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Hoteldorf Vnà Musterprojekt mit Macken

Ein ganzes Dorf als Hotel: Ein preisgekröntes Tourismuskonzept machte das verschlafene Schweizer Örtchen Vnà europaweit bekannt. Lokale Bauern und Handwerker erhofften sich eine rosige Zukunft, die Abwanderung sollte gestoppt werden. Doch jetzt regt sich Unmut.
Von Florian Leu
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bevor sie ein bröckelndes Haus zum Hotel umbauen ließ, schrieb die Unternehmerin Urezza Famos ihre Idee auf. Daraus machte sie ein Heft. Dann sammelte sie Geld.

Die Idee ging so: Das Haus Piz Tschütta mitten im Dorf, in das sich schon lang kein Pächter mehr traute, wird umgebaut und neu eröffnet. Die Gäste kommen und essen Gerichte, die aus Zutaten der Gegend gemacht werden. Im hoteleigenen Laden kaufen sie Schnitzereien und Wolle, Filzhüte und Eierwärmer - alles aus der Umgebung. Sie schlafen im Haupthaus oder in einem seiner Satelliten: renovierte Zimmer unter dem Dach der Einheimischen. Famos schrieb, das Hotel werde die Gemeinde beleben, die Abwanderung bremsen.

"Ein Dorf wird zum Hotel", so lautete ihr Slogan. Und das Geld floss. Zwei Millionen Franken kamen zusammen, allein die Schweizer Berghilfe spendete 250.000 Franken. Und am 1. Mai ging tatsächlich die handgeschnitzte Tür des frischeingerichteten Hotels auf, und nachts leuchteten die Lichter des Hauses auf den jahrelang so dunklen Dorfplatz.

Ein halbes Jahr später machen die ersten Einheimischen einen Bogen um das Hotel. Nino Casura zum Beispiel, ein Bauer mit rotgeäderten Händen und einer Zigarette zwischen den Lippen. Er setzt sich ins Gasthaus Arina und sagt: Zu schick sei das Hotel für ihn und viel zu teuer. Wo früher sein Stammtisch stand, dort getraue er sich heute nicht mehr hin in seinen fleckigen Hosen.

Auch hätten die Leiter des Hotels mehr versprochen, als sie hielten. Noch immer warteten die Einheimischen auf den Hotelladen mit einheimischen Produkten, für den das Geld der Berghilfe geflossen sei. Am Anfang war Nino Casura begeistert von der Idee, aus dem Dorf ein Hotel zu machen. Heute hält er allenfalls die Vermarktung des Projekts für gelungen. Die anderen am Tisch nicken, in den Händen halbleere Weißweingläser, in den Mundwinkeln hängen glimmende Zigaretten.

Schnitzfiguren und Nusstorten

Wenn er das Postauto nach Vnà lenkt, hört der Fahrer Chasper Mischol die Stimmen der Touristen hinter sich. Stimmen, die von der Idee des Dorfes als Hotel schwärmen. Mehr als 200 Artikel seien in den Zeitungen erschienen, das Hotel sei eine Ikone der Nachhaltigkeit, hört er die Leute tuscheln. Und eben erst habe eine Stiftung zur Förderung nachhaltiger Entwicklung dem Hotel einen Preis verliehen.

Tatsächlich sind viele Menschen im Dorf eingebunden in dieses Projekt. Willi Joos zum Beispiel verkauft seine selbstgemachten Holzfiguren im Hotel, eine Bäuerin backt Nusstorten, ein Bauer liefert Kalbfleisch. Eine andere Bäuerin putzt die Hotelzimmer, eine weitere hilft im Service, während ihr Sohn in der Hotelküche die Teller wäscht. Ein Dorf als Hotel, liest man. Ein Hotel als Zentrum eines Netzwerks, denkt man. Ein Ort so still, dass man den eigenen Puls hört, wenn man durch die Gassen geht. Bestens.

Chasper Mischol kurvt hinein ins Dorf, holpert übers Kopfsteinpflaster. Jede Stunde hält hier sein Bus, und eine Schar Touristen läuft über den Dorfplatz, begleitet vom Klackern ihrer Wanderstöcke. Die Gäste gehen hinein ins Hotel Piz Tschütta, betreten knarrende Holzböden, kommen vorbei an schneeweißen Wänden und schlafen später in Laken, die täglich gewaschen werden.

Sie wissen nicht, dass deutsche Arbeiter die Böden geschliffen haben, obwohl Schreiner von hier den Job hätten machen können. Dass Maler aus Baden die Wände gestrichen haben, obwohl hiesige Handwerker Interesse daran gehabt hätten. Dass die Bettwäsche im 40 Kilometer entfernten Samedan gereinigt wird, obwohl das die Leute im Dorf machen könnten. Sie kennen auch nicht Monica Mayer, eine Bäuerin aus Vnà, die mit dem Hotel kooperiert. Im matten Licht ihrer Stube sitzt sie und lobt die Unternehmerin Urezza Famos für ihren Tatendrang und ihre Ausdauer.

Dann aber sagt Mayer, sie habe mehr davon, wenn sie ihre Zimmer selbst vermiete statt übers Hotel. Bekommt sie Gäste vermittelt, bleiben die kaum eine halbe Woche und wollen das Zimmer täglich gereinigt haben. Und ihr Vieh verkaufe sie lieber dem Großverteiler. Das gehe schneller, sei besser bezahlt und mit keinen Feilschereien verbunden. Das weiß keiner der Touristen, die Chasper Mischol eben nach Vnà gefahren hat. Doch er weiß es. Und weil er es weiß, ist er aus der Stiftung Fundaziun Vnà, die das Projekt vorangetrieben hat, längst wieder ausgetreten.

Grenzen der Vernetzung

Ginge es nach dem Schweizer Botschafter bei der Welthandelsorganisation WTO, Luzius Wasescha, könnte Vnà ein Musterbeispiel sein für den ganzen Alpenraum. Die Alpenländer müssten regionale Labels entwickeln, sagt Wasescha, um ihre Produkte besser zu schützen und zu vermarkten. Sie müssten lernen, auf die Erzeugnisse und Fähigkeiten der Einheimischen zu setzen, auf die Stärken des lokalen Netzes. Genau das tut das Hotel Piz Tschütta: Auf den Tisch kommen Bündnerfleisch und Bier aus dem Nachbarsdorf. Karotten, die im Tal aus den Feldern gezupft wurden. Tee aus dem Oberengadin. Zuletzt ein Gläschen Schnaps, gebrannt ganz in der Nähe.

Für lange Zeit schien der Ort dem Verfall preisgegeben zu sein: 1962 machte in Vnà die Schule dicht, dann das Gasthaus Piz Tschütta, früher der wichtigste Treffpunkt im Dorf. 1999 machte man den letzten Laden zu, schließlich die Poststelle. Vor 60 Jahren lebten hier 200 Leute. Heute sind es noch 60. Und sie wissen, wie man zusammenhält.

Die Konzentration auf lokale Spezialitäten allerdings ist nichts Neues in diesem Unterengadiner Winkel auf 1630 Meter über dem Meeresspiegel, im tiefen Südosten der Schweiz. Schon früher hatte man für das Gasthaus gearbeitet und dieses mit einheimischen Produkten beliefert, ganz abgesehen vom Austausch von Landmaschinen und anderen Gütern. Der Schreiner hobelt noch heute für die Bauern die Bretter, dafür bekommt er Äpfel und Kartoffeln kostenlos und kistenweise.

Geld und Know-how aus dem Umland

All das weiß auch Urezza Famos. Sie kennt die Grenzen der lokalen Vernetzung. Für die anspruchsvollen und aufwendigen Bauarbeiten habe sie Fachkräfte aus dem Unterland nehmen müssen, weil den Einheimischen die nötigen Kenntnisse fehlten, sagt sie. Manchmal verstünden die Leute in Vnà nicht, dass für solche Projekte Wissen und Geld von außen kommen müssten. "Sonst hätten wir das Haus nicht umbauen können, wie wir es taten - alles biologisch. Und das Geld hätten wir nie zusammenbekommen."

Betrachtet der Tourist das Hotel, dann ist es offensichtlich: Hier treffen Tradition und Moderne zusammen. Den Wänden, Balken und Böden ist anzusehen, dass Maler und Schreiner mit großer Sorgfalt arbeiteten. Für den von vielen ersehnten Laden fehlten noch 40.000 Franken, sagt Famos. Die kritischen Stimmen - vielleicht verstummen sie, wenn der Laden eröffnet ist.

Als würde einer das Licht ausknipsen, so schnell bricht in Vnà die Nacht herein. Die wenigen Laternen flackern, zwischen ihnen tappt man im Dunkel und hört von fern das Bimmeln der Kuhglocken, ganz leise. Leer liegt der Dorfplatz da, hell strahlt das Hotel. Eine andere Bäuerin im Dorf hat gesagt: "Das Projekt mag nicht perfekt sein - immerhin leuchten jetzt wieder die Lichter in den kleinen Fenstern."

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