Matthias Platzeck Held im Havelland
Im Anfang war die Wende. Überall in den neuen Ländern wurden 1989/90 politische Anfänger in Ämter und Mandate gespült. Zumal in den ostdeutschen Parteineugründungen, wie dem "Bündnis 90" oder der Sozialdemokratischen Partei (SDP), deren Organisationsstrukturen "von oben" aufgebaut wurden, in denen daher sämtliche Hierarchieebenen zeitgleich entstanden. Klassische "Ochsentouren" waren diesen Bedingungen fremd, Seiteneinstiege folglich eher die Regel denn die Ausnahme. Matthias Platzeck war anfangs nur einer unter vielen.

Ministerpräsident Platzeck mit Kinderprinzenpaar: Glücksfall Brandenburg
Foto: DDPIn ihrer Kombination aus Anpassung, Affirmation und Auflehnung dürfte sich auch Platzecks DDR-Vita in den üblichen Bahnen bewegt haben. Platzeck ließ sich anstecken vom Fortschrittsglauben, ragte als leistungsstarker Schüler heraus und erlebte den Ausbau des sozialistischen Staates nicht als Niedergang, sondern als greifbaren Aufbau: Etwas anderes als Mauer und SED hatte der 1953 geborene Platzeck schließlich nie kennengelernt.
Andererseits waren in der DDR gegen Ende der 1970er Jahre die Luftverschmutzung und das beginnende Baumsterben nicht mehr zu übersehen. Platzeck stellte dies alles als Mitarbeiter am Institut für Lufthygiene in Karl-Marx-Stadt auch so fest, sammelte Daten über Smog-Konzentrationen und Schadstoffbelastungen. Seine Berichte jedoch verschwanden in den Schränken seines Instituts - ein Schock für den politischen Wissenschaftler.
Politischer Start in einer Umweltbewegung
Anfang 1988 gründete Platzeck daher mit Bekannten und Interessierten die "Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtentwicklung", Argus. In Eigeninitiative räumten die AGler den historischen Potsdamer Pfingstberg auf und machten ihn der Öffentlichkeit wieder zugänglich. Anders als bei vielen mit der Kirche verbundenen Umwelt- und Oppositionsgruppen nahm im Rahmen der Argus-Treffen der Zerfall der DDR jedoch erst recht spät einen Raum ein.
1989/90 saß Platzeck über die Umweltbewegung dann mit am "Runden Tisch". Auch in dieser Situation war sein Auftreten gegenüber den Vertretern des Regimes noch geprägt vom Blick auf das eventuell Mögliche und Durchsetzbare. Das Rechthaberische und Eifernde der kirchlich geprägten Bürgerbewegung gingen ihm unverändert ab. Seine eigenen biographischen Metamorphosen und Inkonsistenzen hatten ihn gelehrt, dass es glasklare und über alle Zweifel erhabene, moralisch unangreifbare Positionen nicht gab.
Das Brandenburger Umfeld war dabei ein Glücksfall für Platzeck. Nur hier schaffte es die SPD in den 1990er Landtagswahlen, die CDU zu übertrumpfen und stärkste Partei zu werden. Und nur in Brandenburg konnte eine Koalition auf Landesebene einer Partei wie dem Bündnis 90 - für das Platzeck kandidierte - den Weg in die Regierungsverantwortung ebnen.
Landesvater Manfred Stolpe als wichtiger Förderer
Als einer der wichtigsten Förderer Platzecks erwies sich der erste brandenburgische "Landesvater" Manfred Stolpe, der ihn zum Umweltminister ernannte. Er war eine Art Schutzherr, der seinem jungen Ressortleiter Freiraum ließ und ihn gleichzeitig vor allzu heftigen politischen Wettern abschirmte.
Platzeck wiederum stand Stolpe auch während des Konflikts um dessen Stasi-Kontakte bei, brach darüber aber mit dem Bündnis 90. Zu abgehoben und borniert, zu sehr auf weltfremde und wolkige Grundsatzfragen kapriziert erschien ihm die Partei.
Respekt über die Grenzen der Partei
Mit seinen neuen Parteifreunden, den sozialdemokratischen Genossen, stand Platzeck allerdings zunächst in einer eher schwierigen Beziehung. Das betont unbekümmerte, an sachlichen und fachlichen Entscheidungskriterien und kaum parteitaktisch ausgerichtete Auftreten des Potsdamers machte sie skeptisch.
Platzeck stellte sich dann aber bei zwei Gelegenheiten in den Dienst seiner Partei, was ihm weit über ihre Grenzen hinweg Respekt eintrug. Im Rückblick sollten sich die Oderflut 1997 und Platzecks Übernahme des Oberbürgermeisterpostens in Potsdam als Meilensteine auf seinem Weg in die Staatskanzlei erweisen, die er schnell und zupackend auch als solche erkannte.
Bei der Oderflut fungierte Platzeck als Mittler zwischen den zunehmend erschöpften, gegen die drohenden Deichbrüche ankämpfenden Soldaten und Freiwilligen, den um ihr Hab und Gut bangenden Anwohnern und der versammelten Medienlandschaft. Aber auch wenn sein Instinkt ihm half, die Flut als drohende Katastrophe zu erahnen, so sollte doch nicht übersehen werden, dass seine Rolle eher symbolischer Natur und ein großer Teil des glimpflichen Ablaufs schlichtweg glücklichen Zufällen geschuldet war.
Über Potsdam nach Berlin
Der Abstecher in die Kommunalpolitik als Oberbürgermeister in Potsdam bot Platzeck anschließend die Möglichkeit, eine parteipolitische Verwurzelung von Grund auf nachzuholen und sich nachträglich eine Hausmacht aufzubauen, die er für eine spätere, gewichtige Rolle in der Landespolitik brauchen würde. Zudem: Da die Potsdamer Stadtverwaltung in dem Ruf stand, abgehoben und bürgerfern zu sein, und weil der Name Platzeck seit dem Fluteinsatz als Synonym für positive Motivation und Aufopferungsbereitschaft galt, gelang es ihm schon durch kleine Änderungen und eine weiträumige Einbindung lokaler Akteure, einen Politikwechsel zu suggerieren. Ein Eindruck, der sich durch harte politische Fakten allein nicht hätte begründen lassen.
Dass er mit der Amtszeit in Potsdam endgültig den Status des Seiteneinsteigers und den Geruch des unkonventionellen, der traditionellen Parteipolitik fernstehenden Lokalpolitikers verlor, veränderte jedoch die langfristigen Erfolgs- und Rahmenbedingungen seiner politischen Laufbahn.
Die Wandlung zum Parteipolitiker, der nicht nur einem Fachgebiet verpflichtet war, ließ bei Platzeck nunmehr den politischen Stil des optimistischen Pragmatismus vor die jeweiligen inhaltlichen Fragen treten. Sein persönliches Ansehen und die ihm zuerkannte Glaubwürdigkeit ersetzten als Handlungsressourcen immer stärker seine fachliche Kompetenz in der Umweltpolitik. Ein sympathisches, politisch aber unverbindliches Schwiegersohn-Image wurde jetzt zu seinem Markenzeichen - woran sich alsbald Missfallen in der eigenen Partei entzündete.
Überhaupt verstimmte die verschwörerisch-klandestin anmutende Art und Weise, in der Stolpe Platzeck Schritt für Schritt auf der parteiinternen und exekutiven Karriereleiter emporrücken ließ, viele Genossen. Gefragt werden wollte die Landes-SPD natürlich schon, nicht als reine Abnickerin fungieren für im Brandenburger Küchenkabinett festgezurrte Entscheidungen.
Dünne Personaldecke verhilft zu schnellem Aufstieg
Doch Platzeck brauchte sich nur in Geduld zu üben. Stolpe schuldete ihm Dankbarkeit und Anerkennung über die in der Vergangenheit gezeigte Loyalität. Wie bei allen Parteien der neuen Bundesländer war die Personaldecke der brandenburgischen SPD zudem dünn, sodass es neben Platzeck im Jahr 2002 kein anderes Nachwuchstalent gab, das der SPD den Rang als stärkste Partei zu erhalten versprach. Dies erlaubte ihm ein Hineinwachsen in die politische Spitze, ohne dass er Gefahr lief, auf ungewohntem Terrain zu stolpern - wie es so vielen neuen politischen Spitzenkräften in den Jahren nach der Wende ergangen war.
Geduld war für Platzeck zudem eine notwendige Tugend, da er als anfangs misstrauisch beäugter politischer Quereinsteiger in der SPD nicht in den Verdacht geraten durfte, ein politischer Ehrgeizling und Karrierist zu sein. Die persönliche Glaubwürdigkeit und Authentizität aus seinem Vorwende-Engagement in der Umweltbewegung aufrecht zu erhalten, war schließlich unerlässlich, um das öffentlichkeitswirksame Bild des um seine Heimat Brandenburg sich sorgenden Politikers zu konservieren.
Platzecks Erfolg auch über Brandenburg hinaus hat sicherlich viel mit der Tatsache zu tun, dass er die lokalen Wurzeln in der Potsdamer DDR-Umweltbewegung sehr rasch als politische Ressource begriff und die Verwurzelung in Brandenburg als entscheidende Grundlage seines persönlichen Ansehens nie aufgab.
Unsicheres Auftreten außerhalb des Lokalrahmens
Wie die spätere Kritik an ihm in seiner Zeit als Bundesparteivorsitzender zeigte, war freilich als Kehrseite derselben Medaille sein Auftreten außerhalb Brandenburgs und ohne den ihm Sicherheit gebenden Lokalrahmen schnell unsicher. Fern der Heimat wurde sein politischer Stil als blendend, effektheischend und substanzlos gescholten.
Innerhalb seines Brandenburger Wirkungskreises war Platzeck unangefochten. Je weiter er aber auf der politischen Hierarchieleiter nach oben stieg, desto stärker erwarteten die Genossen von ihm, Richtungsentscheidungen zu treffen, Leitlinien zu skizzieren, kurz: auch konzeptionell zu führen. Der unmittelbare Problemdruck der Nachwendekrise erforderte andere Talente als eine Partei, die sich ihrer selbst und der bewährten politischen Heilmittel nicht mehr sicher war. In Berlin wirkte der pragmatische Vorsitzende nur mehr fad, uninspiriert und ohne inneren Kompass.
Kurzum: Matthias Platzeck hat die vielen ihn begünstigenden Faktoren in der Landespolitik mit einem bemerkenswerten Instinkt zu nutzen verstanden, hatte glücklichen Konstellationen viel zu verdanken. Über das Bundesland Brandenburg hinaus aber, erst recht als Vorsitzender einer kriselnden Partei, vermochten die Einflussgrößen, die ihn als politischen Quereinsteiger bis in die Staatskanzlei geführt hatten, nicht mehr weiter zu tragen.