Dortmund-Sieg gegen Marseille Erlösung in Minute 87

Das war knapp: Mit einem Last-Minute-Sieg gegen Olympique Marseille zieht Dortmund ins Achtelfinale der Champions League ein. Zuvor vergab der BVB unzählige Chancen. Dass es am Ende gutging, ist einem einzigen Spieler zu verdanken.

AP/dpa

Aus Marseille berichtet


Es war das bislang wichtigste Spiel für Borussia Dortmund in dieser Saison. Schon vor Wochen hatte das Schicksal für dramatische Vorzeichen gesorgt. Ein Protagonist nach dem anderen fiel verletzt aus, in der Champions League wie in der Bundesliga gingen bedeutende Partien verloren. Das Duell mit Olympique Marseille war zum Endspiel geworden, das darüber entscheiden sollte, ob der BVB im kommenden Jahr noch um die Krone des europäischen Fußballs spielen darf.

Wer Spannung bis zum Schluss liebt, sollte die folgenden Sätze überlesen, allen anderen sei schon hier verraten: Alles wurde gut. Dortmund besiegte Olympique Marseille 2:1 (1:1) und zog als Gruppensieger ins Achtelfinale der Champions League ein. Doch wie es dazu kam, glich einem Drama - fast wäre es als Tragödie geendet.

1. Akt: Die Exposition

Beide Mannschaften kämpften vor der Begegnung mit hartnäckigen Problemen. Bei der Borussia waren noch immer fünf Stammkräfte verletzt, zudem war bis kurz vor Anpfiff unklar, ob Spielmacher Nuri Sahin trotz des Bänderteilrisses im Sprunggelenk zur Besetzung gehören würde. Sahin konnte spielen, dahinter stellte Trainer Jürgen Klopp mutig den erst 18 Jahre alten Marian Sarr neben Erik Durm, Sokratis und Kevin Großkreutz in die Abwehr.

Mut bewies Klopp mit dieser Entscheidung auch deshalb, weil der BVB sich keine Fehler und Experimente erlauben durfte: Zum Weiterkommen aus eigener Kraft war ein Sieg nötig. Auf den hoffte auch Gegner Olympique Marseille, das vor wenigen Tagen Trainer Élie Baup wegen anhaltender Erfolglosigkeit gefeuert hatte. Ohne Sieg oder Remis wäre OM das erste französische Team überhaupt, das punktlos aus der Champions League ausscheidet. Eine Schmach.

2. Akt: Das Drama nimmt seinen Lauf

Dortmund zeigte einen furiosen Start mit dem frühen Tor von Robert Lewandowski, nur um zehn Minuten später den Vorsprung einzubüßen. Klopps Team hatte sich nach dem abseitsverdächtigen Gegentreffer durch Souleymane Diwara zwar schnell wieder gefangen und die Kontrolle zurückgewonnen, doch es nützte nichts. Kaum ein Ball erreichte die Angriffsspitze, und wenn, dann schafften es Lewandowski, Marco Reus, Jakub Blaszczykowski oder Henrich Mchitarjan nicht, ihn über die Torlinie zu bringen (sie alle versuchten es).

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BVB-Einzelkritik: Viele Chancenvergeber und ein Mann für alle Fälle

"Wir haben uns das Leben selbst schwergemacht", sagte Kapitän Sebastian Kehl, und sein Trainer analysierte bedeutungsschwer: "Wir haben ganz viel richtig gemacht, aber das Entscheidende falsch." Klopps Kommentar traf es auf den Punkt, Dortmund zeigte dem Publikum im Stade Vélodrome etliche schöne Kombinationen und Winkelzüge, doch meist fehlte der letzte, präzise Pass. Viele Flanken kamen nicht an, unsaubere Bälle häuften sich; laut Klopp waren sie das Resultat des enormen Drucks, der auf seinen Spielern lastete, und der sich durch ihre Überzahl nach der Gelb-Roten Karte gegen Dimitri Payet wegen einer vermeintlichen Schwalbe noch erhöht hatte.

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Marseille vs. Dortmund: Zittersieg in Südfrankreich
3. Akt: Der Höhepunkt

Die schlechte Chancenverwertung wäre ärgerlich, aber vielleicht nicht so tragisch gewesen, hätte nicht in der 73. Minute die Nachricht die Runde gemacht, dass Verfolger Neapel im Parallelspiel gegen Arsenal in Führung gegangen war. Sollte es das nun tatsächlich gewesen sein? Würde der Vorjahresfinalist vor Beginn der K.-o.-Runde kläglich scheitern?

4. Akt: Nochmaliger Spannungsaufbau

Klopp musste handeln, er brachte Lukasz Piszczek für Kehl und Julian Schieber für Reus. "Wir mussten offensiver werden", sagte Kehl, dabei mangelte es dem Dortmunder Spiel eigentlich nicht an Offensive, wohl aber an Effizienz. Als Lewandowski in der 83. Minute erneut eine Chance verstreichen ließ, "dachte ich für einen Moment, dass es nichts wird", gab Dortmunds Vereinsvorsitzender Hans-Joachim Watzke zu.

Großkreutz war für Kehl auf die Sechserposition vorgerückt, "manchmal ein bisschen zu weit", sagte er, "aber ich wollte die Mannschaft unbedingt noch einmal nach vorne bringen. Man muss immer daran glauben, dass es funktioniert. Sonst kann man gleich vom Platz gehen".

Champions-League-Achtelfinalisten

Gruppensieger
Manchester United, Real Madrid, Paris Saint Germain, FC Bayern München, FC Chelsea, Borussia Dortmund, Atlético Madrid, FC Barcelona

Gruppenzweite
Bayer 04 Leverkusen, Galatasaray Istanbul, Olympiakos Piräus, Manchester City, FC Schalke 04, FC Arsenal, Zenit St. Petersburg, AC Mailand

5. Akt: Die Erlösung

Und plötzlich habe der Ball vor ihm gelegen, sagte Großkreutz, und vor sich sah er das Tor: "Ich wollte voll abziehen, aber ich bin vom Ball abgerutscht. Totzdem war der Ball drin. Ein unglaubliches Gefühl." 2:1, drei Minuten vor Ende. Dann ertönte der ersehnte Schlusspfiff.

Großkreutz hatte Dortmund vor dem Aus gerettet, ausgerechnet er, der wegen all der Ausfälle zuletzt in so verschiedenen Rollen gekämpft und gelitten hatte, machte sich zum Helden dieser Nacht in Marseille. Kein Dichter hätte es sich besser ausdenken können. Großkreutz rannte auf die Tribüne zu, sprang über die Bande und schrie den Dortmunder Fans seine Erleichterung ins Gesicht, sie schrien zurück, dankbar für dieses Happy End.

Die Erkenntnis:

Es sei ein kluger Schachzug von Klopp gewesen, Großkreutz zu diesem späten Zeitpunkt vorzuziehen, sagte Watzke, denn er habe den "unbändigen Willen", auch scheinbar aussichtslose Situationen noch zum Guten zu wenden. Genau das ist den Dortmundern trotz aller Widrigkeiten der vergangenen Wochen gelungen, sie haben sich nicht aufgegeben. Das sei ihre größte Stärke, sagte Großkreutz.

Der Sieg gegen Marseille war am Ende nicht schön und nicht einfach, er war im letzten Moment erkämpft, doch das Schicksal könne man eben auch "mit einem reingewürgten Tor" bezwingen, sagte Klopp. Es ist die wohl wichtigste Erkenntnis, die die Dortmunder aus Marseille mitnehmen. Und: Ab jetzt kann es nur besser werden.

Olympique Marseille - Borussia Dortmund 1:2 (1:1)
0:1 Lewandowski (4.)
1:1 Diawara (14.)
1:2 Großkreutz (87.)
Marseille: Mandanda - Fanni, Diawara, Mendes (46. Abdallah), Mendy - Lemina, Cheyrou - Thauvin (79. Imbula), Khalifa (55. Morel), Payet - Gignac
Dortmund: Weidenfeller - Großkreutz, Sarr, Sokratis, Durm - Kehl (78. Piszczek), Sahin - Blaszczykowski (66. Hofmann), Mchitarjan, Reus (78. Schieber) - Lewandowski
Schiedsrichter: Strahonja (Kroatien)
Zuschauer: 35.000
Gelbe Karten: Gignac / Sarr
Gelb-Rote Karten: Payet (34./Unsportlichkeit)

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 337 Beiträge
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alexanderschulze 12.12.2013
1. Duselbayern?
Redet nach dem Spiel gestern abend noch jemand von den "Duselbayern"? Dass ich nicht lache!
LDaniel 12.12.2013
2. schiri
Mhh. War es nicht viel mehr dem Schiedsrichter zu verdanken, der nicht nur einen Elfmeter nicht gegeben hat sondern auch noch den Gefoulten vom Platz ggestellt hat??? Das war Schiedsrichtertechnisch das Albernste, was ich seit sehr langer Zeit gesehen habe
dannyinabox 12.12.2013
3. Hallo Dusel, hallo Wettmafia
Letztes Jahr gegen Malaga schon mit 3/4 Beinen ausgeschieden. Dieses Jahr auch wieder in den letzten Minuten gerettet. Schalke, BVB. Ausser den Bayern haben deutsche Mannschaften vor allem eines gemeinsam: Extremes Dusel. Vor allem im Falle von Schalke gestern würde mich es nicht wundern wenn irgendwann ein Untersuchungsbericht auftauchen würde das besagt das auch dieses Spiel manipuliert war und die Wettmafia ihre Finger im Spiel hatte.
hasenmann123 12.12.2013
4.
Wann geht der Großkreuz eigentlich zu Schalke?
avronaut 12.12.2013
5.
Was verbietet Kritik an den Fehlleistungen des Schiedsrichters? Das Tor von Marseille war nicht verdächtig, sondern klar im Abseits und hätte somit nicht gegeben werden dürfen. Außerdem gab es noch ein Foul des Torwartes von Marseille an Lewandowski, dass klar ein 11m war. Auch das hat der Mann mit der Pfeife vollkommen falsch gesehen und gab dem Dortmunder die Schuld.
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