Ortenau: "Mein Gott, ist das schön hier"

Von Oliver Lück

Die Wußlers leben dort, wo andere Urlaub machen. Die Ortenau zwischen Schwarzwald und Oberrhein zählt zu den schönsten Landschaften Baden-Württembergs. Versteckt in einem beschaulichen Seitental liegt ihr Bauernhof - ein Stück heile Welt, in der sich viel um eines dreht: den Selbstgebrannten.

Bauernhof in Baden: Eine Insel im Schwarzwald Fotos
Oliver Lück

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Wer zu den Wußlers will, braucht Geduld. Von Ödsbach, einem badischen Dorf mit 1600 Menschen, führt eine enge Straße in vielen Kurven durch ein schmales Seitental, wie es typisch für den Nordschwarzwald ist. Obstbäume trotzen der Schwerkraft, stehen bedenklich schief an steilen Hängen. Nur vereinzelt gibt es ein paar Höfe. Dass der nächste Nachbar Hunderte Meter entfernt wohnt, ist hier normal. Immer dann, wenn man glaubt, dass die Straße ein Ende hat, folgt die nächste Kurve, Kilometer für Kilometer. Dort, wo sich das Tal öffnet, breiter wird und die asphaltierte Straße aufhört, liegt der Bauernhof der Familie Wußler.

Kaum angekommen, sitzt man schon am großen Holztisch in der Küche. Beim Abendbrot lässt sich viel über die Wußlers erfahren. Clemens Wußler und Sohn Bernhard erzählen, wie sie am Vormittag mit der mehr als hundert Jahre alten Kelter 200 Liter Apfelsaft gepresst haben. Lioba Wußler hat im Holzofen 30 Brote gebacken. Morgen früh soll gebuttert werden. Milch, Eier, Honig, Marmelade, Rahmkäse, Gemüse, Obst, Kräuter und Fleisch vom eigenen Vieh - fast 80 Prozent ihrer Lebensmittel stellen die Wußlers selber her. "Wir haben uns schon immer selbst versorgt", sagt die 55-jährige Bäuerin. Ihr Mann sagt: "Keine Masse, sondern Qualität."

Wenn der 63-Jährige spricht, wird das Erzählte meist von seinen kräftigen Händen begleitet. Sie wirbeln durch die Luft, manchmal knallt sogar eine flache Hand auf den Tisch. Er kann selten ruhig sitzen, gedanklich ist er oft bei der Arbeit. Er sagt: "Arbeit gibt es genug." Und der Familienname beschreibt ihn gut: Er wuselt sich durchs Leben. Als ältestes von sechs Kindern wurde er auf dem Hof geboren. Schnell war klar, dass er den Betrieb übernehmen würde. Fast 64 Hektar Fläche, drei Viertel davon sind Mischwald.

Dort, wo Baden am schönsten ist

Sie könnten jeden Tag ins Holz gehen, er und sein Sohn. Bauholz und Weihnachtsbäume, Brennholz und Tannengrün. "Im Wald gibt es immer was zu tun", sagt Clemens Wußler. Er trägt ein kariertes Hemd, einen grünen Filzhut und einen Vollbart, der mal pechschwarz gewesen und fast vollständig ergraut ist. Eigentlich werde er ja mit K geschrieben, sagt er, "mit C ist aber schöner". Er ist selten verlegen um einen Spruch, der ihm hilft, durch den Alltag zu kommen. Und nun steht er auf, um zu zeigen, was er meint, wenn er von Qualität spricht: Er holt den Selbstgebrannten.

Das Ödsbachtal liegt in der Ortenau, einer Region zwischen Schwarzwald und Oberrhein, 30 Kilometer breit, 60 Kilometer lang - dort, wo Baden am schönsten ist, wie die Einheimischen sagen. Es ist eine Obstgegend. Allein in Oberkirch, der nächstgrößeren Stadt mit ihren 20.000 Einwohnern, gibt es 900 Hausbrennereien. Der Bischof von Straßburg hatte 1726 ein Gesetz erlassen, das den Bauern erlaubte, das überschüssige Obst zu Schnaps zu machen. 1816 kamen die ersten Wußlers ins Ödsbachtal, seither wird auf dem Fiegenhof gebrannt. Und schon als Kind war Clemens Wußler dabei, wenn Großvater und Vater Obst destillierten.

Heute wachsen auf den Streuobstwiesen Mirabellen, Äpfel, Zwetschgen, Birnen, Kirschen und verschiedene Beeren. Die Böden sind fruchtbar. Der Hof liegt knapp 500 Meter hoch, das Klima ist mild, fast mediterran. "Hier wächst alles", sagt Clemens Wußler. An einem Hang steht mannshoher Topinambur, aus der Süßknolle brennt er einen 45-Prozentigen. Viel weniger sollte ein guter Edelbrand nicht haben. Mindestens sechs Wochen braucht die Maische, bis sie vergoren ist. In mehreren Brenngängen wird sie zu Alkohol, der zwei Jahre in Stahltanks reift. 300 Liter reinen Alkohol dürfen die Wußlers jedes Jahr produzieren, mit Wasser verdünnt werden rund 600 Liter Kirschwasser, Apfelschnäpsli oder Blutwurz daraus.

Insel des einfachen Lebens

Im Kuhstall läuft das Radio. "Die Tiere sind dann ruhiger", sagt Bernhard Wußler, "und ich bekomme mit, was in der Welt passiert." Er sei eher der Einzelgänger, sagt der 26-Jährige, er könne gut alleine sein. Aber einsam würde er das Leben auf dem Hof nicht nennen. Einsamkeit sei ein zu großes Wort. Er sagt: "Hier ist mehr Trubel, als man glaubt." Wanderer und Radfahrer kommen vorbei. Fast täglich nehmen Leute den Weg auf sich, um Lebensmittel oder Flüssignahrung abzuholen. Der Hof ist wie eine Insel des einfachen Lebens in ländlicher Abgeschiedenheit. Und auf dieser Insel ist viel Platz für Besucher - Menschen, die sich nach Ruhe, nach einem Stück heiler Welt und etwas Romantik auf einem Bauernhof sehnen, wo Mobiltelefone keinen Empfang haben.

Seit über hundert Jahren kommen Feriengäste auf den Fiegenhof. Im Haus hängen vergrößerte Schwarzweißbilder aus dem Jahr 1936. Sie zeigen den Urgroßvater von Bernhard Wußler, wie er im Wald zersägte Holzstämme auf einen Pferdekarren lädt. Ein Feriengast, der erstmals als Vierjähriger hier Urlaub gemacht hatte, hatte die Aufnahmen gemacht - heute ist der Mann 93, verbringt noch immer jedes Jahr einige Tage im Ödsbachtal und genießt den Ausblick: Nordwärts kann man über die bewaldeten Hügel bis zur Hornisgrinde gucken, dem fast 1200 Meter höchsten Bergrücken der Gegend. Westwärts sieht man über die Rheinebene hinweg bis nach Straßburg, rund 30 Kilometer entfernt. In der Nacht ist die Grenze gut zu erkennen, dort, wo die Straßenbeleuchtung gelb wird, beginnt Frankreich.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. ....
Pepito_Sbazzagutti 16.08.2011
Beneidenswerte Menschen.
2. Was SPON wirklich sagen will
slider 16.08.2011
Was SPON wirklich sagen will : In Ortenau ist das so schön, dass es sich nur mit Alk aushalten läßt.
3. kein
iman.kant 16.08.2011
ja wirklich beneidenswert - aber die Arbeit wäre mir zu hart mein ganzes Leben.
4. -
berlin_rotrot 16.08.2011
Grüne wiesen anstatt stinkendes Kopfsteinpflaster, Dönerreste und Gebrochenes! Back 2 the Roots! Für die Familie der ideale Platz zum Großwerden :-)
5. Nicht nur die Gegend ist schön & der Schnaps ist klasse,..
manosocke 16.08.2011
auch die Mädels sind ganz nett in der Ortenau. Ich bin nach dem Studium aus der norddeutschen Tiefebene in die Ortenau geflüchtet und möchte dort nicht mehr weg. Für mich eine der schönsten Ecken Deutschlands (und nicht weit bis in`s Elsaß, die Schweiz und Italien). Ein idealer Platz zum Leben.
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Zur Person
Nadide Fuchs

Oliver Lück, Jahrgang 1973, lebt als freier Journalist und Fotograf zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein. Für die SPIEGEL-ONLINE-Serie "Lück und Locke" war er mit Hund und Wohnmobil in Europa unterwegs.

Für "16 Länder, 16 Leben" wird Lück jeden Monat aus einem anderen deutschen Bundesland berichten.

Webseite Lück und Locke