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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von den Kings of Leon, Chuck Prophet, The Features und The Delgados sowie das jüngste Werk von Leonard Cohen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kings Of Leon - "Aha Shake Heartbreak"
(RCA/BMG)

Für alle Menschen, die im Besitz zweier Ohren sind und sich nicht auf die unwillkommenen Diskussionen über Bärte, Hippietum und Rückwärtsgewandtheit in der Rockmusik von heute einließen, war das Album "Youth And Young Manhood" der drei Predigersöhne Followill und ihrem Cousin die beste Platte des Jahres 2003. Die vier Typen aus den Südstaaten hatten die teuflischsten, die unerbittlichsten und cleversten Songs - und die coolste Attitüde sowieso. Was hat sich geändert? In der ganzen Band gibt es nur noch einen Bart, und das kleinste Bandmitglied, das vor zwölf Monaten noch aussah wie 12, sieht jetzt mindestens aus wie 16. "Aha Shake Heartbreak" schleicht sich mit lasziv-zerdehnten Songs wie "Milk" oder "Way Old Blues" einerseits aus dem Hinterhalt an, andererseits hat es die tödlichsten Riffs, die überraschendsten Hooklines und die anmaßendsten Metaphern über Sex, Suff und Prügeleien. "I'm passed out in your garden/ I'm in, I can't get off, so soft/ I'd pop myself in your body/ I'd come into your party, but I'm soft", presst Sänger Caleb Followill in "Soft" die Worte heraus, um am Ende des Songs wie tollwütig zu kläffen und zur klingelnden Gitarre komplett durchzudrehen - mit Schaum vor dem Mund. Die Teufelskerle haben es wieder geschafft. Darauf einen Gottesdienst. (9) Jan Wigger

Veröffentlichung am 1. November

Kings of Leon - offizielle Website 

Leonard Cohen - "Dear Heather"
(Columbia/Sony Music)

"Order of the unified heart", so steht es fettgedruckt auf der Rückseite des Booklets von "Dear Heather". Kein Zweifel: Der Meister der Katharsis, der große Spiritualist, der Mann, der für die Mönche kochte und mit "Songs Of Love And Hate" die düsterste Platte aller Zeiten schuf und überlebte, ist back on boogie street. War "Ten New Songs" vor drei Jahren schon ein Rückschritt, so ist "Dear Heather" nicht weniger als ein Absturz. Selbst einen ewigen, zuweilen fast kritiklosen Bewunderer schmerzt es unsagbar, Cohens ermüdendem Sprechgesang in "Villanelle For Our Time" sechs Minuten lang zuhören und sein Salbadern zu gefälligen Schunkel-Rhythmen ertragen zu müssen. Mit dem Titelstück ist Cohen dann ganz unten angelangt: Er brummelt mit verfremdeter Stimme wie ein alter, schon etwas fehlerhafter Computer Sekunden vor dem Zusammenbruch. "There For You" und "The Faith" fielen immerhin annehmbar aus, "The Letters" hingegen ist - man mag es kaum glauben - großartig und reicht an das Niveau einiger "Various Positions"-Stücke heran. "I don't trust my inner feelings/ inner feelings come and go", sang Leonard einmal in "That Don't Make It Junk". Der alte Fuchs hat sich betrügen lassen, dieses eine Mal. (4) Jan Wigger


Leonard Cohen - offizielle Website 

The Features - "Exhibit A"
(Universal Music

Und noch eine Band mit dem neuerdings wieder modischen "The" vor dem üblicherweise kurzen Namen. Aber bevor man uns mal wieder unterstellt, wir würden auf jeden kurzen Zeitgeist-Zug aufspringen, sei darauf hingewiesen, dass es The Features schon seit 1997 gibt. Bis Ende letzten Jahres hatte nur niemand Notiz von der Band aus Sparta, Tennessee genommen, doch dann erschien das Debüt "The Beginning EP" in England und erregte Aufsehen unter Kritikern. Kein Wunder, denn die Einflüsse der Amerikaner sind hauptsächlich britisch: The Jam, XTC, The Cure (auch wegen des heulenden Tonfalls von Sänger Matt Pelham). Mit einiger Spannung durfte man also das erste richtig lange Werk der Features erwarten, das trefflich mit "Exhibit A" - Beweisstück A - tituliert wurde. Leider haben sich die Südstaatler ein wenig von ihrer Kompromisslosigkeit gelöst. Zwischen bissigen Rock-Hymnen wie dem Titelstück und dem an Franz Ferdinand erinnernden Discostück "There's A Million Ways To Sing The Blues" plätschern die Features zuweilen etwas zahnlos daher. So zum Beispiel in "Blow It Out", das so klingt, wie man sich die Counting Crows immer gewünscht hat, oder "Me & The Skirts", was seinen wohlfeilen Radiosound allerdings durch den lustigen Text wettmacht. Alles in allem eine zwiespältige Angelegenheit. Aber: Im Zweifel für den Angeklagten. (7) Andreas Borcholte

The Features - offizielle Website 

Chuck Prophet - "Age Of Miracles"
(Blue Rose Records)

Nachdem man die neue Chuck-Prophet-LP ein paar Mal gehört hat, möchte man am liebsten allen Fernsprechteilnehmern zurufen: Nein, es ist wieder kein "Homemade Blood" draus geworden! "Age Of Miracles" ist nämlich wesentlich vielseitiger ausgefallen: In "You Did (Bomp Shooby Dooby Bomp)" versucht Prophet sich gar nicht mal so schlecht als Rapper, das Titelstück wird durch Glockenspiel, Pedal Steel und Streicher veredelt, das abschließende "Monkey In The Middle" ist Prophets kluge Betrachtung der eigenen Unscheinbarkeit als Mann zwischen den Stühlen: "You let Jesus make your dying bed/ Tell him I've got other plans instead/ Take the reaper off his rounds/ I can shut my own light out/ I'm the monkey in the middle and I never get caught". Mit "Age Of Miracles" hat der ehemalige Green-On-Red-Gitarrist zu einer Art entspannten Schwermut gefunden. Damit kommt man gut über die Runden. (7) Jan Wigger

Chuck Prophet - offizielle Website 

The Delgados - "Universal Audio"
(Chemikal Underground/Rough Trade)

Die armen Delgados. Seit vielen Jahren gelten die Schotten, die ihre Platten traditionell auf dem eigenen Label Chemikal Underground herausbringen, als ewige Talente, als weiterer Geheimtipp der scheinbar unerschöpflichen Glasgow-Szene, als Band also, aus der irgendwann einmal etwas werden kann. Irgendetwas muss da schief gelaufen sein, denn sowohl das frühe "Peloton", als auch die weitaus orchestraleren, ausladenden Alben "The Great Eastern" und "Hate" waren in all ihrer schimmernden Unwirklichkeit ebenso zauberhaft wie erfolglos. "Universal Audio" ist um einige Gramm leichter geraten, die Band war gelangweilt von Streichern, Pomp und Prätention. "Is This All That I Came For?", fragt Sängerin Emma Pollock in einem der schönsten Songs. Polly Jean Harvey hat auf "Dance Hall At Louse Point" einmal etwas Ähnliches wissen wollen. Geheilt ist man erst dann, wenn man keine Antwort mehr erwartet. (6) Jan Wigger

The Delgados - offizielle Website 


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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