Europas Club-Fußball Uefa will "Financial Fair Play"

Werder-Profi Frings (M.), Funchals Pecnik: Künftig gleiche finanzielle Voraussetzungen?
Foto: ddp"Wenn jetzt nicht gehandelt wird, befürchte ich für den europäischen Clubfußball bald das Aus. Ich vergleiche das mit der Internetblase." Die Prophezeiung von Frank Rutten, Geschäftsführer der niederländischen Ehrendivision, macht seit Längerem die Runde durch die Hinterzimmer von Club- und Ligenvertretern. Sie alle wissen: Transfersummen, Handgelder und Gehälter steigen immer weiter, bedrohen die wirtschaftliche Stabilität vieler Vereine. Die Entscheider im europäischen Fußball wollen handeln und schnellstmöglich neue Leitplanken in die Clublandschaft einziehen. Die maßgeblich verantwortlichen Architekten des Projekts "Financial Fair Play" kommen aus dem Hause des europäischen Fußballverbandes (Uefa) und der European Club Association (ECA).
Gemeinsam wollen sie bis spätestens 2015 eine wirtschaftliche Regulierung des europäischen Fußballmarktes auf den Weg bringen, um den Albtraum einer platzenden Blase, wie sie die Internetindustrie einst erfahren musste, im Sport noch abzuwenden. Denn auch im Profifußball wirtschaften viele Vereine auf Pump, geben mehr aus, als sie einnehmen.
Das Verfahren soll mittelfristig bei den Verbandswettbewerben Champions League und Europa League zur Anwendung kommen. "Das Hauptanliegen von Financial Fair Play ist es, das wirtschaftliche Gleichgewicht in den europäischen Wettbewerben zu verbessern und eine langfristige Stabilität im Clubfußball über ganz Europa hinweg sicherzustellen", hieß es in einer dazu von der Uefa veröffentlichten Mitteilung. Mit vier wesentlichen Schritten wollen die Protagonisten zu ihrem Ziel kommen, wie ein Blick auf den Entwurf verrät:
1. Die Verpflichtung der Vereine, über einen gewissen Zyklus hinweg pro Saison nicht mehr auszugeben als sie einnehmen.
2. Die Festlegung von Regeln zu Gehaltsobergrenzen und Transferausgaben.
3. Die Bestimmung von Indikatoren zur nachhaltigen Eingrenzung von Schulden.
4. Die Verpflichtung der Clubs, ihre Zusagen zu jeder Zeit einzuhalten. Alle Vorschriften sollen sich dabei mit dem Uefa-Clublizensierungsverfahren vereinbaren lassen.
Einführung vorerst ins Jahr 2015 verschoben
Was auf dem Papier zunächst eindeutig und leicht umsetzbar aussieht, ist in der Realität eine große Herausforderung. Das belegt schon der Fakt, dass Uefa und ECA erst Anfang März dieses Jahres beschlossen haben, die eigentlich geplante Einführung von Financial Fair Play zur europäischen Fußballsaison 2012/2013 vorerst ins Jahr 2015 zu verschieben. Die verantwortlichen Verbände ahnten von Anfang an, was auf sie zukommt: Im Kanon betonen sie immer wieder, wie weit und schwierig der Weg zur Einbettung des neuen Systems doch noch sei. Schwierig ist er vor allem deshalb, weil dem Konsens im Ganzen viele unterschiedliche Auffassungen im Einzelnen gegenüberstehen.
Erster Streitpunkt: Wie konsequent soll die Formel "nicht mehr ausgeben als einnehmen" umgesetzt werden? Der derzeitige Plan sieht vor, dass alle Teilnehmer der Uefa-Wettbewerbe für die vergangenen drei Geschäftsjahre eine mindestens ausgeglichene Bilanz aufweisen müssen, sonst erfolgt die Disqualifikation. Allerdings kritisierte zum Beispiel die Clubvereinigung ECA, dass die Regel erst bei Vereinen mit einem Jahresumsatz ab 50 Millionen Euro greifen soll und fordert: "Alle Vereine müssen gleich behandelt werden."
"Gute und schlechte Ausgaben"
Zweiter Diskussionspunkt: Welche Ein- und Ausgaben werden überhaupt berücksichtigt, um die finanzielle Gesundheit eines Clubs beurteilen zu können? Der Uefa schwebt derzeit vor, zu unterscheiden zwischen sogenannten "guten Ausgaben" und "schlechten Ausgaben". Doch wie kann man gut und schlecht rational definieren? Für die Architekten von Financial Fair Play sind die guten Investitionen zum Beispiel solche in die Jugendarbeit oder die Stadioninfrastruktur. Als schlechte Aufwendungen seien hingegen zum Beispiel Ablösesummen für Spielertransfers oder unangemessene Gehaltszahlungen zu verstehen.
Aber was ist überhaupt angemessen? Das könnte der dritte Eckpfeiler des Konzepts festlegen. Das Stichwort "Salary Cap" (Gehaltsobergrenze) steht schon seit Jahren auf der Agenda verschiedener europäischer Fußballorganisationen weit oben. Die Befürworter der Gehaltsobergrenzen streben an, die Löhne der Spieler künftig an den Umsätzen der einzelnen Clubs auszurichten. Mit anderen Worten dürften die Ausgaben für Spielereinkäufe dann einen gewissen Prozentsatz des Jahresumsatzes der Vereine nicht mehr übersteigen.
Viertens das Transferwesen: Neben den unregulierten Gehältern sind vielen die teilweise immensen Ablöseforderungen im europäischen Profifußball ein Dorn im Auge. Diese gefährdeten vor allem dann die Systemstabilität, wenn Vereine Spieler einkaufen, ohne die vereinbarte Transfersumme fristgerecht zu überweisen, glaubt Eredivisie-Chef Frank Rutten: "Es kann nicht sein, dass ein Club teilweise zwölf Monate und länger auf die Ablösesumme von Spielern warten muss", stellt der Liga-Obere klar. Dadurch kämen die Wartenden schnell in Zahlungsschwierigkeiten und müssten ihrerseits wieder Gläubiger vertrösten - ein Dominoeffekt.
Unstrittig ist, dass die Ablöseforderungen auch teils horrenden Provisionen für Spielerberater geschuldet sind, die insbesondere die europäische Clubvereinigung im Rahmen von Financial Fair Play eingrenzen will. Ein Problem, das auch DFL-Präsident Reinhard Rauball kennt und mit Zahlen belegen kann. So seien allein in der Bundesliga-Saison 2008/09 bei Spielertransfers 58 Millionen Euro an Berater geflossen - rund ein Drittel der 171 Millionen Euro, die bei den 36 Clubs des Liga-Verbandes in dieser Spielzeit insgesamt an Ablösesummen gezahlt wurden.