Erzählband "Trieb" Die Bestie in uns

Zu welchem mörderischen Irrsinn der Mensch fähig ist, führt Jochen Rausch in seinem Kurzgeschichten-Band "Trieb" vor. Und der ist mindestens so gut wie die Bestseller von Ferdinand von Schirach.

Von Peter Henning

Autor Jochen Rausch: Arbeit ohne faule Tricks
Thomas Hendrich

Autor Jochen Rausch: Arbeit ohne faule Tricks


Von Schirach war gestern - Jochen Rausch ist heute! Zu dieser ebenso kurzen wie bündigen Einschätzung muss zwangsläufig gelangen, wer sich die kürzlich erschienene Storysammlung "Trieb" des Kölner Journalisten, Autors und Musikers Jochen Rausch zu Gemüte führt. Denn wer zu Recht Gefallen fand an den in bislang zwei Bänden gebannten Schuld- und Verbrechensgeschichten des in Berlin als Anwalt praktizierenden Juristen Ferdinand von Schirach, der wird bei Rausch das Ganze nun in literarischer Vollendung erleben: 13 makellose und in ihrer großen thematischen Variabilität stupende Storys, 13 in bester amerikanischer Manier abgefasste Short Cuts darüber, wozu ihren Trieben ausgesetzte Menschen mitunter fähig sind - und welche Risse sich damit urplötzlich im Leben ihrer Nächsten auftun können.

"Was ist eine Kurzgeschichte?", notierte der 1989 in Kiel verstorbene Wolfdietrich Schnurre, der mit Bänden wie "Eine Rechnung, die nicht aufgeht" oder "Funke im Reisig" bereits in den frühen sechziger Jahren gekonnt demonstrierte, wie eine aus amerikanischer Tradition gespeiste deutsche Shortstory im Bestfall aussehen kann. "Ein Stück herausgerissenes Leben. Anfang und Ende sind ihr gleichgültig; was sie zu sagen hat, sagt sie mit jeder Zeile. Ihre Stärke liegt im Weglassen. Ihr Kunstgriff ist die Untertreibung." All das lösen Rauschs Storys nun auf eine Weise ein, die geradezu süchtig machend wirkt. So, als hätten U.S.-Short-Story-Größen wie Richard Ford und Richard Bausch mal eben gemeinsam in die Tasten gedrückt.

Storys, die sich lesen lassen wie ein lustvolles Blättern im Katalog menschlicher Fehlbarkeit

Rausch, der 2008 mit dem Debütroman "Restlicht" debütierte, in welchem er mit den Mitteln des Psychothrillers kunstvoll und zu einer beklemmenden Nahaufnahme dörflichen Treibens zerdehnt das jähe, unerklärliche Verschwinden einer Dorfschönheit beschrieb, verdiente sein Geld lange als Hörfunk- und Fernsehreporter. Dabei pflegte er lange eine gewisse Vorliebe für die Gerichtsreportage. Nach vollbrachter Lektüre seiner Storys, die sich lesen lassen wie ein lustvolles Blättern im Katalog menschlicher Fehlbarkeit, versteht man weshalb. Wie in der Linse eines Mikroskops gebündelt fächert Rausch in seinen 13 Fallbeispielen auf, zu welchem Irrsinn der moderne triebgelenkte Homo sapiens unter gewissen Umständen fähig ist, wenn die Sterne ungünstig stehen - und die Emotionen stärker sind als jeder zügelnde Gedanke.

Da ist die junge, schwedische und jäh aus allen Träumen gerissene Herzspezialistin in der Episode "Auf Öland", die, nachdem ihr Geliebter sich entgegen aller getaner Liebesschwüre doch wieder seiner Ehefrau zuwendet und mit ihr Schluss macht, kurzerhand zur Tat schreitet: Sie löscht dessen Familie aus, indem sie das Ferienhaus, das er für Frau und Kinder auf Öland gemietet hatte, während er sich unweit davon mit ihr traf, mit geradezu alttestamentarischer Wucht abfackelt. Und da ist der Barcelona-Reisende Christian Cuveland, der in dem gleichnamigen Stück - weil er das bizarre, mit einem blitzenden Messer vorangetriebene Liebesspiel zwischen einem Koch und einer Angestellten, das er zufällig mit ansieht und fehl deutet - unversehens zum Mörder wird.

Wie es Rausch dabei vermag, das jähe, urplötzliche Umschlagen einer Situation ins Fatale und nicht selten Mörderische zu beschreiben, ohne mit faulen Tricks zu arbeiten, das ist famos. Und wenn er in dem vielleicht besten Stück der Sammlung, der Geschichte "Das Seitensprungzimmer", demonstriert, wie zwei scheinbar unabhängig voneinander ablaufende Ereignisse - hier der Reitunfall einer Millionärstochter, dort die bizarren sexuellen Obsessionen des Millionärs, die er an einer Prostituierten durchexerziert - geradezu schicksalhaft und mit am Ende tödlicher Zwangsläufigkeit aufeinander zustreben, dann hat Rauschs subtiler Trieb-Reigen seinen finster-faszinierenden Höhepunkt erreicht: "Sonia. Er hat sie vergessen. Er hat nicht mehr an sie gedacht. Nicht eine einzige Sekunde. Als sei sie gar nicht existent. Als hätte sie überhaupt nicht existiert. Sie existiert ja auch nicht. Sie heißt doch nicht mal Sonia. Die Handschelle. Die Hitze. Die Jahrhundertsonne." Die junge Frau verdurstet auf einem Schreibtisch liegend an eine Heizung gekettet - und der Millionär endet im Kofferraum seines Wagens, "mit dem Ausdruck großer Erleichterung im Gesicht".

Lange hat man hierzulande keine derartig guten Stories mehr gelesen. Über die Bestie in uns, die manchmal nur auf das alles entscheidende Stichwort wartet, um aus dem Käfig der Wohlanständigkeit auszubrechen. Über Wahn und innere Not, blinde Wut und das Töten als verquere Triebabfuhr. Zuletzt, wenn auch erzählerisch ganz anders, hat man derlei vielleicht bei dem Berliner Torsten Schulz in dessen Sammlung "Revolution und Filzläuse" gelesen. Oder bei dem großen Wolfgang Kohlhaase in dessen Band "Silvester mit Balzac".

Endlich zeigt ein Hiesiger, wie variabel und mitreißend die erzählerische Kurzstrecke sein kann. Er tut es schnörkellos und ohne ein Gramm Fett. Dabei in der Machart fast amerikanisch, und doch mit Blick auf deutsche Verhältnisse. Lesen Sie Jochen Rausch. Es wird Sie umhauen. Versprochen!

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Dr. 19 23.05.2011
1. Es wird Sie umhauen. Versprochen!
Zitat von sysopZu welchem mörderischen Irrsinn ist der Mensch fähig ist, führt Jochen Rausch in seinem Kurzgeschichten-Band "Trieb" vor. Und der ist mindestens so gut wie die Bestseller von Ferdinand von Schirach. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,763874,00.html
Oder zur Nachahmung verleiten? Versprochen! "Der Anblick des Bösen zündet Böses in der Seele an. Das ist unvermeidlich." - "CG Jung; Zivilisation im Übergang, Band 10; Gesammelte Werke, Walter Verlag; Sonderausgabe 1995; S. 225; ISBN 3-530-40086-6"
SNA 23.05.2011
2. Trivialpsychologie
Zitat von Dr. 19Oder zur Nachahmung verleiten? Versprochen! "Der Anblick des Bösen zündet Böses in der Seele an. Das ist unvermeidlich." - "CG Jung; Zivilisation im Übergang, Band 10; Gesammelte Werke, Walter Verlag; Sonderausgabe 1995; S. 225; ISBN 3-530-40086-6"
Natürlich. Deswegen werden Millionen Tatort-Zuschauer montags zu blutrünstigen Bestien, die Zuschauer von Knopp's historischen Soaps eifern alle Hitler nach und schon Vierjährige zermahlen nachbarliche Bösewichte zu Mehl, Typ "Max-und-Moritz"...
angst+money 23.05.2011
3. Asbach
Zitat von Dr. 19Oder zur Nachahmung verleiten? Versprochen! "Der Anblick des Bösen zündet Böses in der Seele an. Das ist unvermeidlich." - "CG Jung; Zivilisation im Übergang, Band 10; Gesammelte Werke, Walter Verlag; Sonderausgabe 1995; S. 225; ISBN 3-530-40086-6"
Dass Sie hier mit Jung ankommen lässt annehmen, dass Sie in der neueren Forschung nichts gefunden haben ...?
Eiermann 23.05.2011
4. Neuer Buchtrend
Solche Verbrechensbücher scheinen ein neuer "Trend" zu sein, auf den offenbar auch dieses "Trieb"-Buch aufspringt. Die haikuhafte Lakonie, mit der etwa Ferdinand von Schirach seine Verbrechensfälle schildert, schmeckt mir nicht. Sie hat das leichte Geschmäckle der Tolerierung, ja sogar Legitimierung von Verbrechen als einer schier unabänderlichen Konstante der Menschheit - sowie das Geschmäckle des in diesem Artikel sogar offen eingestandenen Genusses an Verbrechensschilderungen, wie an einer Zwischenüberschrift deutlich wird ala "lustvolles Blättern im Katalog menschlicher Fehlbarkeit". Diese in solchen Büchern durch die Blume gefrönten Haltung kann leider nicht teilen: Verbrechen müssen keinesfalls sein und ich kann leider auch nicht lustvoll in ihnen blättern. Ich dachte, dass wir in unserem Rechtsverständnis schon mal weiter waren.
weghorn1 23.05.2011
5. Triebtäter oder Opfermentalitäter?
Lieber Peter Henning, ich lobe Sie gerne für Ihren hervorragend geschriebenen Artikel über einen Autor, an dessen erzählerischer Meisterschaft nach der Lektüre Ihrer Laudatio ich ehrlich keinen Zweifel hege und schreibe Ihnen eigentlich nur deshalb, weil ich mich frage, wozu ich ein Buch über "den mörderischen Trieb" in mir lesen sollte, wo ich den bisher doch noch gar nicht verspürt habe. Meine Fragen an Sie und Jochen Rausch: fehlt mir da was und bin ich die Ausnahme unter den Zeitgenossen?! Und wie kommen Sie darauf, die Handlungen von Mördern als triebgesteuert anzusehen? Ich biete Ihnen eine Erklärung (nicht nur) fürs Morden an, die mir nach einigem Nachdenken in den Sinn gekommen ist, weil mir (nicht nur beim Thema Morden, sondern beim Thema Morden sogar zuallerletzt) etwas sehr Interessantes, weil Typisches aufgefallen ist, die Tatsache nämlich, dass die meisten Untaten, die sie beide anscheinend auf eine für mich ominöse „Triebhaftigkeit“ zurückführen, tatsächlich von Menschen vollbracht werden, die sich genau dadurch, indem sie die Rolle des Täters einnehmen, in Wirklichkeit (wieder) zu dem Opfer machen wollen, das sie in ihrem Selbstbild/Skript „eigentlich“ – sprich: wirklich – sind. Das Stehlen, Saufen, Rauchen, Vergewaltigen und eben auch das Morden habe ich für mich nicht als angeborenen Trieb entlarvt, sondern als erlerntes Suchtverhalten, will sagen: klauen, lügen, betrügen und andere gemeinschaftszerstörenden Untaten sind in Wirklichkeit Ausdruck eines Hilfeschreis, einer Botschaft von Menschen, die einen „Retter“ auf ihr Opferdasein aufmerksam machen wollen, das für sie zwar immer unerträglicher geworden ist, das sie aber zwangsläufig immer wieder herstellen müssen, weil einzig das Opfer „zu sein“ ihnen noch einen Lebenssinn zu geben vermag. Ich habe diesen allseits bekannten Typ den „Opfermentalitäter“ getauft (dialogbuch.de), also als einen Menschen – und eine solche Mentalität ist rein menschlich und als erlernte Persönlichkeitseigenschaft auch kein „Trieb“, was schon daraus ersichtlich wird, dass sie im Tier- und Pflanzenreich nicht vorkommt – gekennzeichnet, der zwangsläufig das für ihn „Gute“ dadurch schaffen muss, dass er „böse“ handelt, getreu dem Motto: wenn ihr mich schon nicht lieben und loben könnt, dann verschaffe ich mir wenigstens die Geltung / Zuwendung / Achtung / Wertschätzung, ohne die auch nicht sinnvoll leben kann / möchte, indem ich Untaten vollbringe. Menschen, die Taten wie die von Jochen Rausch erzählten Untaten vollbringen, tun dies also als Suchtkranke, als die Geltungssüchtigen, zu denen sie in ihrer Sozialisation – sicherlich mit einer gehörigen, sie überwältigenden Fremdeinwirkung – sich entwickelt haben, und wenn man von dieser meiner Erkenntnis ausgeht, dann kann man leider auch nicht mehr die – von Ihnen referierte - mörderische Raffinesse von Eifersuchtshandlungen genießen, wie dies andere ganz offensichtlich können – und worum ich sie manchmal ein wenig beneide.
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