Bayern-Verräter Guardiola hatte schon bei Barça ein Maulwurf-Problem

Bayern-Trainer Guardiola (im Juli): Nichts darf nach außen dringen - eigentlich
Foto: Dennis Grombkowski/ Bongarts/Getty ImagesHamburg - Bayern-Trainer Josep Guardiola war am vergangenen Wochenende nicht einfach nur wütend. Laut "Bild"-Zeitung war Guardiola stinksauer. Eine Person, dieser nun so dringend gesuchte "Maulwurf", hatte zum wiederholten Mal interne Informationen an die Öffentlichkeit gegeben. "Jetzt werden Köpfe rollen", soll Guardiola gesagt haben, ausgerechnet jener Zeitung, die kurz zuvor die Informationen des "Maulwurfs" veröffentlichte hatte. In Anbetracht dieser martialischen Rhetorik sei die Lage ernst, sagt Miguel Gutierrez , Journalist und Experte für spanischen Fußball.
"Josep Guardiola flippt nicht einfach so aus. Er legt wahnsinnig viel Wert auf Stil und Anstand", sagt Gutierrez. "Die Situation reizt ihn bis aufs Blut." Gutierrez hat Guardiola beim FC Barcelona noch als Spieler erlebt, er sagt: "Kaum jemand trägt seine gute Erziehung so sehr nach außen wie Guardiola. Er weiß, wie man mit Menschen umgehen muss, Vertrauen und Integrität sind ihm äußerst wichtig."
Verstoß gegen interne Regeln
Gerade deshalb könne jemand wie Guardiola es nicht verstehen, dass Mitglieder des engsten Bayern-Zirkels offenbar andere Umgangsformen pflegen. Mindestens sechsmal hat dieser "Maulwurf" seit Guardiolas Amtsantritt im Juli Mannschaftsaufstellungen oder persönliche Details zu Konflikten verraten. Das verstoße gegen einen Codex, den Guardiola seinen Spielern laut Gutierrez zu Beginn der Arbeit beim FC Bayern auferlegt hat: Interna bleiben intern. Nichts darf nach außen dringen.
Guardiola bringt diese Einstellung aus Barcelona mit, wo er auf ganz ähnliche Weise enttäuscht wurde wie jetzt in München. Es war in der Saison 2011/2012, vier Spiele waren noch zu absolvieren, Barcelona hatte Real Madrid im Camp Nou zu Gast. Guardiola hatte eine Idee, mit der er Real-Trainer José Mourinho überraschen wollte: "Er plante, Cesc Fabrégas, Gerard Piqué, Pedro und Alexis Sachéz auf die Bank zu setzen. Sechs Stunden vor Anpfiff wussten das plötzlich die Medien", sagt der Guardiola-Kenner Marcos López im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Er hatte auf ein 3:4:3-System umgestellt und viel riskiert, und Mourinho hatte nun Zeit zu reagieren."
Mourinho veränderte die Positionen von Mesut Özil und Cristiano Ronaldo, Madrid gewann 2:1, errang wenige Wochen später die Meisterschaft - und Guardiola verließ Barcelona. "Wenn er je Zweifel gehabt hat, dann seit diesem Spiel. Seitdem war Misstrauen da", sagt López.
Doch es gehe Guardiola nicht nur um einen Vertrauensbruch, ergänzt Gutierrez: "Für ihn ist solch ein Verhalten ganz klar ein Verstoß gegen Regeln." Auch deshalb habe der Trainer im aktuellen Fall mit einem sofortigen Rauswurf gedroht, sollte er den Geheimnisverräter finden.
Kein Trainer zum Anfassen
Aber wozu all die Geheimniskrämerei? Was will Guardiola bei seinen Geheimtrainings und Geheimbesprechungen verbergen? "Er möchte seine Arbeit schützen", sagt Gutierrez. Guardiola verwendet Stunden, Tage und Wochen darauf, seine Mannschaft bestmöglich auf einen Gegner vorzubereiten. Er gilt als Besessener, als einer, der sogar nachts im Bett über Taktik und Aufstellungen nachdenkt. "Guardiola ist ein Verrückter des Fußballs. Er will alles kontrollieren", sagt López.
Es ist kaum verwunderlich, dass so jemand den Wert seiner zeit- und energieraubenden Arbeit geschmälert sieht, wenn ein Dritter nach außen trägt, was im stillen Kämmerlein erdacht wurde. "Es ist für Guardiola eine Frage des Respekts. Und natürlich sieht er durch so etwas auch seine Autorität unterwandert", sagt Gutierrez. "Auch deshalb hat er die Spielregeln jetzt noch einmal deutlich gemacht."
Schon als Trainer des FC Barcelona hatte Guardiola es vermieden, zu viel von sich selbst und seiner Arbeitsweise preiszugeben. Während der vier Jahre als Barça-Coach stand er für kein einziges Einzelinterview zur Verfügung, diese Praxis will er beim FC Bayern fortführen. Auch in Barcelona fanden schon "Geheimtrainings" außerhalb des Blickfelds der Öffentlichkeit statt, auch in Barcelona mussten die Spieler Guardiolas Ehrencodex folgen. "Es gehört zu seiner Art", sagt Gutierrez.
Seit Guardiola in München ist, gibt er bereitwillig eine Pressekonferenz nach der anderen, er stellt sich vor Reportermikrofone und Kameras. Die meiste Zeit bildet das, was er sagt, aber nur das ab, was man ohnehin sehen kann. "Guardiola ist immer höflich. Wenn jemand ein Autogramm möchte, würde er nie nein sagen", sagt Gutierrez. "Doch wirklich an ihn heran kommt niemand."