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Moskauer Geiseldrama Deutsche Mediziner lösen Rätsel um Narkosegas

Bei der Geiselbefreiung in Moskau wurde vermutlich das Narkosegas Halothan verwendet. Münchner Gerichtsmediziner wiesen die Substanz bei einer der deutschen Geiseln nach. Die russische Desinformation über das für mehr als 100 Geiseln tödliche Gas bezeichneten sie als unverantwortlich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Das Fazit der Münchner Mediziner fällt für die russischen Behörden nicht gut aus. Sie gehen davon aus, dass die Überdosierung des gängigen Narkosemittels Halothan und die Desinformation der Behörden für den Tod der meisten Geiseln verantwortlich ist.

Überreste von Halothan wurden im Blut und im Urin einer der beiden deutschen Geiseln befunden, sagten die Mediziner Thomas Zilker und Ludwig von Meyer am Mittwoch in München. "Auch die Symptome und die Verteilung in den Organen weisen auf die Verwendung hin", sagte der Rechtsmediziner von Meyer.

Beide Experten gehen allerdings davon aus, dass bei der Befreiungsaktion außer Halothan noch ein zweites, nicht bekanntes Mittel eingesetzt wurde. Zilker vermutet auch, dass zur schnelleren Verbreitung des Narkosemittels ein so genanntes Treibgas benutzt wurde. Die Experten wollten nicht ausschließen, dass erst die Ärzte in den Kliniken das Halothan an die deutschen Opfer verabreicht hätten.

"Irrwitzige Dosis"

Die beiden Münchner Mediziner wiesen zudem darauf hin, dass das Halothan in einer "irrwitzigen Dosis" in das Theater geleitet worden sein muss, um eine Betäubungswirkung zu erzielen. Das Mittel allein sei nicht geeignet, um in einem so großen Saal wie dem des Moskauer Theaters eine hohe Anzahl von Menschen schnell zu betäuben. Über den Gesamteinsatz oder mögliche Fehler der Polizisten wollten sie jedoch nicht spekulieren.

Rechtsmediziner von Meyer sagte SPIEGEL ONLINE, dass es für das Narkosemittel Halothan kein direktes Gegenmittel gebe. "Das einzige, was man gegen die Vergiftungserscheinungen machen kann, ist Beatmung", so der Mediziner. Ob dies in ausreichender Menge geschehen sei, könne er in München nicht einschätzen. "Wir waren ja nicht dabei", sagte von Meyer.

Der Pathologe zeigte sich aber "schon erstaunt", dass die Behörden noch nicht einmal die Kollegen in den Moskauer Kliniken über das Gas informiert hätten. "Spekulationen sind auch für Ärzte keine gute Grundlage für eine angemessene Behandlung", so von Meyer. Der Mediziner befürchtet auch, dass viele Patienten in Moskau falsch behandelt wurden, weil die russischen Ärzte in Unkenntnis des eingesetzten Mittels wahllos Gegengifte verabreicht hätten. Oft könnten diese die Wirkung des eigentlichen Gases tödlich verstärken, so die Mediziner.

Den russischen Behörden warfen alle beteiligten deutschen Ärzte mangelnde Kooperation vor. "Wir haben keinerlei Informationen gekriegt", sagte Professor Zilker. Die Moskauer Kollegen hätten Faxe und E-Mails nicht beantwortet.

In der Medizin kaum noch gängig

Das Narkosemittel Halothan ist ein stark und schnell wirkendes, muskelentspannendes und blutdrucksenkendes Narkosemittel. Beim Einatmen besteht die Gefahr von Leberschädigung, Atemdepression, Herzmuskelschwäche, Verlangsamung der Herzfrequenz und Blutdruckabfall, weshalb das Mittel in der Medizin nach und nach ersetzt wird.

Die beiden deutschen Geiseln, eine 18-jährige Schülerin aus der Nähe von Würzburg und ein 43 Jahre alter Geschäftsmann aus Filderstadt, waren nach ihrer Befreiung aus dem Moskauer Nord-Ost-Musicaltheater in München weiterbehandelt worden. Am Montagabend konnten sie das Krankenhaus verlassen.

In den vergangenen Tagen hatte es unterschiedliche Vermutungen über die Art des verwendeten Gases gegeben. US-Experten gingen davon aus, dass es Opiate enthielt, während britische Mediziner nicht ausschlossen, dass es sich um das Nervengas BZ handelte. Die russischen Behörden hatten trotz Anfragen mehrerer Botschaften keine Angaben zur Art des Gases gemacht.

Nachrichtenagenturen berichteten unter Berufung auf russische Gesundheitsbehörden, derzeit würden noch 245 befreite Geiseln in Krankenhäusern behandelt. 16 befänden sich in einem kritischen Zustand. Nach jüngsten offiziellen Angaben kamen 119 Geiseln ums Leben.

Am Mittwoch wurden in Moskau weitere Opfer der Geiselnahme beigesetzt. Unter ihnen waren zwei Kinder, die zu den Akteuren des Musical-Theaters gehörten, das vor einer Woche von tschetschenischen Geiselnehmern gestürmt worden war.