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Interview mit Cem Özdemir "Der DFB ist selber Schuld"

Zwei Tore von Bundesliga-Legionären bescherten der Türkei im Freundschaftsspiel gegen Deutschland einen Sieg. Cem Özdemir, Europa-Abgeordneter der Grünen, kritisiert im Interview mit SPIEGEL ONLINE das mangelnde Gespür der DFB-Scouts für türkischstämmige Talente.
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SPIEGEL ONLINE:

Herr Özdemir, die Türkei hat das Freundschaftsspiel mit 2:1 gewonnen. Müsste es nicht 3:0 für Deutschland stehen - schließlich wurden alle Tore von in der Bundesrepublik ausgebildeten Spielern gemacht?

Özdemir: Wenn das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht schon vor zehn Jahren geändert worden wäre, dann wäre die deutsche Mannschaft heute in Istanbul als Sieger vom Platz gegangen und Klinsmann hätte einige Sorgen weniger. Es ist doch ein Witz, der eine Altintop ist Torschützenkönig in der Bundesliga, der andere schießt das entscheidende Tor für seine Mannschaft gegen Mailand - und Bastürk ist einer der entscheidenden Spieler bei Hertha BSC. Der Trainer von Arsenal London hält den Dortmunder Bundesligaspieler Nuri Sahin, der heute in seinem ersten Länderspiel das 2:0 gemacht hat, für ein Jahrhunderttalent und keiner wundert sich hier darüber, dass sie allesamt für die Türkei spielen.

SPIEGEL ONLINE: Die Fußball-Kommentatoren haben dafür auch jetzt wieder familiäre Bindungen verantwortlich gemacht. Spielen türkischstämmige Spieler, die in Deutschland aufgewachsen sind, lieber für die Türkei als für die Bundesrepublik?

Özdemir: Völliger Quatsch. Der Vater von Nuri hat doch erklärt, dass er nichts gegen einen Einsatz seines Sohnes für Deutschland gehabt hätte. Wenn der DFB bei der Auswahl von Spielern schläft und den - ich betone - deutschen Fußballnachwuchs dem türkischen Fußballverband überlässt, ist er selbst schuld. Es ist wie vor dem neuen Zuwanderungsgesetz: Wir lassen ausländische Studenten hier mit deutschen Steuergeldern studieren, damit sie anschließend in den USA Arbeitsplätze schaffen. So macht es der deutsche Fußball mit den Deutsch-Türken. Hier geboren und im Verein, aber für die Türkei Tore schießen. Wer den Nuris, Hamits und Halils erklärt, dass sie in Deutschland Ausländer sind, braucht sich doch nicht zu wundern, wenn sie sich auch so verhalten. Und es sind nicht nur die Deutsch-Türken: Ivan Klasnic, Hamburger Junge, lief am Samstag für Kroatien auf. Konservative Politik ist eben nicht nur schlecht fürs Land, sondern auch für den deutschen Fußball.

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SPIEGEL ONLINE: Rot-Grün hatte sieben Jahre Zeit, die Wirklichkeit auf den Bolzplätzen in Deutschland dem Staatsangehörigkeitsrecht anzupassen.

Özdemir: Gemach, gemach. Wenn der DFB keinen Blick für junge deutsch-türkische Talente hat, muss man sich nicht wundern. Es ist doch ein Hammer, dass Nuri kein vernünftiges Angebot vom DFB hatte. Der türkische Fußballverband war wieder mal schneller. Spätestens nach der WM in Korea und Japan hätte man hierzulande wissen müssen, wie geschickt der türkische Fußballverband in Deutschland Spieler anwirbt. Der DFB braucht dringend Headhunter mit deutsch-türkischem Hintergrund. Denn ich bin skeptisch, ob in Deutschland aus jungen FDP wählenden Beachvolleyballern eines Tages gute Fußballer werden können. Der Franz Beckenbauer von heute heißt eben Nuri mit Vornamen - und dies muss endlich in die Köpfe der Fußballrepublik.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Hoffnung: Der Anschlusstreffer zum 1:2 von Oliver Neuville für die deutsche Elf war doch klasse.

Özdemir: Stimmt. Super Treffer. Unsere U21 hat am Freitag gegen Wales mit 4:0 gewonnen. Alle Torschützen haben übrigens einen Migrationshintergrund. Das ist das neue Fußballdeutschland. Oliver Neuville hat in Istanbul einen Ehrentreffer gelandet. Er war nebenbei bemerkt der einzige Torschütze auf dem Platz, der nicht in Deutschland geboren wurde. Neuville stammt aus Locarno in der Schweiz.

Mit Cem Özdemir sprach unmittelbar nach dem Spiel Claus Christian Malzahn