Stoibers Religionsparagraf "Ich bin selbst eine Gotteslästerung"
SPIEGEL ONLINE: Herr Hildebrandt, Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hat härtere Strafen für Gotteslästerung gefordert. Können Sie sich vorstellen, was er damit bezweckt?
Hildebrandt: Ich nehme an, das ist eine Verbeugung vor dem Vatikan. Seine Verbindung dahin ist ja sehr eng. Er spürt wohl einen inneren Auftrag, den er ausführen möchte, nämlich die Kirche und den Glauben und den Gott und den Papst zu schützen vor uns. Ein bayerischer Politiker ist nebenbei auch immer ein Vertreter der Kirche. Ich rege mich darüber überhaupt nicht auf.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch fragt sich eine säkulare Gesellschaft, was Stoiber gemeint haben könnte. Wie kann man über etwas lästern, das gar nicht existiert, wundern sich viele.
Hildebrandt: Diese säkulare Welt gibt es in Bayern nicht. Die Bayern fühlen sich beschützt durch die Treuehaltung der regierenden Partei dem Vatikan gegenüber. Ich bin Protestant, ich darf Gott sowieso lästern. Als Protestant bin ich ja selbst eine Gotteslästerung.
SPIEGEL ONLINE: Lästern Sie denn Gott?
Hildebrandt: Hin und wieder frage ich mich, was Gott wohl bezweckt hat - und säe somit Zweifel an den Entschlüssen des lieben Gottes oder des furchtbaren Gottes. Ich bin mir nicht sicher, ob ich damit Gott tatsächlich lästere, aber ich habe dann immer das Gefühl, als ob ich dies täte.
SPIEGEL ONLINE: In Bayern sind nicht einmal Zweifel zugelassen?
Hildebrandt: Okay, in Wirklichkeit ist es viel liberaler, als ich es beschreibe. Und die gewünschte Verschärfung des Gotteslästerungsparagrafen ist reine Maulhurerei. Wenn's drauf ankommt, tut dann doch niemand was, weil er sich damit lächerlich machte. Andererseits hat Edmund Stoiber nie versäumt, sich diesen Ruf zu schaffen, sich lächerlich zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Hat Stoiber Humor?
Hildebrandt: Er vermittelt Humor.
SPIEGEL ONLINE: Durch unfreiwillige Komik?
Hildebrandt: Indem er zum Beispiel im Wahlkampf sagt: "Ich mache nicht nur leere Versprechungen, ich halte mich auch daran."
SPIEGEL ONLINE: Kann er selbst darüber lachen?
Hildebrandt: Nein, ich glaube nicht mal später.
SPIEGEL ONLINE: Anfang des Monats traf sich Stoiber mit Kardinal Friedrich Wetter, Vertretern von Protestanten, Juden, Griechisch-Orthodoxen und einem Islam-Experten in der bayerischen Staatskanzlei, um über die Mohammed-Karikaturen und die MTV-Papstsatire "Popetown" zu beraten. Sie kamen zum Schluss, religiöse Überzeugungen müssten besser geschützt werden. Einen Monat zuvor hatte Stoiber erstmals ehrenamtliche Kirchenmitarbeiter geehrt für ihre unentgeltliche Arbeit. Kurz nach seinem Rückzug aus Berlin hatte er eine Audienz beim Papst. Wird Stoiber frömmer auf seine alten Tage?
Hildebrandt: Nein, der Stoiber hat sich jetzt entschlossen, in Bayern zu bleiben. Es wäre alles nicht so schlimm geworden, wenn er der Superminister von Frau Merkel geworden wäre. Jetzt versucht er wieder in die Grundsätze bayerischer, christkatholischer Politik einzusteigen. Er macht das, was man von ihm erwartet.
SPIEGEL ONLINE: Religionsgesetze aus Opportunismus?
Hildebrandt: Klar. Mehr sag ich dazu nicht.
SPIEGEL ONLINE: Wegen der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in westlichen Medien brannten vor Monaten noch westliche Botschaften in der arabischen Welt. Wo liegt für Sie als Kabarettist die Grenze? An welchem Punkt werden religiöse Gefühle anderer verletzt?
Hildebrandt: Karikaturen sind notwendig. Laut Tucholsky sollen sie grenzenlos satirisch sein. Ich dagegen finde, die Karikatur hat ihre Grenze in der Intelligenz dessen, der sie herstellt. Ich habe meine eignen Tabus, und die halte ich durch.
SPIEGEL ONLINE: Sie können von sich sagen, noch nie auf religiösen Gefühlen anderer herumgetrampelt zu sein?
Hildebrandt: Ich kann gar nicht auf ihnen rumtrampeln, weil ich die Tabus meiner Zuschauer ja gar nicht kenne. Jeder hat schließlich seine eigenen Empfindlichkeiten.
SPIEGEL ONLINE: Lässt sich denn dann Stoibers Forderung nach einem "Grundkonsens" erfüllen, "dass nicht alles mit Füßen getreten werden darf, was anderen heilig ist"?
Hildebrandt: Natürlich: mit Glaube, Liebe, Hoffnung! Klar. Logisch. Als Koordinatenkreuz.
SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie die Späße. Stoiber droht immerhin mit drei Jahren Gefängnis für Gotteslästerer.
Hildebrandt: Die Satire lebt doch vom Überschreiten von Grenzen. Nehmen wir mal irgendeinen Sachverhalt an, und die Satire stellt diesen in einen anderen Zusammenhang, den so bisher niemand gesehen hat. Wenn dies jemanden verletzt, dann diejenigen, die das bewirkt haben, was zu der Satire geführt hat - und die sollen ja verletzt werden. Oder besser: Sie sollen angestochen werden, beschimpft werden, durchsichtig gemacht werden in ihren Handlungen.
SPIEGEL ONLINE: Sind diejenigen schnell verletzt, die einen beschränkten Horizont haben?
Hildebrandt: Ja, genau.
SPIEGEL ONLINE: Hat nicht jeder das Recht, einen beschränkten Horizont zu haben?
Hildebrandt: Absolut. Jeder hat das Recht auf Dummheit. Das ist ein Grundrecht. Das Recht auf Arbeit dagegen nicht.
SPIEGEL ONLINE: Im Monty-Python-Klassiker "Das Leben des Brian" werden religiöse Inhalte und Formen verhöhnt
Hildebrandt: der ist wahnsinnig komisch. Die Leute lachen, und sie müssen lachen.
SPIEGEL ONLINE: Nicht alle lachten, viele Christen protestierten gegen den Film.
Hildebrandt: Tut mir Leid, dann ist deren Lebensgefühl etwas durcheinander.
SPIEGEL ONLINE: Das Lebensgefühl vieler strenggläubiger Christen ist durcheinander?
Hildebrandt: Es gibt Teile der Bevölkerung, bei denen so etwas durchaus denkbar ist. Wenn ich mir etwa Leserbriefe zu Gemüte führe, dann weiß ich doch oft: Hier ist ein Lebensgefühl eingeschränkt. Da ist Beschränktheit der Grund des Briefes.
SPIEGEL ONLINE: Warum verstehen religiöse Eiferer meist keinen Spaß?
Hildebrandt: Wenn sie Humor hätten, würden sie ja nicht eifern. Die Eiferer gehen davon aus, dass sie andere Menschen mitziehen und mitreißen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Kabarettisten reißen hin und wieder auch Menschen mit.
Hildebrandt: Das kann schon passieren. Da müssen Sie vorsichtig sein.
SPIEGEL ONLINE: Kommen wir auf die Blasphemie zurück. Dahinter steckt die Vorstellung, dass jemandes Ehre angegriffen wird. Wenn wir an das "Feld der Ehre" denken, oder an die "verletzte Ehre", die im Duell wieder hergestellt werden soll - hat der Begriff Ehre nicht längst ausgedient?
Hildebrandt: Es kann durchaus sein, dass jemand Ehre hat oder selbige braucht. Wer etwa verleumdet wird, dem entzieht man die Würde und damit einen Teil der Ehre. Ehrverletzungen kommen ständig vor, insofern kann der Begriff nicht ausgedient haben. Nur der Missbrauch des Begriffs hat ausgedient.
SPIEGEL ONLINE: Obwohl die Kirchen gerade relativ viel Zuspruch erfahren, verlieren sie über die Jahre doch Kirchgänger und Mitglieder. In der europäischen Verfassung war kein Gottesbezug mehr vorgesehen. Welche Rolle wird das Christentum in Europa in Zukunft spielen?
Hildebrandt: Das hängt davon ab, was die Christen glauben, sich erlauben zu dürfen. Das Christentum müsste sich jetzt eigentlich zusammenschließen, um für den Kampf gerüstet zu sein, der auf uns zukommt. Es wäre ganz schlecht, wenn die Kirche ihre Kraft verlöre.
SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie den sogenannten Kampf der Kulturen?
Hildebrandt: Ich meine das, wovor Willy Brandt vor langer Zeit gewarnt hat. Wir haben einen Nord-Süd-Krieg, der anfängt, aktuell zu werden.
SPIEGEL ONLINE: Verläuft die Front nicht vielmehr innerhalb der westlichen Welt? Benedikt XVI. spricht von der Diktatur des Relativismus, der das Abendland gefährde.
Hildebrandt: Ach Gott. Das klingt sehr klug. Ich glaube ihm das nicht. Das ist ein typischer Ratzinger-Satz. Das heißt mit anderen Worten: Er möchte auf jegliche Ironie, auf jegliche satirischen Elemente verzichten. Er möchte pur regieren. Relativismus ist etwas Verderbliches, etwas Jesuitisches, und die Jesuiten liebt er nicht besonders. Ich glaube, Opus Dei liegt ihm näher.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch gibt es eine moderne, gottlose Gesellschaft und eine Kirche, die sich in ihr befindet.
Hildebrandt: Es gibt eine kleine, treue Gruppe von gläubigen Menschen, die ganz echt gläubig sind. Und wir haben eine große Menge von Opportunisten, die sich der Kirche und des Gottes versichert. Leute, die zwar nicht an die Hölle glauben, aber dennoch Angst vor ihr haben. Das ist besonders lächerlich.
SPIEGEL ONLINE: Heuchler?
Hildebrandt: Heuchler und Frömmler, ja.
Das Interview führte Alexander Schwabe