Buchkritik Rainald Goetz: "Rave" - Lustige Technoiden

Rainald Goetz mischte sich als Spion der Daheimgebliebenen unter die Raver. Zurück kam er mit einem Stroboskop-Text.

Von Cristina Moles Kaupp




Nicht schon wieder: Stories aus der Technowelt zwischen Buchdeckeln plattgequetscht. Aufgestylt zum Gegenstand des allgemeinen Interesses, weil wieder einer geschrieben hat, wie es zugeht in der Nachtwelt. Wo sich heute ja keiner mehr auskennt. So daß man Spione braucht, richtige natürlich, durch massenhaft Drogenselbstversuche geadelt. Die dann berichten vom ewig neuen Lebensgefühl. Authentisch natürlich, im Rhythmus der Musik und ein bißchen intellektuell.

Autoren wie Rainald Goetz zum Beispiel. Der kennt sich aus, ist radikal, wird von Studenten gern gelesen. Kurz - ein Ausnahmeautor, ein enfant terrible mit Dauerauftrag. Vor 15 Jahren hat der heute 43jährige mit "Irre" ein grandioses Buch geschrieben. Aber will er daran noch erinnert werden? Und an die ach so skandalösen Blutstropfen, die ihm hübsch die Denkerstirn herunterrieselten, als er sich 1983 in Klagenfurt einfach so aufschlitzte, weil auch Gedanken bluten müssen, wenn sie so wahrhaftig wie die seinen sind? Seither gab's viel wirres Zeug, an dem Goetz sich abarbeiten mußte. Ihm geht's um das Radikale, um Dekonstruktion, eine neue soziale Ordnung, um die RAF, Jeff Koons und um Westbam natürlich. Bam Bam. Ein Busenfreund.

Nun sind seine neuesten Gedanken zum Thema in dem handlichen, signalroten Bändchen "Rave" erschienen. 271 Seiten lang, Nachdenken über die Nacht, die Drogen, die Musik und die DJs. Wie man sich im Moment verliert und nach Konturen sucht, aber wenig Relevantes findet, wie so oft. Stattdessen wieder die alten Muster: Drogen, Musik, Sex und jede Menge Zeit dazwischen. Die ewige Sinnsuche. Wie unwichtig!

Goetz tigert registrierend und blödelnd durch die Nacht und das Geradeaus fällt ihm denkbar schwer dabei. Wie sich nur zurechtfinden in dem Stroboskop-Nebel? Stattdessen Brüche, scharfe Schnitte, Wiederholungen und banale Dialoge. Quälend banal. Mittenmang Gedankenblähungen ohne richtiges Ventil. Sie beschäftigen sich mit all den Themen, die längst in Zeitgeist-Magazinen und Raver-Postillen hinlänglich abgehandelt wurden. Beispielsweise die Gagen der DJs, wie legen sie auf und an welchen Beurteilungskriterien lassen sie sich messen? Was passiert in der Nacht in den engen Clubs, auf den großen Raves? All die Drogen natürlich und die auf Dauerfun programmierten Partypeople. Nachtleben eben. A trifft B unterhält sich über X, driftet weiter und hört die Musik von Y, fummelt an O und wirft mit E und I Ecstasy ein.

Banal. Real. Pop-Kultur. "Rave" hat selbstverständlich auch jede Menge Namedropping zu bieten - Hurrah, wir waren dabei. Ein Who's Who im Raver- und Medienleben, das angeberisch das Goetzsche Denk- und Handlungsrevier absteckt und einengt. Die Freunde bei Low Spirit und von Spex und vom Kulturteil der "Süddeutschen Zeitung". Man hilft sich, wo es geht und wird dafür Teil des Goetzschen Techno-Comic. Auch wenn die Party längst vorbei ist. Aber ein wahrer Kampf-Raver hält durch: "Die letzte Würde war: nicht aufzugeben jetzt. Weitermachen wie bisher. So tun als wäre nichts." Kohl weiß es schließlich auch nicht besser.

Der Technoide als Nomade in der modernen Populärkultur. Raves auf Ibiza, München, Berlin. Mayday, Love Parade und Tribal Gathering, die einstigen Camel Air-Raves nicht zu vergessen. Rainald Goetz ist immer mittenmang. Dann das Zurück in den Tag zu den Menschen, die die Nacht nicht mögen. Aber über sie schreiben. Die Berufsjugendlichen in den Redaktionsstuben mit ihren vorgefaßten Meinungen. In einer der wenigen kopflastigen Passagen von "Rave" nimmt Goetz sie aufs Korn:

"Daß, (...), wenn man über die Welt des Populären spricht, (...), dann doch irgendwann diese Kollision entstehen muß: zwischen der eigenen geistigen Form und dem realen Körperding des Prolligen. Daß dazwischen eine wechselseitige ANGST sitzt. Und genau da, an diesem Punkt der Angst und Drohung, REALE Politik und ihre Reflexion zusammenkommen. (...) Aber das Grundproblem geht auch durch dieses erkenntniskritische Manöver nicht weg: daß man sich für manche Phänomene der populären Kultur, einfach nur aufgrund der eigenen Klassenzugehörigkeit, als zunächst einmal NICHT zuständig zu qualifizieren hat, und damit eigentlich auch als UNFÄHIG, sie zu erkennen, zu verstehen und zu bewerten. (...) Statt Argumente bietet man nur: diesen schlechten, extrem billigen und abgedroschenen Sound gemeinsamer Konsense. Das ist der Spaß für die ganz Armen, die geistige Vergnügung für die Allerärmsten im Geiste."

Gut pariert. Doch Argumente hat Goetz auch keine aufzuweisen. Für was auch. Irrig die Annahme, eine neue Jugendkultur könne eine neue Gesellschaft formen. Eine neue Cliquenwirtschaft gewiß. Doch die Hahnenkämpfe um das fettere Brot, den besseren Rausch und die saftigeren Geschlechtsteile werden fortgesetzt, allen Zweifeln an der Zukunft zum Trotz.

Goetz geht es bei allem "Rave"-Geschwafel eigentlich nur um eines: Er will weiterhin zur richtigen Zeit am Schauplatz des Geschehens sein, weitermachen wie bisher. Party ohne Ende. Kann er doch. Nur wen interessiert's? "Rave" ist ein authentisches aber überflüssiges Stück Praxisbeschreibung für die Daheimgebliebenen.

Rainald Goetz: "Rave". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 271 Seiten; 38 Mark.



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