Von Marie Preuß
Letschin - Horst Müller geht hier nicht weg. "Höchstens mit de Beene zuerst." Seit knapp 40 Jahren wohnt der gebürtige Thüringer in dem großen hellblauen Haus am Rand von Letschin, einem Dorf im Märkischen Oderland. Mit ihm zusammen lebt "die Frau", wie er seine Angetraute schlicht nennt. Außerdem noch zwei Schafe, Katzen, Hühner, ein großes und ein kleines Pferd.
Wenn es nach einem Gutachten des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ginge, müssten Herr Müller und Frau ihre Heimat bald verlassen. Und sie würden dafür auch noch bezahlt. Eine Studie zum demografischen Wandel in Brandenburg, vom Landtag in Auftrag gegeben, erhofft sich von einer Prämie für abwanderungswillige Bürger, die unaufhaltsame Entsiedelung der Gebiete beherrschbar zu machen.
Denn die Entwicklung in den brandenburgischen Gebieten ist alarmierend. Immer mehr Schulen werden geschlossen, Siedlungen stehen leer, Dörfer sind entvölkert. Die Studie geht davon aus, dass im Jahr 2030 jeder dritte Brandenburger älter als 65 Jahre alt sein wird. Heute ist es bereits jeder fünfte. Im Vergleich zu 2004 wird Brandenburg dann einen Verlust von rund 470.000 Menschen zu verzeichnen haben. Die Infrastruktur des Landes bröckelt. Kanalisationssysteme und notärztliche Versorgung drohen vielerorts zusammenzubrechen. Bereits heute sind 173 Hausarztpraxen unbesetzt. 2030 werde es in manchen Landkreisen nicht einmal mehr einen Allgemeinarzt geben, warnt das Institut.
Mehr Geld den Kommunen
Um die Probleme zu lösen, müsse vor allem Bildung massiv gefördert werden. Die Studienverfasser fordert, den Bildungshaushalt "zum wichtigsten Finanzposten des Bundeslandes" zu machen und die Kommunen selbst darüber entscheiden zu lassen, wofür die Mittel eingesetzt würden. Außerdem sollten mehr Initiativen über Stiftungen gefördert werden. Um die Pflege der alternden Bevölkerung sicherzustellen, regt das Gutachten die Einrichtung von Mehrgenerationenhäusern an.
Der umstrittene Plan des Berlin-Instituts sieht außerdem vor, spärlich besiedelte Landschaften wieder in Wildnis zurückzuverwandeln. Wölfe und Füchse sollen dort leben, wo Herr Müller in all den Jahren seinen Spargel anbaute, Gänse züchtete und Kürbisse pflanzte.
"Das ist gaga!"
"Der Vorschlag bereitet mir Bauchschmerzen", sagt Peter Hettlich, Bundestagsabgeordneter der Grünen. Die Studie sei zwar sehr gut, sie enthalte hauptsächlich "urgrüne Vorschläge", jedoch hält er es für "relativ gaga, dass die Politik sich anmaßt, Lebensqualitäten zu verschreiben". Alte Menschen müssten das Recht haben, dort ihren Lebensabend zu verbringen, wo sie aufgewachsen sind.
"Wenn ein Dorf ausstirbt, dann werden wir nicht dagegensteuern", beteuert er. Eine gewisse soziale Infrastruktur müsse schon vorhanden sein, aber ob die Oma länger auf ihren Arzt warten muss, weil der 30 Kilometer weit entfernt ist, seien Konsequenzen und freie Entscheidungen, welche die Menschen selbst treffen müssten, so Hettlich. Die Politik solle vor allem ehrlich sein und die Wahrheit aussprechen. Im Klartext: Wer in der Provinz wohnt, darf keinen Großstadtservice erwarten.
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"Selten werden die Kartoffeln so heiß gegessen, wie man sie gekocht wurden." Es will doch keiner in diktatorischer Art ganzel Landstriche wüsten. Aber, ohne hier "die ultimativ zutreffenden" Indikatoren [...] mehr...
Es ist unglaublich: Ganze Landstriche sollen aufgegeben werden, die Geburtenzahlen sinken, Hunderttausende wandern aus. Und dann soll es weitere Einwanderung geben. "Wir bleiben hier, wir packen an" - das ist nicht [...] mehr...
ich weiß, aber vielleicht wollte man noch mit etwas zeitnähe zum tag der deutschen einheit, dem ganzen thema die fehlende mediale brisanz verschaffen. mehr...
das schöne aber an diesem vorschlag, und das mögliche ergebnis der entstehenden riesenstädte ist aber, daß die audio- und videoüberwachung in solch "geschlossenen" räumen viel effektiver und konsequenter durchgeführt [...] mehr...
Was im Titel für Dörfer angedacht wird, das wird schon längst in den Städten praktiziert und nennt sich Stadtumbau OST. Da gibt es direkte/indirekte Prämien/Anreize, sein angestammtes Revier/Wohnviertel zu verlassen u´m dieses [...] mehr...
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