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Probefahrt mit "Quantum of the Seas": Gondel am Stiel

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Die "Quantum of the Seas" ist das größte in Deutschland gebaute Kreuzfahrtschiff, ein schwimmender Freizeit- und Technologiepark. Bald bricht sie zur Jungfernfahrt auf. Ein Besuch.

"Quantum of the Seas": Und was, wenn der Strom ausfällt? Fotos
Getty Images

"Geh du nur. Ich schau gerne zu." Diese großzügige Geste ist vor dem Einlass zum North Star öfter zu beobachten. In der schwenkbaren Glasgondel sind die Plätze begrenzt - und Höhenangst scheint verbreiteter als gedacht. Als die Tür zugleitet, stellt sich schon die Frage: Muss man ein Kreuzfahrtschiff unbedingt aus Drohnenperspektive erleben?

Sanft schiebt sich die London-Eye-ähnliche Kugel an dem Teleskoparm in die Höhe und seitwärts weit über Reling und Meer. Bis zu 90 Meter hoch schweben die Gondelgäste über den Bugwellen der "Quantum of the Seas". Der Neubau der US-Reederei Royal Caribbean, das größte in Deutschland gebaute Kreuzfahrtschiff, absolviert gerade im Ärmelkanal seinen ersten Fahrtag mit Gästen. Aus der Vogelsicht schrumpft der Pool auf dem Oberdeck zur Pfütze, das große schwimmende Hochhaus mit einer Bruttoraumzahl (BRZ) von 167.800 wirkt fast übersichtlich.

Und was, wenn jetzt der Strom ausfällt? In einer Glaskugel in 90 Meter Höhe?

Royal Caribbean International
"Kein Problem", sagt Patrik Dahlgren, Schwede und bei Royal Caribbean für diese Konstruktion verantwortlich. Zum einen sei aus Sicherheitsgründen alles doppelt vorhanden - so auch Notfallgeneratoren. Zum anderen: "Wir haben vier Sicherungssysteme für den North Star - zwei davon funktionieren auch ohne Strom: Mechanisch kann man die Gondel innerhalb von 20 Minuten zurückkurbeln. Außerdem gibt es ein Evakuierungssystem via Seil, fast wie eine Zip Line." Der Kranarm im Übrigen halte auch Windgeschwindigkeiten von bis zu 50 Knoten aus - "Orkanstärke", sagt Dahlgren.

Orkan im Windkanal

Ein Orkan tobt bereits im Fallschirmsprungsimulator. In der gläsernen Säule am Heck, die noch über der rauschenden Surfanlage thront, wirbeln Aspiranten durch Windgeschwindigkeiten von 170 km/h in die Höhe. Der sogenannte iFly und der North Star sind beides "First at Sea"-Aktivitäten - Premieren auf einem schwimmenden Freizeitpark - und dazu bestimmt, neugierig auf den Neubau aus der Papenburger Meyer Werft zu machen.

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Größe sei nicht mehr alles im Kampf um Kunden, heißt es in der Branche. Auch die "Quantum of the Seas" und ihre 2015 in See stechende Schwester "Anthem of the Seas" mit Platz für rund 4180 Passagiere übertreffen nicht die "Oasis"-Klasse, mit der Royal Caribbeanseit 2009 die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt stellt. Jetzt zählen zunehmend die inneren Werte: Urlaubserlebnisse an Bord sollen vielfältiger und mehr auf die Gäste zugeschnitten sein und außerdem die dringend benötigte neue Zielgruppe der Mittzwanziger ansprechen.

Wie soll das auf der "Quantum" gelingen, die Ende November zu ihrer offiziellen Jungfernfahrt aufbricht? Mit "einer hippen und abenteuerlichen Zukunft auf dem neuesten Stand der Technik", hofft Richard D. Fain, Chef von Royal Caribbean International. Und mit viel Wahlfreiheit im Kreuzfahrtalltag.

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In der spacigen Multifunktionshalle Seaplex etwa prallen erst Autoscooter aufeinander und bemühen sich am Abend Rollschuhläufer um Haltung. In der dreistöckigen Veranstaltungsarena Two70° lassen Roboterarme sechs LED-Flatscreens im Takt mit Tänzern und Sängerinnen wirbeln. Noch mehr Roboter finden sich an der Bionic Bar auf Deck 5, die sich ungelenk im unfallfreien Cocktailschütteln übten. Und noch mehr Spielkram in den Innenkabinen mit ihren virtuellen Balkons - fensterförmige Flatscreens mit Meeres-Live-Übertragung.

Durch das Konzept des "Dynamic Dining" können die Gäste sich durch fünf Restaurants mit Menükarten aus aller Welt testen, statt allabendlich in einem großen Hauptrestaurant zu speisen. Dazu kommen fünf Spezialitätenrestaurants mit Aufpreis, darunter Jamie Olivers Italian. Außerdem auffällig für ein Schiff auf See: viele Gäste, die auf ihren Smartphones im Internet surfen. "Niemand will mehr abgeschnitten sein", sagt der 66-jährige Fain. Und bestimmt nicht die Zielgruppen der Familien und Mittzwanziger.

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Nach der Indienststellung Ende November soll schnelles und satellitengestütztes W-Lan die "Quantum" auf hoher See mit der Welt verbinden. Auf der Probe-Ärmelkanal-Fahrt funktioniert dies noch mit Aussetzern. Mittels der Handy-App "Royal iQ" können dann an Bord und auch schon vor der Fahrt Veranstaltungen, Restaurantbesuche, Spa-Termine und Landgänge gebucht werden.

Was den Gästen nicht begegnete, sind auffällige Hinweise auf die Umwelttechnik. Im Gegensatz zu deutschen Reedereien sehen die US-Amerikaner dies nicht als Werbefaktor - vielleicht um gar nicht erst Aufmerksamkeit auf den immensen Treibstoffverbrauch zu lenken? Neuheiten, die Energie sparen und Abgase reinigen sollen, gibt es dennoch auch auf der in der deutschen Meyer Werft gebauten "Quantum".

Ein Luftblasenteppich unter dem Rumpf etwa, der die Reibung verringern soll, oder ein kombiniertes Entschwefelungs-Stickoxidkatalysator-System. Mit einem solchen Scrubber hatte Tochter-Reederei TUI Cruises ihr neues Flaggschiff "Mein Schiff 3" im Sommer zum "umweltfreundlichsten Kreuzfahrtschiff der Welt" erklärt. Der Betrieb funktionierte zunächst nicht ganz fehlerfrei.

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Abgesehen von Roboter-Tanz und Autoscooter-Crashs - die "Quantum of the Seas" zeigt sich im Design der Kabinen, Bars und Restaurants erstaunlich elegant und erinnert an die "Solstice"-Klasse der Celebrity-Schiffe des Konzerns.

Wer braune Farbtöne allerdings nicht mag, wird leiden. Wer das Knalligbunte und oft Verspielte der "Oasis of the Seas" schätzt, wird es auf der "Quantum" vermissen - oder sich ins Spezialitätenrestaurant "Wonderland" flüchten, in dem die Stühle riesig, das Essen absonderlich und die Bedienung ganz im "Alice im Wunderland"-Stil gekleidet ist.

Zum Stromausfall auf der Gondelfahrt kam es nicht. Nach knapp zehn Minuten endete der Höhenflug auf Deck 15. Mitten in der Nacht ertönt dann doch eine dringende Durchsage bis in die Kabinen: "Alpha Alpha Alpha Galley Wonderland". Ob es ein Feuer in der Restaurantküche war? Oder ein verletzter Koch? Wie funktionierten die Notsysteme? Am nächsten Morgen herrschte in dieser Hinsicht freundliches Schweigen, Probleme gibt es nicht im "Quantum"-Freizeitpark.

Die "Quantum of the Seas" wird am 14. November in Port Liberty in New Jersey getauft und am 23. November zur Jungfernfahrt zu den Bahamas aufbrechen. Ab Mai startet sie auf eine Weltreise gen Shanghai, wo ab Ende Juni ihr Heimathafen sein wird. Im Frühjahr 2015 stellt Royal Caribbean das Schwesterschiff "Anthem of the Seas" in Dienst, sie wird von Southampton aus zunächst innerhalb Europas unterwegs sein.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Windgeschwindigkeit
siegfried_klaus 11.11.2014
Herr Dahlgren scheint sich viele Gedanken zu seiner Konstruktion gemacht zu haben. Bei einem Orkan möchte ich aber nicht in seinem Gefährt sitzen. 15 Knoten sind bei Weitem nicht Orkanstärke. "Der Kranarm im Übrigen halte auch Windgeschwindigkeiten von bis zu 15 Knoten aus - "Orkanstärke", sagt Dahlgren." (spiegelonline) vgl: Deutscher Wetterdienst, Wetterlexikon: www.dwd.de "Der Begriff "Orkan" wird in der Windstärkeskala als Bezeichnung für Windgeschwindigkeiten von 64 Knoten (118 km/h) oder mehr verwendet"
2. ?
Georg_Alexander 11.11.2014
Zitat: "Urlaubserlebnisse an Bord sollen vielfältiger und mehr auf die Gäste zugeschnitten sein..." Auf wen waren sie denn vorher zugeschnitten?
3.
larrydavid1 11.11.2014
Zitat von siegfried_klausHerr Dahlgren scheint sich viele Gedanken zu seiner Konstruktion gemacht zu haben. Bei einem Orkan möchte ich aber nicht in seinem Gefährt sitzen. 15 Knoten sind bei Weitem nicht Orkanstärke. "Der Kranarm im Übrigen halte auch Windgeschwindigkeiten von bis zu 15 Knoten aus - "Orkanstärke", sagt Dahlgren." (spiegelonline) vgl: Deutscher Wetterdienst, Wetterlexikon: www.dwd.de "Der Begriff "Orkan" wird in der Windstärkeskala als Bezeichnung für Windgeschwindigkeiten von 64 Knoten (118 km/h) oder mehr verwendet"
"Der Kranarm im Übrigen halte auch Windgeschwindigkeiten von bis zu 50 Knoten aus - "Orkanstärke", sagt Dahlgren." Erst richtig lesen - dann meckern!
4.
MaxLi 11.11.2014
Brot und Spiele für die Dummen. Sonnenuntergänge vom Bildschirm, Autoscooter und Gondeln, dazu ein paar Restaurants und Bars sowie ein Bett. Zwischendurch natürlich noch ein wenig Gehetze durch die Hafenstädte. Irgendwie frage ich mich persönlich ja schon, warum so viele Menschen so viel Geld sowie ihre kostbare Freizeit opfern, nur um auf dem Meer Freizeitaktivitäten nachzugehen, welche man auch problemlos auf jedem Volksfest und in jeder Stadt Verurteilen tue ich es hiermit nicht, nur wundern
5. Langweilig
cor 11.11.2014
Nicht mal ein McDonalds mit Drive In hat das Teil und die Achterbahn fehlt auch.
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"Quantum of the Seas"
Reederei Royal Caribbean International
Schiffsregister Bahamas
Bau Meyer Werft, Papenburg
Tonnage 167.800 BRZ
Länge 348 Meter
Breite 41 Meter
Tiefgang 8,50 Meter
Geschwindigkeit 22 Knoten
Kabinen 2094
Max. Passagierzahl 4180
Taufe 14. November in Cape Liberty, New Jersey
Jungfernfahrt ab 23. November 2014 ab New York
Quelle: Royal Caribbean

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