typischer Manageralltag, nichts Besonderes eigentlich - bis auf ein winziges Detail: Steinwascher ist 70. Er könnte seit zehn Jahren im Vorruhestand gemütlich über Golfplätze schlendern, so wie die meisten seiner Ex-Kollegen bei Volkswagen. Doch der frühere USA-Statthalter des Wolfsburger Konzerns wollte das nicht, er braucht ein Projekt.

Das bekam er auch, genau genommen das aufregendste, coolste Projekt seiner Laufbahn, auf das in diesem Jahr die gesamte Autowelt schaut: Als Vice Chairman eines chinesisch-israelischen Joint Ventures baut er Qoros auf, die erste Automarke aus China, die auch auf westlichen Märkten konkurrenzfähig sein will. Im Herbst soll das erste Modell auf den Markt kommen. Operativ verantwortlich ist der Chinese Guo Qian, doch Steinwascher wirkt als Mastermind.

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Rentner mit Mission: Weltreise mit Rezepten im Koffer
Ganze fünf Tage Golfplatz hatte der Manager hinter sich, als ihn 2006 per Handy die Anfrage seines Investors Idan Ofer von Israel Corp. ereilte, ob er sich nicht langweile. Da war er längst reif für neue Abenteuer: "Immer nur Bücher lesen und Urlaub machen, das muss man auch irgendwie üben." Steinwaschers Führungskraft-Gene hatten ein Leben lang anderes geübt: "etwas zu bewirken, zu verändern". Also traf er sich mit Ofer, und die Qoros-Story begann.

Wie der Autonarr im Fernen Osten seine Zeit verbringt, ist mehr als die Marotte eines Beinahepensionärs mit zu viel Benzin im Blut. Tatsächlich ist Steinwascher Trend: Statt auf Kaffeefahrten und Golfplätzen finden sich Rentner zunehmend wieder in den Unternehmen ein - bis hinauf in die Chef-Etage.

Ihr Wissen und ihr gelassener Elder-Statesman-Habitus à la Helmut Schmidt sind gefragt wie nie. Nach jahrzehntelangen Träumen von ewiger Jugend steht jetzt die Schmidtisierung der Wirtschaft an.

Manche kehren nach mehr oder weniger ausgedehnter Pause auf ihren alten Posten zurück, wie kürzlich der alte - und neue - CEO von Procter & Gamble, A. G. Lafley, 66. Oder Infosys-Chef Narayana Murthy, der vor Jahren den Topmanagern seines Unternehmens eine Altersgrenze von 65 Jahren verordnete - und jetzt mit jugendlichen 66 Jahren erneut an Bord ist, um den indischen IT-Dienstleister wieder auf Erfolg zu takten.

60 ist das neue 50 - und 70 das neue 60

Andere verlassen ihre Wirkungsstätte erst gar nicht richtig, wie die Mitarbeiter der Bosch Management Support GmbH (BMS) und anderer Oldie-Verbände deutscher Konzerne, die ihrer Firma weiter als Berater, Interimsmanager oder Coachs zur Seite stehen. 2011 gingen fast doppelt so viele Personen im Rentenalter einer Beschäftigung nach wie noch zehn Jahre zuvor - keine andere Altersgruppe kann eine solche Dynamik vorweisen. Beinahe überall in der EU ist die Zahl der arbeitenden Rentner seit 2001 stark gestiegen.

Der neue Run auf die Rüstigen wird von drei Seiten befeuert:

  • Weil die Menschen länger leben und später krank werden, sind die Pensionäre fitter: 60 ist das neu 50. Und 70 das neue 60.
  • Das gesellschaftliche Bild vom Alter hat sich gewandelt: Statt mit dem Rollator durch verkehrsberuhigte Zonen zu trotten, sind heutige Rentner durch die Bank aktiver und selbstbewusster als frühere Generationen.
  • Die Unternehmen spüren den Druck des demografischen Wandels. Bis 2060 wird jeder dritte Deutsche 65 Jahre und älter sein - auf ihre Erfahrung und ihr Know-how zu verzichten wird sich kaum eine Firma und keine Nation auf Dauer leisten können.

Altenglühn statt Schnabeltasse

Lafley, Steinwascher oder die Senioren bei Bosch sind die Pioniere einer Gesellschaft, zu der sich die Republik entwickeln muss - wenn Produktivität, Innovation und eine ausreichende Zahl an Arbeitskräften erhalten bleiben sollen. Noch steht das Altenglühn am Anfang, der jobbende Pensionär ist längst nicht die Regel. Aber schon jetzt steht fest: Die Power-Oldies werden die Art, wie Arbeit organisiert wird, drastisch verändern.

Ein Rezept, um auch im fortgeschrittenen Semester noch fit und alert zu sein, besitzt Steinwascher nicht. Er hat einfach immer getan, was ihm Spaß machte - "arbeiten". Schon sein Vater, ein Familienunternehmer, hielt seinem Lebenswerk fast bis ans Sterbebett die Treue. Leistungswille, gepaart mit körperlicher Robustheit, liegt in der Familie. Wenn der Automanager einmal im Monat für eine Woche bei seiner Frau in Hannover weilt, radelt er nach dem Aufstehen gern 20 Kilometer um den Maschsee. Dazu ab und an ein Golfnachmittag - das war's schon mit der Ertüchtigung.

Dafür kann Steinwascher aber quer durch die Zeitzonen schlafen. Business Dinner versucht er zu meiden; nach dem Abendessen baut er Entspannungszeit ein: "Danach kann ich dann wieder ein paar Stunden E-Mails abarbeiten." So wird aus dem kräftezehrenden Dauereinsatz kein ungesunder Dauerstress. Nur "36 Stunden durcharbeiten, wie häufiger in meiner VW-Zeit", das muss er sich heute nicht mehr geben.

Noch vor einer Generation wurde Altern gleichgesetzt mit rapide sinkender geistiger Feuerkraft. Pensionäre waren die mit der Schnabeltasse und den endlosen Erzählungen von früher. "Seither hat die Wissenschaft kräftig aufgeräumt mit negativen Altersstereotypen", sagt Hartmut Buck vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation.

Das Know-how der Silberrücken

Die Silberschläfen, so das Fazit der Forscher, geraten zwar gegenüber Jüngeren ins Hintertreffen, wenn es darum geht, sich in Windeseile fuderweise Fakten ins Hirn zu schaufeln. Doch was Kommunikation, Planung oder Prozesssteuerung angeht, macht ihnen keiner was vor - diese "kristalline Intelligenz" steigt bei aktiven Menschen im Alter sogar weiter an.

Zudem sind die Rentner heute objektiv fitter als ihre Vorgänger: Sie haben sich gesünder ernährt, mehr Sport getrieben und Sudokus gelöst, genossen bessere Bildung und medizinischen Fortschritt, waren weniger schädlichen Umwelteinflüssen oder schwerer körperlicher Arbeit ausgesetzt. Sie profitieren von einer Entwicklung, die Mitte des 19. Jahrhunderts begann: Seither steigt die Lebenserwartung in entwickelten Ländern kontinuierlich um fast drei Monate pro Jahr.

Setzt sich der Trend fort, stehen die Chancen, 100 Jahre alt zu werden, für heutige Neugeborene bei sagenhaften 1:1. "Wichtiger noch ist, dass die Zahl der gesunden Lebensjahre wächst - ein 60-Jähriger heute ist biologisch wie ein 50-Jähriger vor 20 Jahren", sagt Ursula Staudinger, Dekanin des Zentrums für lebenslanges Lernen an der Bremer Jacobs University. All jene, die sich schon immer jünger fühlten, haben es jetzt amtlich: 60 ist tatsächlich das neue 50. "Nie", so ein Buchtitel über die Midlife-Boomer, "war es spannender, älter zu werden".

"Die Altersgrenze hat sich kontinuierlich nach oben verschoben"

So sind es denn längst nicht mehr nur die knorrigen Patriarchen vom Schlage eines Gerry Weber, 72, Harro Uwe Cloppenburg, 72 oder Albert Darboven, 77, die auf die Regelarbeitszeit pfeifen und das Heft in ihren Familienunternehmen nicht aus der Hand geben.

Zunehmend starten auch angestellte Manager in den gewonnenen Jahren noch mal durch: Oswald Grübel, 69, etwa, der aus dem Ruhestand zurückkehrte, um die Schweizer Bank UBS aus dem Tal der Tränen zu hieven. Mario Draghi, der mit 65 den nervenzerfetzenden Kampf um den Euro führt. Oder Hartmut Mehdorn, 70, der erst Air Berlin und jetzt dem Hauptstadtflughafen (BER) wieder Wind unter die Flügel pusten soll.

Auch für die Ebenen darunter ist das Know-how der Silberrücken wieder attraktiv. "Die Altersgrenze bei Executive-Suchen hat sich kontinuierlich nach oben verschoben. Die 50-Jahre-Schallmauer ist passé", sagt Claudia Scheuvens, Partnerin bei Odgers Berndtson und selbst 63 Jahre alt. "Immer öfter werden wir sogar ausdrücklich aufgefordert, ab Mitte 50 zu suchen."

Für die VEPs ("Very Experienced Persons") gibt es spezielle Executive-Education-Programme; soziale Netzwerke wie Masterhora knüpfen im Internet Kontakte zwischen Ruheständlern und Firmen. Bei der Telekom ist laut Personalvorstand Marion Schick "jeder ein Talent, unabhängig vom Alter"; die Commerzbank will bei ihrem geplanten Abbau von 5200 Stellen ausdrücklich Ältere schonen. Dass sich auf diese Weise auch viele Euros an Abfindung sparen lassen, ließ Personalvorstand Ulrich Sieber unerwähnt; lieber betonte er: "Wir brauchen das Erfahrungswissen."

"Alte Besen wissen, wo der Dreck liegt"

Womit er natürlich recht hat. Die grauen Schläfen der Erfahrenen suggerieren Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. "Silver Workers" mögen nicht die neueste Software bis in die letzte Programmzeile kennen - aber sie wissen, wie man Lösungen sucht, teure Anfängerfehler vermeidet und mit wem im Konzern man reden muss. Alfred Odendahl, 66, Leiter der Bosch Management Support GmbH, formuliert das so: "Neue Besen kehren gut. Aber die alten wissen, wo der Dreck liegt."

Am besten spielen sie ihre Stärken im Mix mit Jungen aus. Kein Zufall etwa, dass sich der neue Deutschland-Chef von Axa, der juvenile Thomas Buberl, 40, im vergangenen Herbst älteren Beistand an die Seite holte: Der lang gediente Personaler Manfred Engelking, 64, rückte in den Vorstand auf.

"Ältere haben eine innere und meist auch finanzielle Unabhängigkeit, sie agieren mit mehr Überblick", sagt Jacqueline Bauernfeind, Partnerin der Personalberatung Board Consultants International in München. Sie müssen nicht mehr tricksen, weil sie schon längst aufgestiegen sind: lebensklug statt karrieregeil. Und sie reagieren gelassener und souveräner in Krisen, weil sie wissen, dass es nach jedem Tal wieder aufwärtsgeht. Wichtiger noch: Sie haben es selbst erlebt. Mehrfach.

Auf der Topebene werden sie gern als Feuerwehr gerufen, wenn in großer Turbulenz eines am dringendsten gebraucht wird: Ruhe. "Weil ein erfahrener CEO im Rentenalter kaum etwas zu verlieren hat, kann er in einer Krise als Schutzschild nach außen wirken und nach innen motivieren", sagt Ulrike Wieduwilt, Partnerin bei Russell Reynolds in Hamburg. Aktuelles Beispiel: Hartmut Mehdorn. Ohnehin längst zum "Lieblingsprügelknaben der Nation" ("Süddeutsche Zeitung") erkoren, sollen die Schläge der BER-Kritiker an ihm abprallen - und seine Mannschaft ungestört arbeiten.

Die Frühverrentungsorgien rächen sich

Das Blitzableiterkalkül ist derart verführerisch, dass selbst eine Ikone der Talentförderung nicht widerstehen konnte. Im derzeit spektakulärsten Fall von reaktivierter Oldie-Power schasste Procter & Gamble (P&G) den glücklosen Bob McDonald, der Marktanteile verloren sowie den Aktienkurs nicht zufriedenstellend gesteigert hatte. Und installierte den Ex-CEO ein zweites Mal auf dem Chefsessel: A. G. Lafley reloaded.

Spektakuläre Leuchtturmmanager wie er werden dringend benötigt. Denn bei aller Euphorie über die neuen Alten an der Spitze - im Active-Aging-Trend hat Deutschland noch Nachholbedarf. Nur acht Prozent der Unternehmen im Land suchen laut einer Studie von Mercer und der Bertelsmann Stiftung gezielt nach Arbeitnehmern über 50. In der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen liegt die Erwerbsbeteiligung bei rund 60 Prozent - Länder wie Island können auf fast 80 Prozent verweisen.

2012 waren keine fünf Prozent der über 65-Jährigen erwerbstätig - in Norwegen waren es 17,7, in der Schweiz fast elf Prozent. "Viele Unternehmen kennen zwar die demografischen Risiken, aber nur ganz wenige haben ihre Organisation angepasst", sagt Heike Bruch, Direktorin am Institut für Führung und Personalmanagement der Uni St. Gallen.

Langsam, aber sicher beginnen sich die Frühverrentungsorgien der Vergangenheit zu rächen. Als volkswirtschaftliche Katastrophe gelten sie schon länger.

Berufstätige Rentner sind zufriedener

"Wenn die Unternehmer heute über den Ingenieursmangel klagen, dann sage ich denen klipp und klar: Es ist noch keine zehn Jahre her, da haben Sie Ingenieure in den Vorruhestand geschickt", spottet Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Dabei zeigen zahlreiche Studien, dass berufstätige Rentner zufriedener sind. Viele wollen auch gern länger arbeiten - wenn die Rahmenbedingungen stimmen: flexible Arbeitszeiten, Gesundheitsvorsorge, altersgerechte Arbeitsbedingungen.

Genau das aber vermissen gerade Manager in den Firmen, wie eine Umfrage für den Deutschen Führungskräfteverband (ULA) ergab. Im entsprechenden Umfeld wären 27 Prozent der Befragten bereit, bis zur Regelrente zu arbeiten - und 31 Prozent sogar darüber hinaus. "Das Jahrzehnt zwischen 57 und 67 muss personalpolitisch neu erfunden werden", sagt Martin Kraushaar, Geschäftsführer im VAA, der die Führungskräfte in der Chemiebranche vertritt. Denn die Senioren müssen ja nicht arbeiten - nur jeder Dritte tut es des Geldes wegen. Wer sie halten will, muss auf ihre Bedürfnisse eingehen, muss freiere Zeiteinteilung und spannende Projekte bieten.

Mittlerweile sind zwar einige Unternehmen dem Beispiel von Bosch gefolgt und beschäftigen die Silver Worker als interne Berater: Bayer etwa, Daimler, Allianz oder auch der Versandhändler Otto. Autoteilelieferant Brose schaltete bereits 2003 den Slogan "Senioren gesucht"; der Sensorenhersteller Sick präsentiert sich seit mehr als zehn Jahren bewusst offen für Ältere. Trainings von Englisch bis IT und intensive Gesundheitsvorsorge halten die Mitarbeiter fit. Ursprünglich gedacht, um gegen Dickschiffe wie Bosch oder Daimler punkten zu können, sieht sich die Firma aus dem badischen Waldkirch nun gut aufgestellt im kommenden Demografiesturm.

Von wenigen Vorreitern abgesehen, "haben die meisten Unternehmen ihr Altersbild aber noch nicht an die Realität angepasst", bemängelt Jürgen Deller. Der Professor für Wirtschaftspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg fordert eine Personalentwicklung, die sich von der traditionellen "Bogenkarriere" (ab 50 geht es abwärts) verabschiedet und Arbeitszeit konsequent an den Lebensphasen ausrichtet. Mit einer Fortbildung alle drei Jahre ab 50 ist es dann nicht mehr getan.

Mehr Flexibilität wagen

An die Stelle von Arbeitsverträgen, die nach wie vor den Job in den allermeisten Fällen mit Erreichen des gesetzlichen Rentenalters für beendet erklären, könnte ein Arbeitszeitkonto treten, das sich flexibel über die gesamte Berufslaufbahn erstreckt. "Aber die Politiker haben zu viel Angst vor dem Thema", sagt Deller, "sie fürchten, die Menschen glauben, jeder müsste dann bis 75 arbeiten." Auch die Gewerkschaften sind oft skeptisch. Ihre Sorge: Die Alten nehmen den Jungen die Arbeitsplätze weg. Internationale Vergleiche belegen aber das Gegenteil.

Die Folgen des Nichtstuns werden bald zu besichtigen sein: Allein der demografiebedingte Rückgang des Arbeitsvolumens wird zwischen 2020 und 2035 jährlich einen halben Prozentpunkt Wirtschaftswachstum kosten, rechnet der Sachverständigenrat vor. Wenn viele Ältere weiter wenig und wenige Junge weiter viel arbeiten, wird in Deutschland schon 2025 acht Prozent weniger geschafft als im Jahr 2005.

Mit fatalen Folgen auch für die Rente: Bleibt alles beim Alten, müsste der Rentenbeitrag bis 2030 auf 23,9 und bis 2050 auf 25,7 Prozent steigen - während sich das Rentenniveau gleichzeitig um rund ein Viertel verringert. Mit einer Erwerbsquote Älterer wie etwa in Island bliebe der Rentenbeitrag bis 2030 bei 20,9 Prozent - und mehr Führungskräfte gäbe es auch.

An der Spitze wird es luftig

Denn auch an der Spitze wird es bald luftig werden. Schon in zehn Jahren, prophezeien Personalberater wie Heads-Gründer Christoph Zeiss, stehen nicht mehr genügend der so beliebten Fourty-somethings für Vorstandspositionen bereit. Die Altersgrenzen wiederum, die fast alle Konzerne für ihre Vorstände festgeschrieben haben, demotivieren die reiferen Semester - und treiben sie aus den Unternehmen. "Wenn ein 50-Jähriger keine Perspektive mehr für sich sieht, geht er und nimmt drei Aufsichtsratsmandate an. Das ist ähnlich lukrativ", meint Zeiss.

Damit mehr tatkräftige und leistungsfähige Manager auch im Rentenalter weiter berufstätig bleiben, muss sich viel ändern im Land. Neben der Altersgrenze für Vorstände, die flexibler sein sollte, etwa auch die Praxis mehrjähriger Verträge für die Konzernspitzen. Allzu oft, klagen Aufsichtsräte, wirken die Fünfjahreskontrakte der Topmanager als Hürde für Ältere: Will man sie wegen Leistungsabfalls loswerden, müsste gleich eine happige Abfindung her - dann stellt man sie lieber gar nicht ein.

Volker Steinwascher bei Qoros in Schanghai hat sich deshalb einen "quasi unbefristeten" Vertrag geben lassen: "Ich kann arbeiten, so lange und so viel ich Lust habe." Eine Kündigungsklausel ermöglicht beiden Seiten die unkomplizierte Beendigung der Zusammenarbeit: "Der Rest ist Vertrauen."

Im Umgang mit den Alten, so scheint es, ist die junge, ehrgeizige Aufstiegsnation China den alternden Deutschen einmal mehr einen Schritt voraus. Hier, da ist sich Steinwascher sicher, hätte er ein solches Angebot nie bekommen.

  • Eva Buchhorn und Klaus Werle sind Redakteure beim manager magazin. Dort erschien dieser Text in einer geringfügig längeren Fassung zuerst.

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1. Thema Glück
Koana 19.11.2013
Zitat von sysopDPALebensklug statt karrieregeil: Pensionäre kehren als Vorstände zurück, Manager über 50 sind gefragt. Die Unternehmen lernen die Erfahrung der Power-Oldies zu schätzen - und bereuen ihre eigenen Frühverrentungsorgien von früher. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/rentner-auf-dem-arbeitsmarkt-senioren-als-gefragte-experten-a-932175.html
Ein Leben ohne Management ist ein glückliches Leben - zumindest was mich betrifft. Es gibt Probleme, in jedem Leben, für jedes Individuum. Diese Probleme lasse ich nicht lösen, die löse ich seit meiner Jugend selber. Sobald Ratschläge kostenpflichtig erteilt werden, kann man getrost darauf verzichten. Es sei den, man glaubt selber nicht an seinen eigenen Verstand. Konzerne sind schlicht Gruften, Gruften in denen die Leben Tausender lebendig begraben werden, auch jenes der dort tätigen Manager. Vielleicht sollten die Menschen schlicht wieder an sich selbst glauben - nicht an die "Führung".
2. Ausgerechnet...
achja?! 19.11.2013
... den Artikel mit Herrn Mehdorn zu bebildern, grenzt schon an Realsatire. Was wäre der Bahn, Air Berlin und dem Flughafen Berlin ohne diesen Herrn erspart geblieben?
3. Und dazu das Bild von Dauerversager Mehdorn
reifenexperte 19.11.2013
Wenn der noch ein paar Jahre weitermacht, kann der Gesamtschaden seines Wirkens noch um ein paar Milliarden Euro steigen.
4. Sie sind so unnötig wie ein Kropf
bernhard29 19.11.2013
Mit Sicherheit spielt auch der Bedeutungsverlust für die Rückkehr ins Unternehmen eine große Rolle. Wenn man als Werkleiter hunderten Menschen jeden Tag sagt was Sie zu tun haben hat man in Rente ein Problem damit wenn die Ehefrau einen morgens zum Brötchen holen schickt. Der Machtverlust und die Bedeutungslosigkeit macht dann diese Menschen krank. Allein mit einer geschrumpften Familie denn im Regelfall sind die Kinder aus dem Hause kommen die ehemaligen Manager nicht mehr zurecht. Zudem fehlt auch die hübsche Sekretärin die diesen Leuten dienstlich und in vielen Fällen auch privat jeden Wunsch von den Augen abgelesen hat. Aber eigentlich braucht niemand mehr diese Altmanager und Besserwisser, Jüngere die vorher gut vorbereitet wurden können das auch.
5. Wolkenkuckucksheim
dipl.inge82 19.11.2013
Der Artikel liesst sich super. Dumm nur dass die allerwenigsten Arbeitnehmer irgendwann in ihrer Berufslaufbahn im Management tätig sind oder auch nur ansatzweise einen solchen Lebenslauf vorzuweisen haben wie die genannten Protagonisten. Und deshalb haben Sie es unendlich schwer ab 50 wieder eine halbwegs adäquate Anstellung zu finden, geschweige denn zu altersgerechten Bedingungen. Also halten Sie sich schön fest an ihrem Stühlchen um gar nicht erst in die Situation zu kommen. Ich kenne sogar etliche 60+ die am liebsten bis zum letzten Atemzug arbeiten würden, sowohl in Führungspositionen als auch weit darunter. Interessanterweise haben auch diese lange Zeit über ihre Tätigkeit, ihren Vorgesetzen oder ihren Arbeitgeber hergezogen. Aber als es auf den Ruhestand zuging kam die Erleuchtung, dass es ausser dem Job eigentlich nie viel gab, an dem man sich orientieren konnte, wie im Artikel schon beschrieben. Hobbys Fehlanzeige, die Ehe eh nur noch pro forma. Also was tun mit den 24h am Tag? Da tröstet auch die fette Rente nicht. 40 Jahre lang hat man sich nur über den Beruf identifiziert. Klar das danach erst mal ein Fragezeichen kommt. Zum Glück haben die Jungen das Problem nicht. Die werden es kaum schaffen den grössten Teil ihres Selbstwertgefühls über ihren Job zu erlangen. Dank befristeter Arbeitsverträgen in irgendwelchen outgesourcten Dienstleistern für kleines Geld. In der Brigitte (kein Scheixx!) stand letztens ein Bericht dazu. Tenor: wer von der Generation Y nicht seelisch vor die Hunde gehen will sucht sich lieber schon mal eine befriedigende Beschäftigung für nebenbei. Bestätigung vom Chef ist in den letzten 1,5 Dekaden abgeschafft worden. So denn, ich muss dann zu meinem Oldtimer in die Garage...
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