Kindle Fire: So gut ist das Amazon-Tablet wirklich

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Ein schickes Tablet für 200 Dollar: Das Kindle Fire wird in den USA zum Kampfpreis angeboten, Experten feiern es als potentiellen iPad-Killer. Aber ist das Amazon-Gerät wirklich besser als das von Apple? SPIEGEL ONLINE hat eines der ersten getestet.

Kindle Fire: Amazons glänzender Tablet-PC Fotos
SPIEGEL ONLINE

Schön ist es schon. Nicht aufregend, aber schlicht und geradlinig gestaltet. Das Kindle Fire - das erste Tablet von Amazon - wird wohl nirgends auffallen. Aber das unscheinbare Gerät liegt gut in der Hand mit seinem samtigen Rücken. Das Sieben-Zoll-Display glänzt ganz ungeheuer, schon bevor ich das Tablet einschalte. Ein Kollege, der im Vorbeigehen einen Blick darauf wirft, sagt nur trocken: "Ach, ein Taschenspiegel." Und er hat recht: Außer in total abgedunkelten Räumen reflektiert das Kindle Fire eigentlich immer irgendetwas.

Dabei ist doch gerade der Bildschirm eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale gegenüber Apples iPad 2. Nur sieben Zoll misst die Diagonale des Fire, beim Apple-Tablet sind es knapp zehn. Dieser Verzicht auf Bildschirmfläche hat für Amazon und seine Kunden einige Vorteile. Vor allem den, dass so ein Bildschirm billiger herzustellen ist. Anders hätte der Versandkonzern es kaum geschafft, einen Kampfpreis von 200 Dollar zu erreichen. Und selbst dabei zahlt Amazon wohl noch drauf. Die Analysten von iSuppli haben errechnet, dass das Unternehmen pro Tablet rund zwei Dollar Verlust macht.

Amazon behauptet, die geringere Größe mache das Kindle Fire zu einem handlichen Gerät für unterwegs. Mag sein, doch der Nutzen ist fraglich. Denn bisher gibt es das Tablet nur mit W-Lan, eine 3G-Variante ist nicht erhältlich. Das Kindle Fire lässt sich also leichter mitnehmen, nur kann man ohne Mobilfunk schlecht unterwegs im Web surfen.

Ohne Wolke geht kaum was

Mit der W-Lan-Konfiguration beginnt die Inbetriebnahme des Kindle Fire. Dabei zeigt sich das Gerät etwas zickig. Ins Firmennetz kann es sich nicht einloggen, weil es die dazu nötige Authentifizierungsmethode nicht anbietet. Erst nachdem ich mich in ein privates Netz eingeloggt und die in Europa verwendeten W-Lan-Kanäle 12 und 13 freigeschaltet habe, funktioniert es auch im Firmennetz. Das allerdings nur sehr gemächlich - es dauert gefühlt eine Ewigkeit, ein zwingend erforderliches Software-Update herunterzuladen.

Danach geht es aber flott voran mit dem Internet auf dem Kindle-Tablet. Und das ist auch nötig. Von den acht Gigabyte Speicher sind nach der Erstinstallation noch 6,5 für den Nutzer frei. Musik und Filme lagert man deshalb besser in Amazons Web-Festplatte Cloud Drive aus. Wer schon Amazon-Kunde in den Vereinigten Staaten ist, dort bereits digitale Bücher und Musik gekauft oder auf den Cloud Drive kopiert hat, kann diese Medien nach der obligatorischen Anmeldung mit seiner Amazon-ID auf dem Kindle Fire nutzen.

Deutsche Nutzer müssen auf viele dieser Funktionen verzichten: Beim deutschen Amazon-Angebot gekaufte Digitalmusik landet nicht im Cloud Drive. Wir konnten lediglich solche Musikdateien auf dem Fire abspielen, die wir selbst in Amazons Web-Speicher hochgeladen hatten. Immerhin waren alle E-Books aus dem Amazon-Angebot auf dem Fire abrufbar.

Android ohne Android-Look

Den Startbildschirm des Kindle Fire dominiert eine grafische Auflistung der zuletzt genutzten Medien, Apps oder Dienste. Diese Übersicht erinnert stark an Apples Cover Flow. Amazon ersetzt damit gleichsam einen Taskmanager. Mit ein paar Fingerbewegungen lassen sich oft genutzte Inhalte schnell wieder hervorholen. Man merkt allerdings, dass das Kindle Fire offenbar eher dafür konzipiert wurde, dass man den Bildschirm hochkant hält. Im Querformat zeigt der Bildschirm weniger Symbole und Bedienelemente an.

Davon, dass das Kindle Fire eigentlich ein Android-Tablet ist, spürt man kaum etwas. Das Erscheinungsbild der Google-Software hat Amazon bis ins letzte Menü derart verändert, dass keinerlei Ähnlichkeiten mit bekannten Android-Geräten sichtbar sind. Eine Folge dieser Abweichung vom Standard: Man sucht vergeblich nach Googles Marketplace für Apps. Das dürfte durchaus gewollt sein, denn so bleibt man ganz im Amazon-Universum.

Im Fire steckt ein Killer

Das Kindle Fire ist vor allem eine Plattform zum Konsum digitaler Inhalte aus dem Amazon-Angebot. Das können Bücher, Musik und - in den Vereinigten Staaten - Fernsehserien sowie Filme sein. Und natürlich Apps, für die Amazon einen eigenen App Store eingerichtet hat. US-Käufer eines US-Kindles in den USA bekommen zudem mit dem Kauf einen Monat lang eine kostenlose Amazon-Prime-Mitgliedschaft. Auf dem Kindle Fire heißt das vor allem: Sie können haufenweise kostenlose Filme und Fernsehserien gucken.

Das macht auch richtig Spaß, solange es hinreichend dunkel ist und der Bildschirm nicht so arg spiegelt. Dasselbe gilt für die Nutzung als E-Book-Reader. Für einen ausführlichen Test dieser Funktion fehlte bislang die Zeit. Wie bei anderen Tablets auch (Kindle-Apps gibt es für alle Android- und iOS-Geräte) kann man beim Kindle-Lesen auf die Nachttischlampe verzichten, denn hier sorgt der Bildschirm selbst für Beleuchtung. Dafür muss man auf das gestochen scharfe und ruhige Schriftbild eines normalen Kindle verzichten.

Dem Kindle Fire fehlen eine Kamera und ein Mobilfunkmodul, es hat weniger Speicher als viele Tablets. Aber dafür kostet Amazons Tablet nur 200 Dollar, und es leistet weit mehr als ähnlich günstige Flachrechner anderer Hersteller. Zum iPad-Killer wird es dadurch freilich nicht. Eher zum Killer für all die Lowcost-Android-Tablets, mit denen derzeit asiatische Hersteller den Markt überschwemmen.

Vorerst ist das Kindle Fire nur in den Vereinigten Staaten erhältlich. Amazon hat noch nicht bekanntgegeben, ob das Gerät in Deutschland angeboten werden soll. Solange dies nicht der Fall ist, lohnt es sich für deutsche Nutzer nicht, das Kindle Fire über Umwege aus den USA zu beziehen. Denn wesentliche Amazon-Dienste können hierzulande nicht genutzt werden.

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insgesamt 68 Beiträge
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1. ?
abwählen! 19.11.2011
Zitat "Zum iPad-Killer wird es dadurch freilich nicht" Warum nicht? Stimmt es das die SPON Redaktion umsonst mit Geräten der Firma Apple versorgt wird?
2. Natürlich ....
Volker Hett 19.11.2011
Zitat von abwählen!Zitat "Zum iPad-Killer wird es dadurch freilich nicht" Warum nicht? Stimmt es das die SPON Redaktion umsonst mit Geräten der Firma Apple versorgt wird?
Vielleicht hat das iPad doch noch ein paar Tricks mehr drauf, könnte ja sein. Was für den Kindle Fire spricht ist Amazon dahinter, damit kann bestenfalls noch Sony mithalten, die PC- und Handyhersteller nicht und Google ist auch noch lange nicht so weit. Wer genau das will, der ist mit einem Kindle Fire bestens bedient, soll aber auch noch der Exchange Server im Büro genutzt werden, dann schlägt das Pendel in die andere Richtung aus.
3. Videos
spon-1277755831106 19.11.2011
vermutlich wird das Gerät überwiegend als Video-Player genutzt werden. Hierzu vermisse ich aber die Information in dem Artikel.
4. Titel
EmmetBrown 19.11.2011
Zitat von abwählen!Zitat "Zum iPad-Killer wird es dadurch freilich nicht" Warum nicht? Stimmt es das die SPON Redaktion umsonst mit Geräten der Firma Apple versorgt wird?
Einfach den Artikel lesen, etwas nachdenken und schon sollte es einem klar sein. Stimmt es eigentliche, dass Sie jedesmal einen Hautausschlag bekommen wenn Sie irgendwo das Wörtchen Apple lesen? Was wollen Sie eigentlich? Wenn Sie gegen Apple sind dann kaufen Sie halt kein Apple, so wie ich. Aber missionieren Sie doch bitte nicht dauernd. Und wenn Sie das Fire für ganz toll halten dann kaufen Sie es sich. Mache ich persönlich aber auch nicht. Ich habe einen "alten" Kindle. Ein popliges Schwarz/Weiss-Display aber perfekt in der Sonne zu nutzen. Sonstige Schnick-Schnack-Apps brauche ich nicht auf einem eBook-Reader. Wobei Mails und ein Browser noch ganz nett wären. Aber dafür ist das Display nicht ausgelegt.
5. Kindle Fire: So gut ist das Amazon-Tablet wirklich
warlock2 19.11.2011
Wer Apple nicht mag und ein gut funktionierendes Tablet sucht, der sollte sich einmal das PlayBook anschauen! BlackBerry hat inzwischen, anfangs fehlende Features, nachgeliefert. Das Ding ist einfach genial!
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