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SS-Prozess: "Funkerin von Auschwitz" ist bedingt verhandlungsfähig

Beim Landgericht Kiel bahnt sich ein Prozess gegen eine mutmaßliche Helferin des Massenmords in Auschwitz an. Laut einem Gutachten wäre eine Verhandlung unter strengen Einschränkungen möglich.

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AP

Vernichtungslager Auschwitz Birkenau: Helma M. war als Funkerin der SS eingesetzt

Eine 92-jährige Deutsche muss sich vermutlich bald wegen der Beihilfe zum 260.000-fachen Mord im Vernichtungslager Auschwitz verantworten. Laut einem medizinischen Gutachten ist Helma M., die derzeit in einem Seniorenheim im Neumünster wohnt, trotz ihres hohen Alters zumindest eingeschränkt verhandlungsfähig.

Nun muss das Gericht entscheiden, ob es den Prozess gegen die sogenannte SS-Funkerin von Auschwitz beginnen will. Es wäre neben wenigen anderen Fällen das letzte Verfahren gegen Nazi-Verbrecher auf deutschem Boden. Bei einer Verurteilung droht der Seniorin trotz ihres Alters eine mehrjährige Haftstrafe.

Der Prozess in Kiel würde tief in die dunkelsten Tage des Nazi-Regimes zurückführen. Vom 25. April 1944 bis zum 9. Juli 1944 war Helma M. in Auschwitz als Funkerin der SS eingesetzt, hielt Kontakt mit dem Hauptquartier, nahm Nachrichten entgegen und sendete Tagesberichte nach Berlin. Für die Staatsanwaltschaft ist das genauso Beihilfe zum Mord wie jede andere Tätigkeit im Lager, denn unweit vom Funkplatz der heutigen Seniorin kamen in diesen Tagen Tausende Menschen in den Gaskammern der Nazis ums Leben. Viele andere starben in den kargen Unterkünften in Auschwitz oder an Unterernährung.

Ob Helma M. dem Gericht noch selbst Rede und Antwort stehen kann, ist fraglich. Als sie kürzlich von einem "Welt"-Reporter in ihrem Altersheim aufgespürt worden war, machte sie einen abwesenden Eindruck. Laut dem Gutachten wäre ein Prozess wegen des schlechten Gesundheitszustands der 92-Jährigen jeweils nur eine Stunde am Tag möglich, da sie emotional sehr instabil ist. Zudem sei Helma M. so schwerhörig, dass man in einem schallgedämpften Raum verhandeln müsste, in dem Gericht und Angeklagte nicht weiter als zwei Meter auseinander sitzen. Selbst dann, so die Gutachter, müsste ständig kontrolliert werden, ob Helma M. alles richtig versteht.

Die hohen Anforderungen könnten den Prozess vor dem Landgericht durchaus scheitern lassen. In dem Gutachten wird bereits angemerkt, dass im Gerichtsgebäude kein geeigneter Saal zu Verfügung steht. Eine Gerichtssprecherin sagte am Donnerstag, man wolle das Gutachten nun prüfen und dann entscheiden, ob der Prozess stattfinde.

Das Gericht steht dabei in einem schwierigen Spagat. Auf der einen Seite wäre eine Verhandlung fast unmöglich, auf der anderen Seite sind Verfahren gegen Nazi-Verbrecher hochpolitisch. Auch im Kieler Fall haben sich schon jetzt mehrere jüdische Opfergruppen als Nebenkläger angemeldet.

geb

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