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Zweitliga-Prognose Kampf um die Liga der Träume

Sechs wollen ganz nach oben, nur zwei werden es sicher schaffen: Kaiserslautern, St. Pauli, Bielefeld und drei weitere Zweitligisten rangeln in der Rückrunde um den Bundesliga-Aufstieg. SPIEGEL ONLINE wagt eine Prognose, wer am Saisonende feiern darf.
Von Carsten Eberts und Frieder Schilling
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
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Lautern und St. Pauli: Starke Stammelf der Spitzenteams

Foto: Martin Rose/ Bongarts/Getty Images

Zweieinhalb Stunden vor der Bundesliga startet am Freitag die Zweite Liga in ihre Rückrunde. 17 Spieltage sind noch zu überstehen, maximal 51 Punkte zu holen. 1530 Minuten haben die Vereine noch Zeit, jede Menge Tore zu erzielen und möglichst viele zu verhindern. Spätestens am 9. Mai stehen die beiden Auf- und Absteiger sowie die zwei Teams fest, die in die Relegation müssen.

In der Hinserie haben sich zwei Teams im Aufstiegskampf besonders ausgezeichnet: der 1. FC Kaiserslautern und der FC St. Pauli. Neun Punkte Vorsprung hat der Tabellenführer aus der Pfalz auf den Relegationsplatz, der halbe Eintrittspreis in die Bundesliga scheint bezahlt. Das Team vom Millerntor liegt mit sechs Zählern hinter Lauterern auf dem zweiten Rang.

Geht es so klasse weiter für die beiden stärksten Teams der Hinrunde? Welche Mannschaften haben noch Chancen, sie zu verdrängen? SPIEGEL ONLINE wagt eine Prognose - und beginnt mit dem Spitzenreiter:

Böse Zungen behaupten, es sei egal, ob Marco Kurz noch Trainer des 1. FC Kaiserlautern sei. Seine Arbeit sei schließlich am 8. August 2009 um Punkt 13 Uhr verrichtet gewesen: Mit Anpfiff des ersten Hinrundenspiels gegen Greuther Fürth (2:1) hatte Kurz eine Zweitliga-Mannschaft aufgestellt, die gut funktionierte, sehr gut sogar. Die kämpfte, wie sie es in Lautern mögen, die plötzlich gegnerische Abwehrreihen zerlegte, wie sie es in der Pfalz zuletzt in Zeiten des Brasilianers Ratinho erlebten.

Dauerbrenner Dick und Amedick

Kurz hat seine Formationen in den folgenden 17 Spielen nur marginal verändert. Keine einzige Hinrundenminute verpassten Torwart Tobias Sippel, die Abwehr um die torgefährlichen Innenverteidiger Martin Amedick und Rodnei, Florian Dick sowie der plötzlich verletzungsfreie Alexander Bugera, der mit sieben Torvorlagen einer der besten Vorbereiter der Liga ist. Im Mittelfeld wirbelte meist die Flügelzange Sam/Ilicevic, davor der Slowaken-Sturm mit Erik Jendrisek (sehr schnell) und Adam Nemec (sehr bullig). Lauterns Offensive zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass pro Partie zumindest einer dieser vier Spieler einen ziemlich guten Tag erwischte.

So passt derzeit in der Pfalz alles zusammen. Der Zuschauerschnitt liegt mit 33.100 rund 10.000 über dem des Ranglistenzweiten aus Düsseldorf, und die Fans, die sich vor zwei Jahren schon tränenreich auf Lizenzentzug und den Abstieg in die sportliche Bedeutungslosigkeit eingestellt hatten, träumen mittlerweile von der Rückkehr in die Bundesliga. Das 1:4 am letzten Hinrundenspieltag in Augsburg soll nicht mehr als ein Ausrutscher gewesen sein.

Mannschaftsbastler Kurz, der im März 2009 noch bei 1860 München vom Hof gejagt wurde, übt sich derweil im kühler Moderation. Man müsse weiter aufpassen, sagt der 40-Jährige immer wieder. Zur Rückrunde haben sie den Leverkusener Pierre De Wit geholt, aus Frankfurt am Main Markus Steinhöfer, für den Fall, dass Stammkräfte ausfallen sollten. Wie Georges Mandjeck, der mit Kamerun beim Africa-Cup in Angola weilt. Nach guten Testspielleistungen dürfte De Wit für ihn die favorisierte Alternative sein. Kurz sagt aber auch, dass seine Mannschaft zu Recht dort oben steht: auf Platz eins, neun Punkte vor einem Nichtaufstiegsplatz. Und da sich die Konkurrenz aus Bielefeld oder Augsburg an Unbeständigkeit überbietet, ist kaum absehbar, dass die eingespielten Lauterer diesen Platz noch hergeben sollten.

Prognose: Der FCK kehrt nach vier Jahren als Zweitliga-Meister in die Bundesliga zurück.

Der Stolz des Stadtteils träumt vom Aufstieg

Obwohl bislang nur eine Viertelstunde auf dem Platz, hat Nils Pichinot dem FC St. Pauli den Weg gewiesen. Es war der 7. August, die Auftaktpartie gegen RW Ahlen, als er in der 76. Minute eingewechselt wurde. Rund 23.000 Zuschauer sahen bis dato ein enttäuschendes 1:1. Doch Sekunden vor Schluss erzielte Pichinot den Siegtreffer. Die Spielzeit begann mit drei Punkten statt einer Enttäuschung. Für den damals 19-Jährigen ging es trotzdem zurück zur zweiten Mannschaft, das Profiteam begann seinen Siegeszug ohne ihn. 33 Punkte, 41:20 Tore, Rang zwei zum Ende der Hinrunde. Nur zwei Jahre nach dem Wiederaufstieg in die zweite Liga.

"Spielerisch", betont Trainer Holger Stanislawski immer wieder, "spielerisch" habe sich sein Team diesen Tabellenplatz verdient. Das wäre kaum möglich gewesen ohne die durchweg geglückte Einkaufspolitik im Sommer. Matthias Lehmann gibt einen überragenden Sechser. Der ehemalige Aachener hat bereits fünf Tore erzielt und die St. Pauli-Fans dabei mit einigen sehenswerten Freistoßtreffern von ihrer Standardsituationen-Phobie geheilt.

Vor ihm bieten Rückkehrer Charles Takyi, der Ex-Bremer Max Kruse und Dauerläufer Florian Bruns oft fehlerfreien Tempofußball, wie ihn die Fans am Millerntor in diesem Jahrtausend noch nicht genießen durfte. Im Angriff läuft der beste Scorer der Liga auf: Marius Ebbers, zehn Tore, neun Vorlagen. Die Abwehr wird von Fabio Morena zusammengehalten, der trotz seiner 1,80 Meter Körpergröße jedes Kopfballduell zu gewinnen scheint. Kurzum: Ein Team, das den Gegner in der Hinrunde oft beherrscht hat, auswärts erfolgreicher war als im heimischen Stadion und innerlich gefestigt ist.

Pflichtspiel-Derby gegen den HSV, die Bayern am Millerntor - mehr geht nicht

Der Aufstieg wäre ein Traum für den Stolz des Stadtteils. Ausgerechnet im Jahr des 100. Geburtstags die Gewissheit eines Pflichtspiel-Derbys gegen den HSV zu haben, die Bayern empfangen zu dürfen - mehr geht nicht. Das alles vor einer neuen Haupttribüne, die im Sommer stehen soll, dazu finanziell gesund - der FC St. Pauli bietet ein Bild, das von den Anhängern vor wenigen Jahren noch als völlige Utopie verhöhnt worden wäre.

St. Paulis ohnehin schon solide besetzte Bank ist durch Zugänge in der Winterpause noch weiter verstärkt worden, selbst die Verletzung von Stammspielern würde kein Debakel bedeuten. Zudem spricht der Spielplan für St. Pauli. Einen Rückrunden-Auftakt gegen den Tabellenletzten aus Ahlen wünscht sich wohl jeder, es folgen Aachen, Duisburg, der KSC und Frankfurt. Und auch zum Ende der Spielzeit warten potentiell ungefährliche Gegner: Koblenz, Fürth und Paderborn.

Prognose: Der FC St. Pauli spielt kommende Saison im Oberhaus.

Wer aber könnte Kaiserslautern und St. Pauli auf ihrem Weg in die Bundesliga stoppen? Sie über die Relegation möglicherweise begleiten?

Die Herausforderer der zwei Spitzenteams

Bei Arminia Bielefeld haben sich die Verantwortlichen die Saison anders vorgestellt. Das kann man daran ablesen, dass Gerüchte über eine Rückkehr von Arthur Wichniarek die Runde machten. Der Torjäger aus früheren Tagen ist bei Bundesliga-Schlusslicht Hertha BSC unglücklich, und Bielefeld will sportlich nicht länger allein von Torjäger Giovanni Federico (neun Treffer) abhängig sein. Als Federico noch Tore schoss, thronte die Arminia fünf Spieltage lang auf Platz eins. Als Federico nicht mehr traf, gewann Bielefeld keines der letzten sechs Hinrundenspiele. Und Wichniarek? Der "Neuen Westfälischen" sagte Trainer Thomas Gerstner, dass der Dauerpendler zwischen Berlin und Bielefeld nicht für Arminia spielen werde, solange Gerstner selbst dort Trainer sei. Das Thema dürfte sich damit vorerst erledigt haben.

Vor Saisonbeginn galt Bielefeld neben Duisburg als aussichtsreicher Aufstiegskandidat. Nun werden sie auf der Alm zunehmend nervös. Mehrfach erregte sich Gerstner über Schiedsrichterentscheidungen, erst über einen Elfmeter im Spiel gegen Düsseldorf (2:3), dann über ein aberkanntes Tor von Pavel Fort gegen Union Berlin (1:1). Aufregen bringe ja doch nichts, sagte Gerstner schließlich mit einem gehörigen Schuss Resignation. Was bliebe, sei ein ungutes Gefühl gegenüber einigen Referees. Wenn da mal nicht vor lauter Aufregung die Konzentration im Aufstiegskampf leidet.

Prognose: Bielefeld verbringt ein weiteres Jahr in Liga zwei.

Fortuna Düsseldorf hat eine beeindruckende Hinserie gespielt. In der eigenen Arena noch ungeschlagen, mit sieben Siegen und zwei Unentschieden das heimstärkste Team der Liga. In der Rückrunde treten jedoch St. Pauli und Kaiserslautern beim Aufsteiger an, zudem wird der MSV Duisburg in Düsseldorf gastieren. Auswärts hat die Fortuna erst zwei Siege feiern können, fünfmal reiste man ganz ohne Punkte ab. Eine ähnlich starke Rückrunde darf bezweifelt werden. Eher sieht es nach dem "Aufsteiger-Einbruch" aus, den Union Berlin nach ähnlich überraschendem Beginn bereits erlebt.

Beim Blick in die Vereinschronik kann sich auch kaum einer bei der Fortuna den Durchmarsch wünschen. Der letzte Mitte der Neunziger endete nach zwei Jahren im Oberhaus mit dem Absturz in die Viertklassigkeit. Ein weiteres Beispiel für den schnellen Fall nach dem lauten Knall: Immer noch verschollen nach gleichem Kunststück ist der SSV Ulm. Hoffenheim wird wohl niemand in der Stadt des Altbiers als Maßstab nehmen. Doch zwei Dinge sprechen für die Fortuna: Der Aufsteiger stellt mit 27,08 Jahren den zweitältesten Kader der Liga (minimal älter ist Augsburg). Erfahrung sollte somit genug vorhanden sein, wenn starke Nerven gefragt sind. Und niemand erwartet von der Mannschaft den großen Wurf.

Prognose: Der ziemlich sichere Klassenerhalt

Wenn der FC Augsburg nur ein wenig konstanter spielen würde: Die Mannschaft hätte ziemlich sicher auf dem Relegationsplatz überwintert. Doch der FCA leistete in dieser Hinrunde mitunter Bemerkenswertes. Dem 5:0 gegen Duisburg ließ die Mannschaft ein 0:1 zu Hause gegen Aachen folgen; im Derby bei 1860 München drückte man über 90 Minuten, verlor dennoch 0:1. So hat Augsburg - ziemlich unnötig - zwei Punkte Rückstand auf den derzeitigen Tabellendritten aus Bielefeld.

Zusammen mit Fortuna Düsseldorf ist der FCA die Überraschungsmannschaft der Saison. Herausragend agiert die Offensive um Torjäger Michael Thurk. Der Vielgereiste hat in Augsburg endlich sein perfektes Umfeld zum Toreschießen gefunden. Nun haben sie zur Rückrunde auch noch Nando Rafael zurück nach Deutschland geholt, der für Berlin und Mönchengladbach immerhin 22 Bundesliga-Tore schoss. Die Augsburger Abwehr jedoch kassierte 26 Gegentreffer, was im Vergleich zu Lautern (13), St. Pauli (20) und Bielefeld (14) bislang den Unterschied macht. "Wir wollen attraktiv spielen und gehen deshalb hohes Risiko", sagte Trainer Jos Luhukay. Der Preis dafür ist derzeit Rang fünf.

Ob die Bundesliga ein weiteres Kleinkaliber wie Augsburg tatsächlich braucht, ist die eine Frage. Dass der sympathische Trainer Luhukay allein wegen seines unmöglichen Schnauzbarts einen Akzent in der Bundesliga setzen würde, ist unbestritten.

Prognose: Der FCA holt sich den Relegationsplatz.

Wo sie hinwollen, wissen alle Aufstiegskandidaten. Aber kein Team hat so viele Akteure in seinen Reihen, die das gelobte Land schon kennen, wie der MSV Duisburg. Die Abwehr strotzt nur so vor Bundesliga-Einsätzen: Frank Fahrenhorst (216), Bernd Korzynietz (169) und Kapitän Björn Schlicke (88) kennen alle Tricks. Im Mittelfeld können Christian Tiffert (161), Ivica Grilic (43) und Chavdar Yankov (66) eine entsprechende Vita aufweisen, möglicherweise kommt noch der verletzte Tobias Willi zurück (155 Bundesliga-Spiele). Einzig im Sturm sieht es etwas dünner aus. Nur der ehemalige Schalker Sören Larsen (51) hat erwähnenswerte Erstliga-Erfahrung.

Das Duisburger Ungemach in der Hinrunde: der Start. Aus den ersten zehn Spielen holte das Team nur vier Siege. Der Aufstiegsfavorit dümpelte im Nichts. Es folgte die Trennung von Trainer Peter Neureurer, neu kam Milan Sasic. Der Kroate brachte den Aufschwung: Das Team beendete das Jahr 2010 mit fünf Erfolgen aus den letzten sieben Begegnungen. Kann die Mannschaft, die hin und wieder spielerisch durchaus überzeugen konnte, diesen Lauf fortsetzen, spielt der MSV weiter oben mit. Letztlich aber wird Duisburg seine Durchschnittlichkeit im Weg stehen. 29 erzielte Tore stehen 25 kassierten gegenüber, kein Aufstiegskandidat hat eine derart schwache Differenz. Weder offensiv noch defensiv ist das Team somit wirklich Spitze - das wird nicht reichen.

Prognose: Der MSV verabschiedet sich früh aus dem Aufstiegskampf.