LITERATUR Auf der Suche nach Therese
Der junge Mann weiß, was er wert ist und wo es langgeht. Und Glück hat Sebastian Zöllner auch. Seine tüchtige Freundin Elke lässt den ehrgeizigen Kunstkritiker mit in ihrem Luxusapartment wohnen. Über die Bücher eines lästigen Konkurrenten darf er böse Verrisse schreiben. Und nun ist er im Auftrag eines Verlags unterwegs, um einen einstmals berühmten alten Maler der Avantgarde zu treffen, über den er eine große Biografie schreiben will.
Es sind allenfalls die kleinen Misshelligkeiten, die ihm das Leben erschweren: Viel Geld hat er nicht, nach einem Vorschuss hat er nicht zu fragen gewagt, also muss er im Liegewagen fahren, wo er nachts gestört wird, und am nächsten Morgen kann er sich nicht einmal rasieren, weil offenbar kein Strom da ist. Kein Wunder, dass er sich mit dem Zugbegleiter anlegt.
Zöllner ist der Ich-Erzähler in Daniel Kehlmanns drittem Roman »Ich und Kaminski"*. Sollte der 1975 in München geborene, heute in Wien lebende Kehlmann etwa ein Glückskind auf die Reise geschickt haben, einen Winner-Typ - nach all den scheiternden und zumeist etwas seltsamen Figuren, die man aus seinen bisherigen Büchern kennt?
Immerhin ist der Autor selbst mittlerweile so etwas wie ein Wunderkind der deutschen Literatur. Kehlmanns Debütroman »Beerholms Vorstellung« erschien 1997. Schon den zweiten Roman »Mahlers Zeit« (1999) lobte die »Neue Zürcher Zeitung« als Werk »eines fertigen Schriftstellers, der souverän den sanften Schrecken kalkuliert«. Vorher hatte die »Frankfurter Allgemeine« festgestellt: »Die Stärke der Sprache Kehlmanns ist ihre Schnörkellosigkeit.«
Außer den beiden Romanen hat der fleißige Autor noch einen Band mit Erzählungen ("Unter der Sonne«, 1998) und
eine Novelle ("Der fernste Ort«, 2001) publiziert. Mal waren erfolglose Wissenschaftler seine Helden, mal war es ein irritierter Zauberer, ein entnervter Pyromane oder ein lebensmüder Manager, angegriffene Figuren allesamt, die von Kehlmann sanft ins Abseits erzählt wurden.
Und nun also dieser Zöllner, der mit sich so völlig eins und zufrieden scheint: Der Mann geht die Dinge direkt an, er fackelt nicht lange. Kaum hat er sich in dem abgelegenen Bergnest einquartiert (wenn auch mehr schlecht als recht), wagt er schon (ein wenig außer Atem freilich) den Aufstieg zum Haus des Künstlers hinauf - und muss erleben, dass man ihn kaum hereinlassen will, da er zwei Tage zu früh dran ist, was er weiß, wie sich herausstellt.
Kaminski heißt der fiktive Maler, auf dessen Spur Kehlmann seinen omnipotenten Helden setzt und für den er eine angemessene Künstlerkarriere entworfen hat: André Breton schrieb einen begeisterten Artikel, Picasso kaufte drei Bilder, Matisse gab ihm Ratschläge. Berühmt aber wurde Kaminski einst durch die Dreistigkeit eines Galeristen: Der hängte neben ein diffuses Gemälde ein Foto, das den Schöpfer mit dunkler Brille zeigt, und schrieb dazu: »painted by a blind man«.
Dennoch ist der Mann, von dem immerhin eine Bildserie mit dem nichts sagenden Titel »Reflexionen« komplett im New Yorker Metropolitan Museum hängt, nun etwas in Vergessenheit geraten, und Zöllner hofft im Grunde auf Kaminskis baldiges Ableben und kommende Retrospektiven - aber bitte erst nachdem jener ihm, und nur ihm, die Geheimnisse seines Lebens anvertraut hat. Ist Kaminski wirklich blind? Und was war mit Therese, der geheimnisvollen großen Liebe des Malers?
Doch die Tochter des Künstlers lässt den hoffnungsvollen Biografen nur kurz mit ihrem Vater reden, und der erweist sich als ziemlich verschroben. Oder spielt er nur? Am nächsten Tag besticht Zöllner die Haushälterin, um sich in Abwesenheit der Tochter in dem Haus umzusehen. Er wühlt in Schubladen, liest in Briefen (darunter dem schönen Abschiedsbrief von Therese).
Längst hat Autor Kehlmann mit feinen Mitteln klar gemacht, dass der Welt- und Selbstwahrnehmung seines Ich-Erzählers nur sehr bedingt zu trauen ist - und dass die Reihenfolge im Romantitel richtig gewählt ist: »Ich und Kaminski«. In drolliger Verkennung seiner Wirkung (auch und gerade auf Frauen) legt Zöllner sich mit allen an, überschätzt sich unendlich und muss immer wieder mit der Nase darauf gestoßen werden - wie von Elke, die hinter ihm hertelefoniert: Sie habe seine Koffer gepackt, er solle endlich ausziehen.
Seinen Meister aber findet er in dem alten Mann, den er zu seinem Objekt machen wollte und der ihm das Konzept komplett aus der Hand nimmt. Um Kaminski zum Reden zu bringen, hat Zöllner ihm gleich den einzigen Pfeil hingeworfen, den er im Köcher hatte: Er wisse, dass Therese noch lebe und wo - sie sei gar nicht tot, wie alle Kaminski einst hatten glauben machen wollen.
Doch statt zu reden, sagt der Alte nur: »Wir fahren hin.« Und unversehens sitzt der Kunstkritiker als Chauffeur im BMW des anspruchsvollen Meisters ("Sie müssen früher schalten") - immerhin schon wieder voller Hoffnung, nämlich so wenigstens »die zentrale Szene« für sein Buch zu haben: die Wiederbegegnung der Liebenden nach einem halben Menschenalter.
Die Fahrt mit Kaminski gerät zur erzählerischen Bravournummer. Was immer Kaminski von sich preisgibt, bringt nur neue Verwirrung. Und als er schließlich noch einen Fremden auf einem Rastplatz ins Auto bittet, der vom Rücksitz kommentiert, bekommt das ganze fast Becketthafte Züge.
Aber Kehlmann weiß selbst das zu dosieren: Er ist ein souveräner Erzähler, sicher im Ton, mit festem Griff für den Lauf der Geschichte. Wie er das Treffen mit Therese arrangiert, wie er dem Ganzen noch einmal eine überraschende Schlusswendung gibt - das ist hinreißend. Und irgendwie schafft er es sogar, den tumben Zöllner am Ende nicht ganz als dummen August dastehen zu lassen. VOLKER HAGE
* Daniel Kehlmann: »Ich und Kaminski«. Suhrkamp Verlag,Frankfurt am Main; 176 Seiten; 18,90 Euro.